Bei einem Gespräch über 30 Jahre Mauerfall blickten die einstigen Stadtvorderen Max Reichelt, Rudolf Grafberger, Herbert Lauer und Werner Hipelius zurück.
"Angefangen hatte alles mit Willy Brandts neuer Ostpolitik", sagte Bambergs amtierender Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD). "Wandel durch Annäherung" sei dessen Devise gewesen, die mit dem Grundlagenvertrag 1972 "menschliche Erleichterungen" im deutsch-deutschen Miteinander mit sich brachte. So wurde der kleine Grenzverkehr ermöglicht, der die Begegnung zwischen Ost- und Westdeutschen vereinfachte. Starke konnte selbst ein Lied davon singen, da seine Mutter aus dem grenznahen Plauen stammte und er bei Besuchen nicht mehr auf den Interzonenzug angewiesen war.
Ex-Bürgermeister Rudolf Grafberger, damals Stellvertreter des 2014 verstorbenen OB Paul Röhner, berichtete bei dem Gespräch im Hegelsaal der Konzerthalle, dass er selbst einen DDR-Flüchtling geheiratet habe. Seine Frau sei zwar noch vor dem Mauerbau 1961 übergesiedelt, jedoch sah das Passgesetz von 1954 für diesen Fall eine dreijährige Gefängnisstrafe vor, so dass die Ängste seiner Frau vor Verhör und Verfolgung stets präsent waren. Sie fuhr 1958 von Jena nach Berlin und gelangte dort mit der S-Bahn in den Westteil der Stadt. Ein Grund, die DDR zu verlassen und in den Westen überzusiedeln, sei beispielsweise der Umstand gewesen, dass im sozialistischen Alltag Kindererziehung und Christsein nicht zu vereinbaren waren.
Starke fasste zusammen, wie sich der Mauerfall schon lange vor der ersten friedlichen Revolution auf deutschem Boden mit dem Schicksalstag 9. November 1989 angebahnt hatte. Dazu gehörten die Solidarnosc-Bewegung in Polen, Anfang der 1980er, ebenso wie die Einmischung des polnischen Papstes Woytila in die Politik. Letztlich trugen diese Ereignisse zu einer Entwicklung bei, die ihren vorläufigen Höhepunkt im Herbst 1989 mit der Besetzung der Prager Botschaft durch Tausende ausreisewilliger DDR-Bürger fand. Die dramatischen Geschehnisse gipfelten schließlich in dem legendären Halbsatz des damaligen Außenministers Hans Dietrich Genscher auf dem Balkon des Botschaftsgebäudes, man schrieb den 30. September 1989, der im Jubelsturm endete ("Ich bin heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise ...").
Anruf beim Milchhof
Die unmittelbaren Folgen bekam auch Bamberg zu spüren, da die übervollen Züge am 5. Oktober 1989 am Bahnhof anhielten, nachdem sie noch einmal durch DDR-Territorium geleitet worden waren. Der damalige Referent von Paul Röhner und spätere Oberbürgermeister Herbert Lauer berichtete, wie er "mitten in der Nacht" informiert wurde und er eilends den Milchhof Albert angerufen habe, um die Versorgung der Botschaftsflüchtlinge mit Hilfe von THW und Rotem Kreuz zu sichern.
Jedoch war dies nur ein Vorgeschmack auf das, was später kommen sollte, nach dem Fall der Mauer, als die Trabi-Kolonnen nach Bamberg aufbrachen und die Autobahnen verstopften. 2000 Trabis wurden an der Breitenau in dieser "tollen Zeit" (Ex-Bürgermeister Werner Hipelius) aufgefangen , wo sie erst einmal über die hiesigen Verkehrsregeln aufgeklärt wurden. Hipelius, der damals als Kommunalpolitiker mit in die organisatorischen Abläufe eingebunden war, las in den Akten nach, dass drei Viertel der Korrespondenz aus Dankesbriefen bestand. Er sei in diesen stürmischen Zeiten "informationsscharf" am Fernsehapparat geklebt - und es habe durchaus Angst vor einem Krieg gegeben. Schließlich sei man "so bald wie möglich" nach der Grenzöffnung in die DDR gefahren.
Die ersten Eindrücke waren "katastrophal", so Hipelius, angesichts des Braunkohlegestanks, der in der Luft lag, der grauen Städte und verfallenen Häuser. Es sei ein sehr "emotionaler Zeitraum" gewesen und so hätten sich beispielsweise im Schlenkerla bei Besuchen Freundschaften gebildet, die zum Teil heute noch anhalten.
Die Menschenschlangen, die sich das Begrüßungsgeld von 100 DM plus 20 DM Zugabe abholten, reichten vom Rathaus bis zur Luitpoldbrücke. Bei den vier- bis fünftausend Besuchern standen vor allem Schokolade und Bananen in der Gunst ganz oben.