Der Mond ist aufgegangen: Wer kennte das schöne "Abendlied" des Matthias Claudius nicht? Doch werden der im Schnitt 385 000 Kilometer von der Erde entfernten Steinkugel weit mehr als ästhetische Einflüsse zugeschrieben: Je nach Phase soll die Mordrate steigen, die Zahl der Verkehrsunfälle zunehmen, ebenso die der Geburten, Psychiatrie-Patienten würden vermehrt zu Aggression neigen, nicht zu vergessen "Mondholz" und so weiter und so fort. Um es gleich zu sagen: Das alles ist mit wissenschaftlichen Methoden überprüft worden, und die Ergebnisse waren eindeutig. Nichts davon lässt sich nachweisen.

Bleiben wir bei der Zahl der Geburten. Sehr leicht zu überprüfen, denn man braucht nur zählen und zu den Mondphasen ins Verhältnis zu setzen. Eine Studie untersuchte vier Millionen Geburten in Baden-Württemberg von 1966 bis 2003; US-Wissenschaftler nahmen gar 45 Millionen Geburten ins Visier. Das Ergebnis: Sehr wohl ergaben sich jahreszeitliche Häufungen, ein Zusammenhang mit den Mondphasen ließ sich nicht nachweisen. Interessanterweise jedoch mit dem Wochentag. Es wird vermutet, dass am Wochenende weniger Geburten eingeleitet werden.

Viele Patienten möchten dem Rat astrologischer Mondkalender folgen und sich nur während bestimmter Mondphasen operieren ("Je näher dem Vollmond, desto günstiger") lassen. An mehreren Krankenhäusern Österreichs wurden die Komplikationsrisiken z. B. nach Brustkrebsoperationen in Bezug zum Mond gesetzt. Der Mond ist für den Operationserfolg irrelevant, ergab sich.


Überwältigend gute Beweislage

Über Schlafqualität und Vollmond äußert sich der Psychologe Jürgen Zulley (siehe S. 2) hinreichend. Er kann sich auf viele Studien berufen. Eine davon wurde am Münchner Max-Planck-Institut mit großen Teilnehmerzahlen veranstaltet. Zur Objektivierung verwendeten die Forscher Datensätze aus Elektroenzephalogrammen. Eine überwältigend gute Beweislage also mit erwartbarem Ergebnis: Man schläft nicht schlechter, weil der volle Mond durchs Fenster scheint.

Kommen wir zum alten Volksglauben - der quicklebendig ist; laut einer Forsa-Umfrage gestehen 90 Prozent der deutschen Bevölkerung dem Erdtrabanten Einflüsse auf das menschliche Verhalten zu - von der bei Vollmond zunehmenden Aggressivität der Menschheit. Die amerikanischen Wissenschaftler Ivan Kelly, James Rotton und Roger Culver gingen dieser These in einer Metastudie, also einer Gesamtschau über ca. 100 Einzeluntersuchungen, nach. Mordrate, Selbstmord, Notrufe an Polizei oder Feuerwehr, Entführungen, Überfälle, Schusswunden, Messerstechereien, ja sogar Schlägereien bei Eishockeyspielern sind in Relation zu ab- oder zunehmendem Mond gesetzt worden. Das Resultat auch hier wieder: Nach allen wissenschaftlichen Ergebnissen existiert kein Einfluss des Mondes auf das menschliche Verhalten.

Und wie steht's mit den Pflanzen? Raunt nicht "uraltes Bauernwissen" vom "Mondholz", das bei abnehmendem Mond geschlagen werden solle? Die Fakultät Forst-, Geo- und Hydrowissenschaften der TU Dresden hat sich mit dem Thema beschäftigt und keinen Zusammenhang zwischen dem Stand des Mondes zum Zeitpunkt der Fällung und den Holzeigenschaften gefunden. Ja, und die Gezeiten? Diese Kräfte hängen von der Größe der aufeinander wirkenden Objekte ab. Wenn eine Friseuse die Haare schneidet, ist ihre Anziehungskraft auf den Kunden ca. 80 000-mal größer als die des Mondes...

Das alles wird durch den Boom der Mondkalender vor allem seit Beginn der 1990er Jahre popularisiert. Die wiederum sind kompiliert aus Astrologie, aus jahrhundertelang weitergeschleppten Mythen, einiges ist auch schlicht frei erfunden. Übrigens muss altes Wissen nicht unbedingt richtig oder hilfreich sein. Bis vor etwa 200 Jahren glaubte man auch an die segensreiche Wirkung des Aderlasses.