Natürlich bedauerten viele Konzertbesucher, dass die Sopranistin Christine Schäfer ihr Gastspiel mit Concerto Melante, der Barockformation der Berliner Philharmoniker, wegen ihres Sabbatjahres abgesagt hatte. Aber das Bedauern konnte nicht lange anhalten. Denn die katalanische Sopranistin Nuria Rial ließ den Gedanken an einen Ersatz gar nicht erst aufkommen. Zumal die ausgewiesene Renaissance- und Barockspezialistin, die mittlerweile rund um die Welt Erfolge feiert, das von Christine Schäfer geplante Programm übernehmen konnte.
Nuria Rial ist eine durchaus faszinierende Sängerin. Sie singt ohne gesangstechnische Hilfs- und Stützmittel mit ihrer Naturstimme, und das mit größter intonatorischer Genauigkeit. Sie hat eigentlich das warme Timbre eines Mezzosoprans, und vielleicht wechselt sie eines Tages auch einmal in dieses Register. Aber so lange sie mit ihren stabilen Höhen nicht die geringsten Probleme hat, sollte sie diese Option auch nicht einlösen. Und das wird auch nicht nötig sein, so lange sie so klug mit ihrer Stimme haushaltet und sie sich nicht mit Partien des forcierten Singens ruiniert oder anders gesagt: so lange sie einen weiten Bogen um Bayreuth macht. Zumal sie, wie etwa Cecilia Bartoli, keine wirklich große, aber intensive und bewegliche Stimme hat, der die Akustik des Großen Saals bestens entgegenkommt. Da muss man nicht forcieren.
Und Nuria Rial kann wunderbar instrumental singen. Sie pflegt ein ausgeprägtes messa di voce, ein Ein- und Abschwellen-Lassen des Tons, und fügt sich damit in melismatischen, vokalischen Passagen in den Klang der Streicher ein, dass ihre Stimme zu einer weiteren Farbe wird.

Mit eigenem Stil

Das Ensemble von Concerto Melante - man kennt sich natürlich schon von früheren Konzerten - ist für diese Art des Singens der ideale Untergrund und Partner. Die Berliner haben ihren eigenen, fast möchte man sagen musikantisch-deutschen Stil entwickelt. Vor allem, wenn man sie mit italienischen Ensembles vergleicht, die sehr stark rhythmusorientiert spielen und auf die Töne gerne auch mal draufhauen, rustikal, aber enorm lebendig artikulieren, setzen die Berliner auf ganz spezifische Klangfarben und das Auskosten ihrer Wirkung - allerdings mit dem wohldosierten Vortrieb der höchst engagierten und präsenten Continuogruppe.
Das kam den vokalen Teilen des Konzerts in hohem Maß zu gute, denn Nuria Rial sang vier geistliche Werke: die beiden "Salve Regina"-Vertonungen von Georg Friedrich Händel und Giovanni Battista Pergolesi, was sehr reizvolle Vergleiche gestattete vor allem in Bezug auf die musikalische Umsetzung der gläubigen Innerlichkeit, die bei Pergolesi weniger allgemein, stärker individualisiert ist als bei Händel. Nuria Rial gestaltete sie sehr persönlich und einverständig, wobei in beiden Fassungen auch durch die Artikulation der Instrumente der Umschlag von hilfesuchender Betrübnis zu einem zuversichtlichen Appell der Hilfe an die Himmelskönigin sehr plastisch wurde.
Außerdem standen Händels Antiphon "Haec est regina virginum" und die Motette "O qualis de coelo sonus" auf dem Programm, die dramaturgisch ausgezeichnet gestaltet waren mit starken Spannungseffekten und einer Virtuosität, die sich nie vor die inhaltliche Wirkung der Musik stellte.

Erfrischende Ausgrabungen

Die konnte sich dafür austoben bei den Instrumentalwerken, die Concerto Melante spielte unter gegenseitiger Befeuerung der Violinen und der Continuogruppe. Neben der recht bekannten Sonate HWV 288 von Händel und Giuseppe Torellis Concerto für vier Violinen und B.c. a-moll erklangen drei Überraschungen: drei Sonaten von Domenico Gallo, die die Berliner erst kürzlich ausgegraben und auch erstmals eingespielt haben. In der jetzt auch italienisch aromatisierten Interpretation wurde deutlich, dass Gallo 70 Jahre jünger als Torelli und 45 Jahre jünger als Händel war: Seine Musik klang frischer, moderner, stärker auf die Befriedigung des Unterhaltungsbedürfnisses ausgerichtet. Als Zugabe sang Nuria Rial "Se vuoi pace", eine Arie der Aggrippina aus Händels gleichnamiger Oper von 1709.