Ganze Generationen haben als Schulkinder "Alle Vögel sind schon da" gesungen oder "Kuckuck, Kuckuck, ruft aus dem Wald". Naturgemäß nicht ahnend, wer diese ins lyrische Volksvermögen eingegangenen harmlosen Lieder gedichtet hatte. Ja, es ist derselbe, der vor 175 Jahren das "Lied der Deutschen" ersann, auf Helgoland, das damals noch Teil des British Empire war.

August Heinrich Hoffmann (1798-1874), der sich nach seinem Geburtsort im Braunschweigischen "von Fallersleben" nannte, verbrachte auf der Nordseeinsel einen vierwöchigen Erholungsurlaub. Der Gelehrte wirkte ab 1823 in Breslau als Professor für deutsche Sprache und Literatur sowie Kustos der dortigen Universitätsbibliothek.

Ungefähr zur gleichen Zeit wie das Lied der Deutschen entstand sein zweiteiliger Gedichtzyklus "Unpolitische Lieder", die natürlich alles andere als unpolitisch waren und für die Hoffmann von Fallersleben 1842 von der preußischen Regierung seines Amts enthoben wurde. Fortan pilgerte er zehn Jahre als wandernder Vortragskünstler durch Deutschland, ließ sich schließlich in Weimar nieder und fand ab 1870 als Bibliothekar in Corvey (bei Höxter an der Weser) einen Altersruhesitz.

 


Das Deutschlandlied wurde erstmals 1922 zur Nationalhymne erhoben vom damaligen Reichspräsidenten Friedrich Ebert.

 

Als eine Art inoffizielle Hymne hatte bis dahin "Heil dir im Siegerkranz" gegolten, nach Reichsgründung 1871 die sogenannte Reichshymne, gesungen zur Melodie des englischen "God Save The Queen". Unter den Nazis wurde nur die erste Strophe der Nationalhymne gesungen oder gespielt, kombiniert mit dem Horst-Wessel-Lied. Das wurde nach 1945 verboten. Nicht verboten ist die ominöse erste Strophe des Deutschlandlieds, dessen dritte Strophe Bundespräsident Heuss und Bundeskanzler Adenauer 1952 zur Hymne der noch sehr jungen Bundesrepublik erkoren. Nach der Wiedervereinigung 1990 tauchte die Frage einer Nationalhymne erneut auf und wurde von Präsident von Weizsäcker und Kanzler Kohl wie so vieles einfach über die Köpfe der neuen Landsleute entschieden. Die sangen seit 1950 "Auferstanden aus Ruinen" von Johannes R. Becher mit einer Melodie Hanns Eislers.

Weil aber darin gleich in der ersten Strophe "Deutschland, einig Vaterland" auftauchte, wurde das Lied ab Beginn der 70er Jahre in der DDR nur mehr gespielt, nicht gesungen.


Biermann oder Biedermann?

Hoffmann von Fallerslebens "Lied der Deutschen" wurde meist gesungen zur 1797 entstandenen "Kaiserhymne" Joseph Haydns. Das auf den ersten Blick national-chauvinistische "Deutschland, Deutschland über alles / über alles in der Welt" verdient einen zweiten Blick und ist nur im Kontext seiner Entstehung richtig zu interpretieren. Hoffmann von Fallersleben war nämlich mitnichten ein glühender Nationalist im heutigen Sinne.

Er war ein typischer Vertreter des Vormärz, ein selbstbewusster Mann, der nach dem Erlöschen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1806) eine demokratische Verfassung wollte, ein geeintes Deutschland, das ja immer noch gespalten war in etliche Staaten wie

Preußen und die Königreiche Württemberg und Bayern, und die Emanzipation seiner Klasse, des Bürgertums. Insofern ist er ein Teil der demokratischen Bewegungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die im Hambacher Fest (1832, siehe Illustration oben) einen ersten Höhepunkt erlebten. Freilich: Der "verspäteten Nation" (Helmuth Plessner) haftete seit den Befreiungskriegen etwas unangenehm Völkisches, Chauvinistisches an. Das geht los bei Heinrich von Kleist ("Dämmt den Rhein mit ihren Leichen") und hört bei Hoffmann von Fallersleben lange nicht auf, der nicht nur gegen Fürsten dichtete, sondern auch gegen Franzosen, Russen und, wie sollte es in Deutschland anders sein, gegen Juden.

 


Als Poet war er sowieso nur Mittelmaß, vergleichbar Ludwig Uhland, Georg Weerth, Ferdinand Freiligrath und, vielleicht am besten, mit Victor von Scheffel, dem Dichter des "Frankenlieds". Die zweite Strophe des Lieds der Deutschen geht zurück auf Walther von der Vogelweide und sein "Preislied", entstanden um 1200 ("Von der Elbe unz an den Rîn / und her wider unz an Ungerlant"). Manche gehen so weit, Hoffmann von Fallersleben mit linken Liedermachern wie Franz Josef Degenhardt oder Hannes Wader zu vergleichen. Das ist sicher zuviel der Ehre für den biederen Professor, der zwar einerseits fortschrittlich gesinnt war, andererseits nationalistischen Versuchungen nicht widerstand. Er erreichte weder die dichterische Brillanz noch die politische Weitsicht seines großen Vorbilds Heinrich Heine. Und die Chance, Brechts "Kinderhymne" von 1950 ("Anmut sparet nicht noch Mühe") zur gesamtdeutschen Nationalhymne zu erheben, ist vertan.

 

 

 


Kommentar: Wer braucht die Hymne?

Natürlich ist es leicht zu spotten, wenn Olympiasieger auf dem Podest stehen und pathetisch Nationalhymnen abgedudelt werden. Noch leichter ist es, einen Philosophen wie Schopenhauer als Bundesgenossen anzuführen, der Nationalstolz elegant erledigte: "Jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz seyn könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu seyn." Und das Deutschlandlied misstrauisch zu beäugen, bietet die deutsche Geschichte Anlass genug. Andererseits ist der Mensch kein wurzelloses Wesen, anders als linke Utopien ("Internationale") und der Neoliberalismus mit seinem Verlangen nach unbegrenzter Flexibilität propagieren.

 

 

 


Wer also das Bedürfnis nach Hymnen hat, der singe sie, zwinge aber niemanden zu Ergriffenheit - die zu Parodien herausfordert wie die von Horst Tomayer 1986 ("Deutschland, Deutschland over allos / Auf der Straße liegt das Geld") und den Satiriker vor Gericht brachte. Am sympathischsten ist immer noch das Bekenntnis zur Region und Indifferenz der Nation gegenüber, wie es Karlheinz Deschner formulierte: apatriotischer Kosmopolit zu sein und leidenschaftlicher Franke.