Herzogenreuth
Wiederaufbau

Das dumpfe Krachen verfolgt ihn jetzt noch

Vor einem Jahr ist der Milchviehstall der Möhrleins aus Herzogenreuth (Gemeinde Heiligenstadt) unter einer großen Schneelast zusammengebrochen. Wie geht es der Familie und ihren Tieren heute?
Ass vertilgt genüsslich Silage vom Futtertisch. Neben der Fleckviehkuh steht ein Christbaum. Aus dem Radio erklingen Nachrichten und Musik. Frische Luft durchdringt den Milchviehstall von Nikolaus Möhrlein. Zusammen mit seinen Söhnen David (13), Samuel (8) und Simeon (7) sieht er nach dem Rechten. Es hat sich wieder Normalität eingestellt. Nach einem Jahr. Denn Anfang 2011 war das Stalldach unter der Schneelast zusammengebrochen und auf die 60 Milchkühe gestürzt. Ass war eine davon.

Es hat lange gedauert, bis sich Nikolaus Möhrlein die Fotos ansehen konnte. Erst vor wenigen Wochen war das, sagt seine Frau Andrea. Das dumpfe Krachen, das ihn damals aus dem Schlaf riss, das verfolgt ihn noch immer. Das wird er wohl nie vergessen, ebenso wie den Anblick, als er durchs Fenster sah und mit einem Trümmerhaufen konfrontiert war. Heute, ein Jahr später, schaut sich der 39-Jährige seinen Stall gerne an. Schön sei er geworden und besser für die Tiere, das heißt heller und noch luftiger, findet er. Die Entscheidung, den Stall wieder aufzubauen, sie sei richtig gewesen, sieht sich das Ehepaar bestätigt. Auch wenn man jetzt auf Verbindlichkeiten von 250 000 Euro sitzt. Mit der Versicherung steht ein Rechtsstreit an.

Doch jetzt gelten die Gedanken des Ehepaars hauptsächlich dem Helferfest. Das ist Möhr-leins echtes Anliegen. Zum Glück hat Andrea Möhrlein jeden Tag nach dem Dacheinsturz, das heißt auch für den Unglückstag selbst im Kalender festgehalten, wer half und was alles erledigt wurde. Auf diese Notizen konnte sie bei der Erstellung der Liste für die Dankschreiben zurückgreifen. Die Liste umfasst über 80 Personen. Ohne die vielen Helfer wäre der Wiederaufbau nicht zu schaffen gewesen, wissen Möhrleins. Nur vier Wochen nach dem Einsturz war ein neuer Stall auf dem alten Fundament so weit fertig, dass die verbliebenen Kühe wieder heimgeholt werden konnten. Bis dahin waren die Milchkühe bei Georg Hollfelder in Litzendorf und das Jungvieh bei anderen Landwirten in der Nähe untergebracht. Möhrleins sind noch immer bewegt von dem, was ihnen an Hilfe zuteil wurde. Jörg Schmitt war nahezu jeden Tag am Hof, "der gehört nun schon dazu", sagt Andrea Möhrlein. Und selbst Erzbischof Ludwig Schick hat die Familie kurz nach dem Unglück besucht. "Ich bin mir sicher, der hat auch viel gebetet, denn ohne den Herrgott wäre das nicht alles so gegangen", betont Nikolaus Möhrlein. Wie ein Fels in der Brandung und der ruhende Pol bei allem sei für ihn Ehefrau Andrea gewesen, merkt er weiter an. "In Selbstmitleid zu verfallen, das nutzt nix", sagt die Pragmatikerin. Und am allerwichtigsten sei es doch, dass beim Einsturz kein Mensch zu Schaden gekommen und danach keinem Helfer etwas passiert ist, findet sie. Die Milchkühe waren zwar alle aus dem Stall geholt worden, nur hatten einige so schwere Verletzungen, dass sie zum Schlachter mussten oder nicht mehr eingesetzt werden konnten. So musste Möhrlein die Hälfte seiner Milchkühe, also gut 30, ersetzen, das heißt neu anschaffen. Schließlich lebt die Landwirtsfamilie von dem Ertrag der Milch, die ihre Kühe "produzieren". Der Rinderzuchtverband habe sie bei den Ersatzbeschaffungen sehr unterstützt, betont Möhrlein. Die Baufirma habe ihr Bestes gegeben und auch die Banken hätten sich sehr kooperativ gezeigt. Nur von der Versicherung sind Möhrleins mehr als enttäuscht. Obwohl sie es schriftlich haben, dass ein Beratungsfehler vorlag. Gerade mal 5600 Euro haben sie bekommen. Auf Kulanz. Jetzt wird geklagt.

Aus seinen negativen Erfahrungen rät Nikolaus Möhrlein seinen Berufskollegen dringend, ihre Policen durchzusehen, um zu wissen, was sie versichert haben. Möhrleins haben das nun ihrerseits getan und alle Gebäude auch gegen Elementarschäden versichert. Zu Elementarschäden zählen beispielsweise Schäden durch Erdbeben, Schneelast, Hochwasser und Vulkanausbruch...

"Wir sind froh, dass wir uns haben", unterstreicht Nikolaus Möhrlein mit Blick auf seine Familie. Stolz ist er nun wieder auf seinen Bestand. Es habe gedauert, bis sich die Tiere, die alles überstanden hatten, wieder erholt haben. Zu ihnen habe er einen noch intensiveren Bezug.

Zum Glück verlief die Reproduktion der Tiere gut: "60 Kalbungen und 63 Kälber" konkretisiert David. Er und seine Brüder sind gerne im Stall, jeder hat seine Lieblingskuh, Simeon Luise, David Tessa. Und Samuels Favoritin ist Ass. Deswegen hat er dafür gesorgt, dass der Christbaum bei ihr steht. Das sei ihm nach dem Unglück wichtig gewesen, führt Andrea Möhrlein aus. Ass frisst genüsslich.