Als „Meilenstein für unsere Gemeinde“ bezeichnete die Rabbinerin der liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Antje Yael Deusel die Vertragsunterzeichnung für zwei neue Friedhofsflächen hinter der Friedhofsmauer an der Gundelsheimer Straße parallel zur Coburger Straße, denn „ein „Guter Ort“ ist ein wichtiger Bestandteil einer jeden Gemeinde“, so Deusel.

Wie die Stadt Bamberg erklärt, war das fragliche Areal hinter der Friedhofsmauer an der Gundelsheimer Straße parallel zur Coburger Straße im Bebauungsplan bereits als zukünftige Friedhofserweiterungsfläche festgesetzt. Es bietet den großen Vorteil, den neuen jüdischen Friedhofsteil direkt vom bisherigen jüdischen Friedhof aus fußläufig erreichen zu können.

Auch der 1. Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Martin Arieh Rudolph freut sich über diesen wegweisenden Schritt für die IKG: „Nunmehr haben wir nach langen Verhandlungen einen neuen jüdischen Friedhof. Wir danken der Stadt Bamberg sehr für die Ermöglichung dieses neuen und wichtigen Teils für die jüdischen Gemeinden, die nunmehr keine Angst mehr haben müssen, dass ihre Mitglieder womöglich nicht in Bamberg beerdigt werden könnten. Es ist für uns jüdische Gemeinden ein großer Tag, auch betreffs der Selbstverständlichkeit, dass Juden in Bamberg ein anerkannter Teil der Gesellschaft sind.“

„Mit dieser Vertragsunterzeichnung kann nun für lange Zeit garantiert werden, dass die jüdischen Gemeinden ihren Mitgliedern eine angemessene Grabstätte zur Verfügung stellen können“, freute sich Oberbürgermeister Andreas Starke über das erfolgreiche Ende der Verhandlungen.

Ein jüdischer Friedhof ist ein Friedhof mit Besonderheiten, die sich aus den Gesetzen des Judentums ergeben. So ist die Erdbestattung vorgeschrieben und eine dauerhafte Totenruhe zu gewährleisten. Die Besucher legen statt Blumen in der Regel kleine Steine auf das Grab. Mit Bezug zu seinem lebensbejahenden Charakter und der Erwartung einer einstigen Auferstehung, wird der jüdische Friedhof „Haus des Lebens“ oder auch „Guter Ort“ genannt.

Der heutige jüdische Friedhof in Bamberg in der Siechenstraße wurde am 19.10.1851 eröffnet. Maßgeblichen Einfluss hatte damals Dr. Jakob Dessauer, der ab 1841 Vorsitzender der Gemeinde war. Das heutige Tahara-Haus als moderne Trauerhalle im nachklassizistischen Stil wurde ab 1885 erbaut und im Jahr 1890 fertig gestellt. Die Debatte um eine notwendige Erweiterung des jüdischen Friedhofs reicht bereits in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zurück, wo sie allerdings in der Zeit des Nationalsozialismus auf wenig Gegenliebe stieß.

1943 wurde die Gemeinde zwangsaufgelöst, der Friedhof beschlagnahmt und das Taharahhaus von der Firma Bosch genutzt. Sechs Jahre nach Kriegsende, 1951 wurde die Israelitische Kultusgemeinde als Rechtsnachfolgerin der 1943 zerstörten Gemeinde wiedergegründet. Im Zuge der Restitutionsmaßnahmen erhielt die junge neue Gemeinde den Friedhof zurückerstattet. Bereits seit 1946 wurde wieder dort beigesetzt.

Seit mindestens 20 Jahren ist die israelitische Kultusgemeinde erneut intensiv bemüht eine neue Friedhofsfläche zu erwerben. Nach dem plötzlichen Tod des damaligen Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Heinrich Olmer übernahm Martin Arieh Rudolph diese Verantwortung und später auch den Vorsitz. 2014 sorgte er dafür, dass zunächst die bestehende Friedhofsfläche ertüchtigt wurde, Erdablagerungen abgetragen und Altlasten entsorgt wurden.

„Die dort aufgefundenen Grabsteinreste, die einen jüdischen Friedhof nicht verlassen dürfen, wurden im hinteren Teil des Friedhofs an der Stelle der ersten, abgebrochenen Taharahhalle, deren Grundmauern bei der Sanierung ebenfalls zutage gefördert wurden, zu einer Gedenkpyramide für alle jene aufgeschichtet, die von ihren Lieben entweder kein Grab haben (in der Shoah Ermordeten) oder deren Lieben weit weg in der ehemaligen Sowjetunion ihr Grab gefunden haben und deren Nachkommen nunmehr als ehemalige Kontingentflüchtlinge Neumitglieder unserer Gemeinde geworden sind“, so Rudolph.

Dennoch war klar, dass der Friedhof in wenigen Jahren vollständig belegt sein würde. Da es im jüdischen Friedhof keine Maximalbelegungsfristen gibt und dem Toten der Grabplatz auf ewig gehört, muss, wenn der Friedhof belegt ist, nach einem Ausweichplatz gesucht werden. „Es ist eine der grundlegenden Aufgaben einer jüdischen Gemeinde, noch vor der Schaffung einer Synagoge für die ordnungsgemäße jüdische Beisetzung ihrer Mitglieder auf dem „Guten Ort“, dem jüdischen Friedhof, zu sorgen. Ein Friedhof muss zudem auch im Alleineigentum der jeweiligen jüdischen Gemeinde sein“, betont Rudolph.

Die Israelitische Kultusgemeinde war deswegen schon Ende des Jahres 2015 an die Stadt Bamberg mit der Bitte herangetreten, im Stadtgebiet eine Fläche für einen zusätzlichen jüdischen Friedhof zu finden. Intensiviert wurden die Verhandlungen zwischen der Stadt Bamberg und der IKG sowie der mittlerweile eigenständigen neuen Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg allerdings erst ab dem Jahr 2018. Nachdem sich die Planungen für einen gemeinsamen neuen jüdischen Friedhofsteil nicht realisieren ließen, einigte man sich schließlich darauf, zwei getrennte neue jüdische Friedhöfe zu errichten.