Durch ein Spalier grimmig dreinblickender, enttäuschter und aufgebrachter, aber noch nicht feindseliger Bürger mussten die Marktgemeinderäte zu ihrer Sitzung am Dienstagabend schreiten: Ihre Absicht, den Hirschaider Haltepunkt der Deutschen Bundesbahn (vom griffigen "Bahnhof" ist offiziell nicht mehr Rede) südlich der Maximilianstraße zu verlegen, treibt erwartungsgemäß die Anlieger des "Leimhüll" auf die Palme.

Unvermutet hinterm Gartenzaun eine Bahnstation mit Lautsprecherdurchsagen von früh bis spät, an- und abfahrende, oft quietschende Züge, dazu eine zweigeschossige Parkanlage und ein bis zu elf Meter hohes Bauwerk zur Überbrückung des Bahnkörpers zu erhalten, das wird als höchst unfreundlicher Akt der Marktgemeinderäte empfunden.
Die hatten sich eigentlich darauf vorbereitet, Dienstagabend grundsätzlich die Haltepunktverlegung in den Bereich "Hohe Beete/Leimhüll" - wie im Gemeindeentwicklungskonzept vorgesehen - zu beschließen.

Zwar sollte das Vorhaben weiterhin unter dem Vorbehalt der Finanzierbarkeit stehen, aber die Zielrichtung war eindeutig. Nach eineinhalbstündiger Vorstellung des Projektes und Beratung wurde kurzerhand die Vertagung beschlossen. Es sollen weitere Alternativen geprüft werden. Und vor allem möchte man wissen, auf welches finanzielle Abenteuer Hirschaid sich da einlassen würde. Die Bundesbahn ist nämlich an einer Verlegung des Haltepunkt nicht interessiert und will sich demzufolge an den Kosten nicht beteiligen. Während zuletzt der Sprecher der Freien Wähler, Gerd Porzky, von höchstens einer halben Million Kostenanteil des Marktes Hirschaid sprach, ließ sich Bürgermeister Homann diesmal zu einem vielsagenden "zwischen einer Million und zehn Millionen" hinreißen.

Der mit einer Machbarkeitsstudie beauftragte Diplomingenieur Richard Reinl vom Planungsbüro Emch & Berger Nürnberg, mochte selbst auf gezielte Nachfrage nicht einmal eine Hausnummer nennen und redete sich darauf hinaus, dass Hirschaids Kostenanteil an einer Haltepunktverlegung letztlich vom - noch völlig ungewissen - Staatszuschuss abhängen werde.

Bürgermeister Homann stellte denn auch mit Blick in die Runde fest, dass eine eindeutige Mehrheit des Marktgemeinderats bei dem zu fassenden Grundsatzbeschluss wohl nicht zu erwarten ist und plädierte wie einige Räte zuvor für die Vertagung. So können die Hirschaider ausführlich die Baupläne der Bundesbahn kennen lernen (Bericht folgt) und sie können sich noch einbringen in die Lösung der Frage, wie Hirschaids Verkehrsprobleme zukunftsweisend gelöst werden sollen. Denn umgehend wurde die Einrichtung einer "Planungsgruppe ICE-Ausbau" als offizielles Bürgerforum beschlossen: Vertreter der Fraktionen des Marktgemeinderates und interessierte, betroffene und sachverständige Bürger sollen Vorschläge ausarbeiten.

Damit tritt man auch der Kritik der Anwohner des Leimhüll entgegen, dass wichtige Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg vorbereitet und gefällt werden. In einem von rund 30 Anliegern unterschriebenen Protestbrief wird zwar eingeräumt, dass am Leimhüll neue Parkplätze geschaffen werden müssen. Doch wird auch darauf hingewiesen, dass den Pendlern der vielleicht 200 Meter lange Fußweg zu den jetzigen Bahnsteigen durchaus zugemutet werden könne. Zudem bringen die Anlieger einen Vorschlag ein, wie dieser Fußweg verbessert werden kann: Durch einen an die Bahnüberführung anzufeldernden Fußgängersteg könne die Anbindung wesentlich kostengünstiger als durch eine Haltepunktsverlegung erreicht werden.

Im Übrigen verweisen die Bürger darauf, dass durch verkehrslenkende Maßnahmen bereits eine optimale Fußgängersicherheit im Umfeld des jetzigen Bahnhofs gegeben ist. Zur heute erforderlichen Barrierefreiheit wolle die Bahn zudem ihren Beitrag leisten. In den Augen der Anlieger des Leimhüll wäre die Verlegung des Haltpunkts nach Süden "gemeindeschädlich" und die reine "Verschwendung von Steuergeldern".

Nach Informationen von Bürgermeister Homann will sich die Bundesbahn am jetzigen "Bahnhof" noch doch auf den Neubau eines 4,50 Meter breiten Fußgängertunnels mit behindertengerechten Aufgängen zu den Bahnsteigen einlassen. Die Gemeinde müsste auf ihre Kosten lediglich einen Zugang zu diesem Tunnel für die Bewohner der Baugebiete östlich der Bahnlinie schaffen. Die Kosten für diese Unterquerung des Bahnkörpers könnten beim Neubau einer Überquerung auf dem Gelände des etwaigen südlichen Haltepunkts gegengerechnet werden. Ansonsten aber kämen erhebliche Baulasten auf die Marktgemeinde zu. Sogar den jetzigen Fußgängertunnel müsste sie ertüchtigen. Auf jeden Fall müsse neuer Parkraum geschaffen werden, da der jetzige Pendlerparkplatz auf der früheren Kleingartenanlage der Eisenbahn dem Ausbau der ICE-Strecke geopfert werde. Homann knirscht dabei mit den Zähnen, denn eigentlich müsste es ja Sache des Verkehrsunternehmens sein, seinen Kunden Parkplätze zur Verfügung zu stellen.

Eindrucksvolle Pläne eines zeitgemäßen Bahnübergangs "in exponierter Lage" warf Diplomingenieur Reinl an die Wand: Beiderseits des viergleisigen Bahnkörpers hat er bis zu elf Meter hohe "Rampenbauwerke" mit kreisförmigen Auffahrten konzipiert. Deren Neigung von nur 6 Grad soll den Aufstieg auch mit Rollator oder Rollstuhl ermöglichen Über eine Brücke in 7,50 Meter Höhe kann der Treppen- und Aufzugturm zum mittleren Bahnsteig erreicht werden, an dem künftig die Regional- und S-Bahnzüge halten werden. ICE und Ferngüterzüge werden auf den beiden Außengleisen ohne Halt durch Hirschaid brausen.

Doch müssten auch entlang der Außengleise Bahnsteige errichtet werden, um den Bahnfahrern den Zugang zu der Anlage zu ermöglichen. Statt der Türme mit den Fahrrampen könnten auch Aufzug- und Treppentürme errichtet werden, die allerdings hohe Folgekosten verursachen würden, gab der Planfertiger zu bedenken. Am Leimhüll sieht er zwei getrennte Parkanlagen vor, teils ebenerdig, teils zweistöckig. Dafür sei auch der Bau von Zufahrten erforderlich, erklärte Reinl.

Begeisterung sieht anders aus, Ernüchterung war greifbar: Roswitha Dirmeier (CSU) möchte "nicht wie ein Hamster" in den Rampentürmen über die Bahnstrecke turnen, SPD-Sprecher Dr. Josef Haas sieht sich wiederum in seiner Ablehnung des ICE-Projektes bestätigt. Albert Deml (ÖL) fordert Alternativpläne; Zweite Bürgermeister Elke Eberl (CSU) will keinen Schnellschuss zu Lasten der Anlieger und möchte die gigantischen Türme nicht im Ortsbild. Peter Dresel (CSU) hält die Verlegung des Haltepunkts für einen "Schmarrn", Kurt Barthelmes (WG Regnitzau) wünscht vorrangig den Grunderwerb und seine Fraktionskollegin Romana Gensel bekundete: "Das ist schon ein Schlag, was wir heute gesehen haben."

CSU-Fraktionssprecher Heinrich Dorn sieht die Kosten explodieren und will deshalb nichts übers Knie biegen. Ein "Schaulaufen der Christlichen" konstatierte daraufhin Udo Wüst (FW), doch erkannte er so wenig wie Roland König (ÖL) eine Chance, auf Anhieb eine Grundsatzentscheidung für die Verlegung des Bahnhalts Hirschaid zustande zu bringen. Angesichts einer Entscheidung, die 100 bis 200 Jahre von Bedeutung sei, so König, ist eine nochmalige Denkpause nicht das Schlechteste.