Im Bamberger Schwurgerichtssaal passierte am Dienstag etwas Seltenes: Die Richter lehnten es ab, einen Mann auf Dauer in die Psychiatrie einzuweisen. Der Eingriff in seine Freiheitsrechte wäre unverhältnismäßig, sagte Martin Barnickel, der die Sitzung der Zweiten Strafkammer am Landgerichte leitete.

Ob die Staatsanwaltschaft diese Entscheidung anfechten wird, ließ deren Vertreter Stephan Schäl am Ende offen.


Gefahr für Allgemeinheit?

Er hatte ein öffentliches Interesse an der Unterbringung des Wahl-Münchners Alexander P. bejaht. Er schließt nicht aus, dass von dem 42-Jährigen weitere erhebliche Straftaten zu erwarten sind.
Womöglich folgenschwerere als jene im Mai, als P. in Pettstadt einen Bauwagen angezündet hat, der völlig ausgebrannt ist. Womöglich Taten, bei denen auch Menschen zu Schaden kommen könnten, so Schäl.


Von Wahnvorstellungen getrieben

Der seit dem Frühjahr arbeitslose Installateur litt damals unter einer Psychose und befand sich in einem schuldunfähigen Zustand. Darin waren sich alle Verfahrensbeteiligten einig.

Schon gegenüber den Polizeibeamten, die ihn in Pettstadt angetroffen und festgenommen hatten, hatte er etwas von einem Krieg, in dem er sich befinde, und Aufträgen, die er zu erfüllen habe, geredet. Eine seiner Aufgaben sei es gewesen, ein großes, wärmendes Feuer für die angeblich nachrückende Kompanie zu machen.

So hatte er den verdutzten Beamten erklärt, warum er die Feuerstelle auf dem fremden Grundstück mit Teilen des Bauwagens gespeist und das Fahrzeug schließlich in Brand gesetzt hat. Vor dem Ermittlungsrichter und Ärzten erzählte er ähnlich wirre Sachen. Zum Beispiel, dass er in seiner Münchner Wohnung von Geheimdiensten überwacht und bestrahlt und für die Regierung arbeiten würde.

In der Verhandlung tat er so, als ob das alles frei erfunden gewesen wäre. Er habe das halt erzählt, weil die Polizei und die Ärzte "etwas hören" wollten, er über sein Geständnis hinaus aber keine Angaben machen wollte: "Ich hab's ein bisschen ausgeschmückt."

So unauffällig, wie der 42-Jährige am Dienstag neben seinem Rechtsanwalt Christian Rudolph saß, verhielt er sich auch im Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Ende Juli war seine Untersuchungshaft in eine vorläufige Unterbringung in der Psychiatrie umgewandelt worden.

"Das Wahnthema, wenn es eines ist, spricht er nicht an," sagte ein Arzt aus Bayreuth im Zeugenstand auf die Frage nach P.s aktueller Verfassung. Zu einer Prognose, wie sich sein Zustand entwickeln könnte, sah er sich nicht im Stande. Dazu sei der Klinikaufenthalt zu kurz.


Gutachter wagt keine Prognose

Ähnlich äußerte sich der psychiatrische Sachverständige. So sicher er war, dass bei dem 42-Jährigen im Mai eine akute Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis aufgetreten ist, so offen ist nach seinen Worten, wie diese sich entwickelt. Vielleicht sei die Psychose eine "einmalige Episode" gewesen.

Für einen chronischen Verlauf sah der Gutachter derzeit keine Indizien. Die Frage, ob von dem Mann eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht, ließ er offen. Man müsste P., so sagte der Psychiater und Psychotherapeut, wenigstens zwei Jahre lang in der Unterbringung beobachten, um darauf eine Antwort geben zu können.

Die Richter entschieden sich gegen die Unterbringung. Es sei nicht vertretbar, betonte Richter Barnickel, Alexander P. zwei Jahre lang unterzubringen, "um zu sehen, wie er sich entwickelt".

Der Eingriff in sein Freiheitsrecht wäre unverhältnismäßig auch angesichts der Tat, um die es ging. Für die Kammer handelte es sich nicht um die angeklagte Brandstiftung, sondern nur um eine Sachbeschädigung.
Mit ihrem Urteil folgten sie in vollem Umfang dem Plädoyer des Verteidigers.


Mit Raubüberfall nichts zu tun

In der Nacht, als der Bauwagen brannte, war auch die Aral-Tankstelle an der Würzburger Straße in Bamberg überfallen worden. Wie Polizeibeamte gestern im Zeugenstand sagten, hielten sie zunächst einen Zusammenhang für möglich.

Denn P. hatte von Helikoptern geredet, die ihm den Weg zum Bauwagen gewiesen hätten, und behauptet, er habe das Lagerfeuer mit Geldscheinen angezündet. Auch der Tankstellenräuber hatte Banknoten erbeutet und die Polizei hatte in der Nacht zum 20. Mai tatsächlich mit einem Hubschrauber nach ihm gesucht. Deshalb waren die Beamten bei P.s Geschichten hellhörig geworden.

Spätestens die Auswertung der Fotos von der Überwachungskamera in der Tankstelle belegten aber, dass es sich um verschiedene Personen gehandelt hat.