"Dann dauert der Prozess ja noch zwei Jahre", flüsterte ein Zuhörer seinem Nachbarn im Sitzungssaal zu. Sein Kommentar bezog sich auf die vielen Beweisanträge, die von der Verteidigung am Montag im sogenannten Chefarzt-Prozess gestellt wurden. Es waren mehr als ein Dutzend.

Verteidiger Rechtsanwalt Dieter Widmann und der angeklagte ehemalige Bamberger Chefarzt Heinz W. - inzwischen 51 Jahre alt - trugen sie abwechselnd vor. Die Tatsache, dass ein Beschuldigter selbst Beweisanträge formuliert und verliest, gehört zu den Besonderheiten im längsten Indizienprozess der Bamberger Justizgeschichte: Er läuft seit 7. April 2015. Der Montag war der 65. Verhandlungstag.

Geht es nach W. und seinen Verteidigern, dann ist in absehbarer Zeit kein Urteil zu erwarten. Vielmehr wollen sie den Beweis dafür antreten, dass das Verfahren gegen ihn wegen Vergewaltigung und mehr das "Ergebnis einer Massenhysterie" sei.

Als Gutachter, der das angeblich bestätigen wird, und damit die Wende im Prozess bringen soll, benannten sie Professor Günter Köhnken. Köhnken war bis 1. März 2015 Inhaber des Lehrstuhls für psychologische Diagnostik, differentielle Psychologie und Persönlichkeitspsychologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Der frühere Hochschulprofessor ist inzwischen im Ruhestand.


Kein objektives Verfahren?

Die Verteidigung behauptet, ein objektives Verfahren gegen W. sei schon zum Zeitpunkt des Prozessbeginns nicht mehr möglich gewesen sei. Schuld daran seien die zahllosen Medienberichte in Presse, Funk und Fernsehen über den angeblichen Skandal am Bamberger Klinikum gewesen, wo W. bis zu seiner Festnahme im Sommer 2014 die Klinik für Gefäßchirurgie geleitet hat. Die Veröffentlichungen hätten die Zeuginnen beeinflusst und glauben gemacht, sie seien Opfer von W. geworden.

Wörtlich ist im Beweisantrag von einem "Medien-Tsunami" die Rede, ausgelöst durch die Vorwürfe von Sexualstraftaten gegen einen Chefarzt. Dieser "Tsunami" hätte "zwangsläufig eine massive Suggestivwirkung auf Zeugenaussagen" ausgeübt.

Davon wiederum sind nach Überzeugung der Verteidiger die Ermittlungsbehörden unter Druck geraten. Sie hegen den Verdacht, dass Staatsanwaltschaft und Polizei nur belastendes Material gegen Heinz W. zusammen getragen hätten.


Spielen "örtliche wirtschaftliche Interessen" eine Rolle?


Das hatte nach Ansicht der Verteidigung auch "örtliche wirtschaftliche Interessen": Der Ermittlungsbehörde sei im Sommer 2014 daran gelegen gewesen, "größeren Schaden" für die Sozialstiftung beziehungsweise die Stadt Bamberg als frühere Arbeitgeberin des Angeklagten abzuwenden.

Damit sich der emeritierte Professor aus Kiel selbst ein Bild vom angeblichen "Medien-Tsunami" und dessen Folgen machen kann, soll das Gericht in Anwesenheit Köhnkens "sämtliche Presse- und sonstige Medienberichte" in das Verfahren einführen.

Anschließend wäre es aus Sicht der Verteidigung zwingend notwendig, im Beisein des Sachverständigen einen wesentlichen Teil der Beweisaufnahme zu wiederholen. Wenigstens alle zwölf Nebenklägerinnen und mutmaßlichen Opfer sowie Zeugen aus deren Umfeld müssten erneut vernommen werden, so Widmann.

Dann werde man aus dem Mund des Gutachters hören, dass die Glaubhaftigkeit der Zeugenaussagen in diesem Verfahren nicht beurteilt werden könne. Weil sie so vielen Einflüssen von außen ausgesetzt gewesen seien, sei es unmöglich, wahre Inhalte ihrer Aussage von solchen zu trennen, die durch Suggestion zu Stande gekommen seien.

In weiteren Beweisanträgen, die am Montag gestellt wurden, geht es unter anderem um verschiedene medizinische Fragen rund um W.s Spezialgebiet, die Beckenvenenthrombose, und um die Wirkungsweise des Sedativums Midazolam, das der Angeklagte seinen mutmaßlichen Opfern verabreicht haben soll, um sie wehrlos zu machen.

Die Verteidigung verlangt zudem, dass die Prozessbeteiligten - zusätzlich zu den Bildern in den Gerichtsakten - weitere 24 000 Fotos aus dem Besitz des Angeklagten in Augenschein nehmen. Damit wollen sie den Vorwurf entkräften, W. habe intime Aufnahmen von Patientinnen und Klinikums-Beschäftigten aus sexuellem Interesse gefertigt.

Der ehemalige Chefarzt beteuert, auch die beschlagnahmten Fotos hätten rein wissenschaftlichen Zwecken gedient. Er will zum Zeitpunkt seiner Festnahme auf dem Weg gewesen sein, eine "Pioniermethode" für Frauen mit Beckenvenenthrombosen zu entwickeln. Die Bilder seien, in anonymisierter Form, für Vorträge und Fortbildungsveranstaltungen gedacht gewesen.


Sachverständige im Schussfeld

Auch drei Sachverständige aus Würzburg, die W. mit ihren Gutachten belastet haben, sind Gegenstand eines Beweisantrags. Die Verteidigung sprach ihnen schon wiederholt Kompetenz und Unabhängigkeit ab. Nun kommt heraus, dass die Professoren vor Gericht eine bisherige Zusammenarbeit verneint haben sollen, obwohl sie einem Gutachter-Team angehören, das auch im Internet gemeinsam für seine Dienste wirbt.


Am 20. September geht es weiter

Kurze Stellungnahmen zu den Beweisanträgen gaben nur Leitender Oberstaatsanwalt Bernd Lieb und Rechtsanwalt Jürgen Scholl als Nebenkläger-Vertreter ab. Lieb kritisierte, dass die Verteidigung die mutmaßlichen Opfer erneut dem "Martyrium" der Zeugenaussage aussetzen will. Scholl glaubt, die Antragsflut diene in erster Linie dazu, das Verfahren zu verschleppen.

Die Richter der Zweiten Strafkammer müssen über jeden Antrag beraten und entscheiden. Ob das bis zum 20. September der Fall sein wird, wenn der "Chefarzt-Prozess" voraussichtlich weitergeht, bleibt abzuwarten. Offen ist auch noch ihre Entscheidung über den Antrag der Verteidigung, einen Sexualforscher als weiteren Sachverständigen beizuziehen.