Wenn Tina Jahnel Dienstschluss hat, kann sie sich nicht einfach in Arbeitskleidung ins Auto setzen und heimfahren. "Das hat ein Bekannter von uns mal gemacht. Er wurde prompt von der Polizei angehalten und musste erklären, wo seine riesige Wunde im Gesicht herkommt."

Als sie an diesem Abend die Tür des Hauses in der Hohensteinstraße aufmacht, krallen sich zwei riesige Insekten an ihrem Gesicht fest. Ein Stethoskop hängt über dem fleckigen Arztkittel. "Ich habe gedacht, wir machen es mal nicht ganz so arg, für die Fotos", sagt sie, während sie ihren Mann Andreas mit der aufgeschlitzten Wange und Tochter Kira vorstellt, die mit Nachthemd, Teddy und blutigen Binden aus einem Halloweenfilm entsprungen sein könnte.


Ihr Haus wird zum Grusel-Treff

So weit hergeholt ist die Assoziation zur Geisternacht vor Allerheiligen nicht, denn in Memmelsdorf und Umgebung ist das Haus der Jahnels eine beliebte Anlaufstelle an Halloween. Fassade, Dach und Vorgarten sind dekoriert und im großen Garten können sich die Besucher in einem Labyrinth gruseln. Hier sind die Horrorgestalten lebendig und in eine Rahmenhandlung eingebunden, mit der die Irrgarten-Gänger vorher vertraut gemacht werden.

Mitmenschen dazu zu bringen, vor Schreck zu schreien, ist für Tina (34), Andreas (38) und Kira (12) ein Leichtes. Nicht nur auf dem eigenen Grundstück. Die drei haben ein ungewöhnliches Hobby: Sie sind Erschrecker. Tina Jahnel konnte diese Freizeitbeschäftigung heuer sogar zum Beruf machen.

Im Norden Deutschlands frönen eine ganze Menge Leute diesem Hobby. Die Jahnels sind über Mitglieder des "Scream Teams" der "Interessengemeinschaft Grusel", die unter anderem im Freizeitpark Plohn in Lengenfeld (Sachsen) aktiv ist, zum Live-Erschrecken gekommen. Vom ersten Kennenlernen über das Mitmachen bis zum Entschluss, in Franken selbst etwas ähnliches auf die Beine zu stellen, verging allerdings noch einige Zeit.


Tragweite abschätzen

Inzwischen hatte das Ehepaar aus Memmelsdorf unter anderem auch schon Einsätze auf dem Hamburger "Dom". Eigentlich muss volljährig sein, wer zu der Truppe gehören will. Wenn die Einsatzzeiten passen, darf Kira dennoch mit von der Partie sei, weil sie mit den Eltern zusammen ist und genau weiß, was sie tut. Tina Jahnel: "Bei anderen Jugendlichen kann es sein, dass sie manchmal die Tragweite nicht so richtig abschätzen."

Denn so viel Spaß die Akteure dabei auch haben - die Tätigkeit bringt Verantwortung mit sich. "Man muss sich auf die Zielgruppe einstellen und einschätzen, wen man mit was konfrontieren kann. Wenn jemand sagt, ,Geh weg!', dann gehen wir weg. Denen, die wirklich Angst haben, bieten wir an, sie mit Taschenlampen nach draußen zu begleiten."


Wenn der Geist den Namen weiß

Ansonsten aber können die Erschrecker viel variieren. "Wir können die Positionen wechseln, mit den Leuten in Dialog treten. Man hört ja, wenn sie sich untereinander unterhalten und erfährt Namen. Wenn derjenige dann bei mir vorbeikommt und ich spreche ihn mit Namen an, das zeigt Wirkung", lacht Tina Jahnel.

"Je mehr die Leute schreien, desto mehr Spaß macht es uns. Lachen sie hinterher und sagen, ,Mensch, das war toll', wollen uns sehen und Fotos machen, dann wissen wir, alles hat gepasst. Irgendwie ist man sowas wie ein Schauspieler. Wenn man fertig geschminkt ist und anfängt, hat man das Gefühl, jetzt ist Showtime."

Wer andere erschrecken will, sollte einfallsreich sein. "Huh oder Buh zu rufen ist tabu. Das geht gar nicht! Wenn man's richtig gut macht, reichen Blicke aus." Jedoch: "Es ist nicht ganz ungefährlich. Steht man zu nah dran, kann es schon mal passieren, das Leute ausholen und zuschlagen", sagt Andreas Jahnel.

Vor einigen Wochen hat seine Frau das Freizeit-Land Geiselwind per Mail angeschrieben und nahezu postwendend Antwort erhalten. Vorstellen, Probespielen und für diese Saison engagiert werden ging fast genau so schnell.

"Ich hatte in Plohn schon ein Arztkostüm gehabt, das musste nur etwas überarbeitet werden. Der Horrorbereich in Geiselwind ist neu aufgebaut. Ums Thema Lazarett dreht sich alles. Da gibt es OP-Equipment und vieles andere, was richtig echt wirkt. Selbst uns hat's gerissen, als wir das erste Mal durchgelaufen sind."

Jetzt ist Tina Jahnel fest angestellte Live-Erschreckerin im Freizeitpark. "Gar so viele dürfte es davon in Deutschland nicht geben", meint sie. Unterstützt wird sie von Mann und Tochter an den Wochenenden und in den Ferien.


Mitstreiter gesucht!

Über einen Facebook-Aufruf hatte sie im April nach Mitstreitern gesucht. Mittlerweile ist die "Scare Crew" schon gewachsen. Doch es könnten noch mehr werden. "Die IG Grusel bespielt im Norden dutzende von Stätten. Sowas müsste sich doch auch für Bayern aufziehen lasen", ist die gelernte Arzthelferin zuversichtlich. "Bei uns kann jeder mal mitgehen und ausprobieren, ob es was für ihn ist und ob er zu uns passt. Die Scare Crew ist bei Facebook zu erreichen."

Sich gruselig schminken zu können ist nicht unbedingt Voraussetzung fürs Mitmachen. "Das kann ich übernehmen. Ich bin ja auch die Maskenbildnerin für uns drei", sagt sie und deutet auf die leichenblassen Gesichter von Mann und Tochter.


Müsli, Latex, Theaterblut

Wie flott und effektiv das geht, zeigt sie am Esszimmertisch: In Kürze hat sie mit flüssigem Naturlatex, schwarzer Farbe und dunkelrotem Theater-Krustenblut eine schwärende Wunde auf ihren Handrücken getupft und dem Gatten mit Müsli-Haferflocken, Latex und Farbe eine Pestbeule auf die Nase gezaubert.

"Bei uns haben alle den Anspruch, dass es so realistisch wie möglich aussieht. Vollmasken kann jeder. Das lehnen wir ab."

"Man braucht schon Selbstbewusstsein, um so zurechtgemacht rauszugehen", sagt die zwölfjährige Kira. "Das ist was anderes, als wenn man ein Kostüm trägt, in dem einen niemand erkennt." Und Selbstbewusstsein hat die Schülerin des Maria-Ward-Gymnasiums, die schießt, reitet und Geschichten schreibt. "Ich muss manchmal viel erklären zu diesem speziellen Hobby, aber meine Schulkameradinnen finden es cool!"

Und was lässt die Profis selbst vor Schreck zusammenfahren? Da müssen alle drei erst überlegen. "Spinnen und schlechte Schulnoten", sagt Kira. "Wenn plötzlich jemand hinter mir steht", meint Tina. Für Andreas, der als Anwendungsbetreuer bei T-Systems arbeitet, hat das eigene Hobby-Umfeld Schreckpotenzial. "Geisterbahnen, die ich nicht kenne. Und in in Horror-Irrgärten erschrecke ich eher vor Puppen als vor lebenden Geistern."

Einen möglichen Nachteil hat das verstärkte Engagement der Jahnels in der "Scare Crew" für die Memmelsdorfer Grusel-Fans. "Wir können nicht garantieren, das es heuer das Halloweenhaus geben wird. Nicht nur, weil jedes Mal irrsinnig viel Arbeit drin steckt, aber fast alle Gäste das für selbstverständlich halten, sondern weil in Geiselwind zu Halloween viele Aktionen geplant sind. Und zerteilen können wir uns leider nicht."