Die Bundestagswahl 2021 steht unmittelbar bevor - diesen Sonntag (26. September 2021) wird endlich gewählt. Die Parteien setzen zum Endspurt an. Hinter ihnen liegt ein langer, kräftezehrender Wahlkampf. CDU und CSU erwarten im Vergleich zur vorherigen Wahl im Jahr 2017 herbe Verluste. Auch wenn die Union gegenüber der SPD zuletzt wieder etwas Boden gut gemacht hat, sitzt die Enttäuschung bei vielen Politikern und Anhängern der beiden Schwesterparteien tief. 

So ernüchternd die Gegebenheiten für die Union derzeit auch sein mögen - stellt die Ausgangslage für die CSU dabei "eine durchaus luxuriöse Situation" dar. Das sagt der Wahlkampf-Experte Prof. Dr. Olaf Hoffjann von der Universität Bamberg. inFranken.de hat den Kommunikationswissenschaftler wenige Tage vor richtungsweisenden Wahl zur Strategie der CSU  befragt - und insbesondere zur Rolle von Parteichef Markus Söder.

Bamberger Kommunikationswissenschaftler: "Ein Kanzlerkandidat Söder hätte das anders gemacht"

Olaf Hoffjann vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Bamberg gibt im Gespräch mit inFranken.de seine Einschätzung zum Bundestagswahlkampf der CSU. Vom Kanzlerkandidaten der Union vermisst er klare Ansagen. "Laschet ist immer vage geblieben", sagt Hoffjan. "Ein Kanzlerkandidat Söder hätte das anders gemacht." Den CSU-Chef sieht er indes in Hinblick auf Armin Laschet in der "Glaubwürdigkeitsfalle“.

Welche Kommunikationsstrategie nutzt die CSU im aktuellen Bundestagswahlkampf? Auf welche Themen und Inhalte konzentriert sich die Partei? Lässt sich dies in wenigen Sätzen beschreiben? 

Hoffjann: Inhaltlich lässt sich festhalten: Das ist ein Bundestagswahlkampf für die CSU, wie er sich von dem der Vorjahre, auch gerade der Merkel-Zeit, nicht sehr unterscheidet. Es ist bei der CSU natürlich klar: Der wichtigste Wahlkampf, die wichtigste Wahlkampagne ist immer die Landtagswahl. Gerade, wenn kein CSU-Kandidat wie 2002 Stoiber Kanzlerkandidat ist, ist es für die CSU als bayerische Partei immer ein wenig schwierig, eigene Akzente zu setzen und in Abgrenzung zur CDU sichtbar zu bleiben.

Bei vielen Themen sehe ich auch dieses Mal keinen großen Unterschied zum CDU-Wahlkampf. Unter den Schwächen des CDU-Wahlkampfes leidet deshalb jetzt auch die CSU-Kampagne. Das ist vor allem diese fehlende Konkretion, diese Vagheit, diese Mehrdeutigkeit, die sich im Wahlkampf wiedergefunden hat. Genau das zieht sich letztlich wie ein roter Faden durch den CSU-Wahlkampf. Das mag sich jetzt durch die Mobilisierungskampagne ein wenig geändert haben, in der vor dem Linksrutsch gewarnt wird.

Stichwort Transparenz: Erklärt die CSU der Öffentlichkeit, also den Medien und vor allem den Bürgerinnen und Bürgern konkret, was sie will? Werden die Anliegen und Ziele der Partei konkret benannt und auch so nach außen hin kommuniziert? Oder lässt die CSU bewusst vieles vage, um potenzielle Wählerinnen und Wähler nicht zu verschrecken?

Hoffjann: Sie sagen eben nicht, was sie konkret wollen. Das ist eine typische Wahlkampfstrategie für Amtsinhaber. Die setzen auf die Person, bleiben vage. So wie Merkel vor vier Jahren am Ende des TV-Duells gesagt hat: 'Sie kennen mich.'  Das muss dann quasi ausreichen. Und so war auch dieser Wahlkampf. Laschet hat letztlich den Wahlkampf eines Amtsinhabers geführt, ohne ein Amtsinhaber zu sein. Also nach dem Motto "Bloß niemanden verschrecken".

"Söder hätte eine andere Strategie gewählt als Laschet"

Laschet ist immer vage geblieben. Das hat offenkundig nicht funktioniert, und das konnte auch die CSU in Bayern letztlich nicht heilen. Meine These ist: Ein Kanzlerkandidat Söder hätte das anders gemacht. Er hätte konkreter gesagt, was er erreichen möchte – nicht nur in der Umweltpolitik, sondern auch in anderen Politikbereichen. Söder hätte da eine andere Strategie gewählt als Laschet.

Auch wenn sich der Wahlkampf der beiden Unionsparteien thematisch vielleicht nicht voneinander trennen lässt – sind Ihnen Themen aufgefallen, die von der CSU im Vorfeld der Bundestagswahl gänzlich ausgespart werden? Gibt es Themen, bei denen sich die CSU komplett bedeckt hält?

Hoffjann: Es ist eher umgekehrt. Im Moment fällt mir nur ein Kernthema der Union ein, das sie immer wieder gespielt haben: Die Wirtschaft nicht belasten - um den Aufschwung nach Corona nicht zu gefährden. Neben der Warnung vor dem Linksrutsch ist das das einzige größere Thema, das ich wahrgenommen habe.

Ansonsten nehme ich vonseiten der CSU und CDU keine Themen wahr, bei denen ich den Eindruck habe: Dafür brennen sie gerade. Oder das würde ihr Programm beschreiben, das sie antreibt. Und das ist schon überraschend wenig. Die Union sagt wenig, wie sie künftige Probleme wie den Klimawandel und die Digitalisierung angehen möchte.

Welche Rolle spielt CSU-Chef Markus Söder für seine Partei im Wahlkampf? Dominiert die Person Söder? Ist er in der Außendarstellung für die Partei am Ende wichtiger als Sachthemen?

Hoffjann: Die CSU hat ja seit jeher starke Männer an ihre Spitze gewählt. Die stehen dann natürlich auch im Mittelpunkt der Wahlkampagnen. Egal, ob sie nun wie bei der kommenden Bundestagswahl zur Wahl stehen oder nicht. Bei dieser Wahl kommt als Besonderheit hinzu, dass Söder als Kanzlerkandidat der Union kandidiert hat. Von dem Moment an, als er seine Kandidatur erklärt hat, ist klar gewesen, dass man sich bis zum Wahltag genau ansieht: Wie unterstützt der Verlierer den Gewinner?

"Söder kam aus dieser Glaubwürdigkeitsfalle letzten Endes nicht heraus"

Da muss man ehrlicherweise sagen: Söder hätte machen können, was er wollte, er wäre immer kritisch beäugt worden. Er hätte zwar vielleicht früher seine Unterstützung für den Kandidaten Laschet erklären können, aber wie glaubwürdig wäre das gewesen? Zumal die Umfragen bis heute auf seiner Seite geblieben sind. Söder kam aus dieser Glaubwürdigkeitsfalle letzten Endes nicht heraus. Ehrlicherweise muss man allerdings auch konstatieren: Es ist ja nicht so, dass die CDU von ihrem Kandidaten begeistert war. Warum soll dann ausgerechnet die CSU die Begeisterung entfachen? 

In Bayern ist im Wahlkampf viel auf die Person Söder zugeschnitten. Der Kanzlerkandidat der Union, Armin Laschet, spielt in der Kommunikation der CSU allenfalls eine untergeordnete Rolle, oder?

Hoffjann: Am Ende geht es ja ums Kanzleramt. Und da ist nun mal Laschet der Spitzenkandidat der Union. Von daher spielt er natürlich in Bayern schon eine Rolle. Man hört ja, dass er weniger plakatiert wird oder die weniger guten Plätze bekäme. Aber dennoch spielt er natürlich eine zentrale Rolle. Bei allen Gesprächen, an Infoständen, bei Haustürgesprächen dürfte der Kandidat Laschet das zentrale Thema sein – aber eben selten im positiven Sinne.

Söder steht hier vor einem Dilemma: Hält er sich im Hintergrund, wird ihm fehlende Unterstützung vorgeworfen. Drängt er sich zu sehr in den Vordergrund, kann das den Kandidaten Laschet noch weiter schwächen.

Die CSU hat zuletzt in vielen Umfragen Verluste hinnehmen müssen. Hat sich das auf die Kommunikationsstrategie der Partei ausgewirkt? Ist in der CSU-Außendarstellung in den vergangenen Wochen eine Veränderung erkennbar?

Hoffjann: Da nehme ich eigentlich keine Veränderung wahr. Wobei ich hier auch sagen muss, dass das Ganze für die CSU eine durchaus luxuriöse Situation darstellt. Denn, wenn Laschet jetzt verliert, können Söder und die CSU sagen: Ja, wir wussten ja, dass das der schwächere Kandidat ist. Das kann in den nächsten Jahren die Position der CSU im Verhältnis zur Schwesterpartei weiter stärken.

"'Linksrutsch'- oder 'Rote Socken'-Kampagne immer eine Option"

Wie lässt sich die CSU-Kampagne "Linksrutsch verhindern“ aus Ihrer Sicht erklären? War die Aktion von langer Hand geplant und befand sich greifbar in der Schublade? Oder hat die CSU schlicht und einfach auf die schlechten Umfrageergebnisse ihrer Partei bei gleichzeitiger Popularität des SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz reagiert?

Hoffjann: Beides. Dass eine "Linksrutsch"- oder "Rote Socken"-Kampagne immer eine Option ist, ist ja bekannt. Das ist nichts Neues. Weil es letztlich auch Chancen bietet: Es mobilisiert die eigene Klientel. Ich halte eine derartige Kampagne in ihrer Gesamtheit auch für legitim. Weil es den Menschen noch einmal die Tragweite ihrer Entscheidung verdeutlicht. Aber es birgt auch Risiken. Denn Scholz ist seit vier Jahren Vizekanzler in einer Großen Koalition und ist wirklich nicht als linker Eiferer aufgefallen. Wenn Scholz nun als linker Ideologe dargestellt wird, kann das Wähler in der bürgerlichen Mitte durchaus abschrecken.

Die "Linksrutsch"-Kampagne war daher selbstverständlich eine Option. Inwieweit das bereits in der Schublade gelegen hat, weiß ich nicht. Was allerdings überraschend war: Eigentlich sind solche 'Rote Socken'-Kampagnen eher etwas für die letzten zwei Wochen vor der Wahl. Es war schon auffällig, dass die jetzige Kampagne schon vor vier, fünf Wochen gestartet wurde, als die Umfragewerte in den Keller gegangen sind. Das zeigt auch noch einmal, wie überrascht die Union vom Aufstieg der SPD gewesen ist und deshalb so frühzeitig zum letzten Mobilisierungsmittel gegriffen hat.

Sind bezüglich der Kommunikationsstrategie der CSU merkliche Unterschiede im Vergleich zur letzten Bundestagswahl 2017 erkennbar?

Hoffjann: Nein, es gibt erstaunlich wenig Unterschiede. Erstaunlich deswegen, weil es beim letzten Mal ein Titelverteidiger-Wahlkampf war. Und jetzt gibt es eben keine Titelverteidigerin. Mein Eindruck ist, dass es vor allem bei der CDU kein Umdenken im Kopf gegeben hat – gemäß dem Motto: 'Dieses Mal müssen wir da ganz anders herangehen.' Sie haben sich vielmehr sichergewogen, dass das Kanzleramt in der Hand der Union bleibt.

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