Was haben ein idealistischer Autor und ein wahnsinniger Ritter gemeinsam? Sie sind beide der Mann von La Mancha. Die Musical-Adaption des Don Quijote-Stoffs von Dale Wasserman, Mitch Leigh und Joe Darion feierte im E.T.A.-Hoffmann-Theater eine wenngleich nicht ausverkaufte, so doch durchaus viel beklatschte Bamberg-Premiere.

Die Rahmenhandlung des Musicals, das 1965 in New York seine Premiere als "Man of la Mancha” erfuhr, ist schnell erzählt: Der Dichter Miguel de Cervantes wird ins Gefängnis geworfen, die Inquisition hat ihn ins Visier genommen. Die Mithäftlinge sind ihm allerdings kaum weniger freundlich gesonnen, im Kerker stellen sie ihn vor ein Tribunal. Cervantes Plan: Zu seiner Verteidigung will er ihnen seine Posse um Don Quijote und Sancho Pansa vorspielen.
So entwickelt sich ein Stück im Stück, bei dem Szene um Szene über die Bühne rauscht.

Der heimliche Star der Bamberger Musical-Inszenierung ist ohnehin die Bühne selbst (Ausstattung: Karin Fritz): Steil abfallende Seitenwände begrenzen den beklemmend wirkenden Kerkerraum, erzeugen eine sogartige Wirkung, die Gefangenen fallen gleichsam über eine Zugtreppe in einen Trichter; stets schwebt die Inquisition über ihnen, öffnet mal die Tore zur Außenwelt, um dann, ihre Macht demonstrierend, das Licht wieder aus dem Gefängnis zu verbannen.

Stroboskop und SS-Uniform

Ein Stroboskop schickt Lichtblitze über die Bühne, eindrucksvoll senken sich die scheinbar schweren Deckenbalken auf die Gefängnisinsassen zu, drohen Don Quijote in seinen Wahnvorstellungen zu zerquetschen. Warum der Gefängnishauptmann allerdings in SS-ähnlicher Uniform aufläuft und auch die Häftlinge mit ihren blau-weiß gestreiften Anzügen recht aufdringlich an KZ-Insassen erinnern, erschließt sich nicht, trägt es doch nichts zur Interpretation des Stücks bei.

Volker J. Ringe gefällt vor allem als latent wahnsinniger, zauseliger Don Quijote mit irrem Blick; der personelle Kontrast zum idealistischen Autor Cervantes ("Ich hatte einfach nicht den Mut, an nichts zu glauben.") könnte jedoch noch stärker herausgearbeitet werden. Iris Hochberger als Aldonza alias Dulcinea, vom Gros der Männer wie eine Hure behandelt, von Don Quijote zur tugendhaften Angebeteten stilisiert, präsentiert eine starke Frau, die freilich mit dem Leben abgerechnet hat: "Die Welt ist ein Misthaufen, und wir sind die Maden, die darin herumkriechen."

Krasse Szenen zu zarten Klängen

Sätze wie dieser hätten allerdings in der Inszenierung, bei der es auch an Schaukämpfen nicht fehlt, durchaus mehr Raum verdient. Eine Massenvergewaltigungsszene hingegen erweist sich, auch aufgrund der energetischen Umsetzung Hochbergers, die über die Bühne geschleudert wird, als derart drastisch, dass die untermalenden Klarinetten- und Flötenklänge aus dem Orchestergraben nicht so recht dazu passen wollen.

Patrick L. Schmitz, gewohnt sicher in der Rolle des komisch-tollpatschigen, Sprüche klopfenden Rittergefährten Sancho; Florian Walter, mal als überlegener Gefangenenhäuptling, mal als überforderter Gastwirt; Felix Pielmeier als arroganter Dr. Carrasco respektive argwöhnischer Gefängnis-"Herzog" im mottenzerfressenen Pelzmantel: Sie alle tragen zur sehr präsenten Bühnenleistung des Ensembles bei. Stimmlich gefällt vor allem Nadine Panjas, die in ihrem Gesangspart Qualitäten einer Rockröhre beweist und als Esel-Imitation ihr Talent fürs Komische durchscheinen lässt.

Beim Musical "Der Mann von La Mancha" führt in Bamberg Ernö Weil Regie, dem eine flotte und kurzweilige Inszenierung gelungen ist, getragen von der musikalischen Umsetzung des Stoffs durch die Band "ensembleKontraste" aus Nürnberg und ergänzt um den wunderbaren Klang eines Fender Rhodes Pianos, gespielt vom musikalischen Leiter Manfred Knaak.

Einen tiefgehenden Theaterdiskurs um die zeitlosen Werte, die Don Quijote vertritt - Gerechtigkeit allen voran, aber auch Liebe, Bescheidenheit und Tugend etwa -, sollte man bei "Der Mann von La Mancha" allerdings nicht erwarten. Aber das ist wohl auch nicht der Anspruch dieses Musicals.