Bad Kissingen — Wenn bei der LiederWerkstatt nicht nur Stühle fürs Personal stehen, sondern vor dem Flügel auch ein kleiner runder Tisch, dann kann man davon ausgehen, dass eine Uraufführung von Moritz Eggert ins Haus steht. Denn nur Gesang und Tastenspiel sind für den Münchner Tonsetzer und Kompositionsprofessor schon lange nicht mehr genug. Seine Auftritte sind bis in die Schuhspitzen zu Gesamtkunstwerken gewachsen.
Seine Kompositionen sind oft - was in der Neuen Musik ziemlich selten ist - humorgetrieben.
Das war wohl auch sein Beitrag zur diesjährigen LiederWerkstatt: "Die Glocken (von Uschi) - Eine Goethiade von Schiller für Vokalquartett, Klaver und zwei Assistenten". Was hat man sich darunter vorzustellen? Einen Siegfried Mauser am Flügel, der Weihnachts- und Volkslieder zertrümmert und immer wieder wie ein trotziges Kind ruft: "Ich spiele gern Klavier", die beiden "Assistenten" Axel Bauni und Jan Philip Schulze, vor dem Flügel an eben jenem Tisch sitzend, Kaffee trinkend und Torte mampfend. Und im Hintergrund das Vokalquartett mit Carolione Melzer, Olivia Vermeulen, Karol Kozlowski und Wolfgang Holzmair, die immer mal wieder "Die Glocken (von Uschi)" rufen (natürlich ohne Klammern), dann aus vollem Herzen seufzen und, abgesehen von ein paar Kniebeugen, wieder in Lethargie verfallen.

Fragen über Fragen

Man saß da, amüsierte sich vorübergehend und suchte krampfhaft nach dem Sinn oder irgendwelchen Konnotationen von harmlos bis schlüpfrig. Gut, "Die Glocke" ist von Schiller, immerhin. 1985 gab es den Schlager "Die Glocken von Rom" von Heike Schäfer, aus dem ein Hochzeitsspiel entwickelt wurde. Wenn man das googelt, verweigert der Server den Zugriff. Den Bildern nach scheint das aber die Männer zu betreffen. Nur: Wer oder was ist dann Uschi?
Mit Musik hat das Ganze schon zu tun, denn die Geräusche sind organisiert. Aber wo bleibt Goethe, der Textpatron der LiederWerkstatt? Der Titel holt ihn noch nicht herbei, denn eigentlich ist das Werk keine Goethiade, sondern eher eine Schubertiade im Zustand der endgültigen Zertrümmerung. Eines Tages werden sich unsere drängenden Fragen zu dem Werk, das Moritz Eggert übrigens Kari Kahl-Wolfsjäger gewidmet hat, sicher beantworten lassen. Befragen konnte man ihn nicht. Denn erstmals war er nicht bei der LiederWerkstattt.

Spannende Spaltung

"Gretchens Engel" hieß der Beitrag von Jan Müller Wieland, der eine Textcollage aus Goethes "Urfaust" und Schnitzlers "Fräulein Else" vertont hat. Olivia Vermeulen und Siegfried Mauser gestalteten eine außerordentlich spannende Bewusstseinspaltung zwischen bedrängender Realität und Erlösungsphantasien.
Bernhard Lang hatte zwei Texte aus dem "West-östlichen Diwan" ausgewählt, die er 2013 vertont und für seine "Songbook"-Reihe aufgehoben hat: "Gleichnis" und "Lass mich weinen!" Caroline Melzer und Jan Philip Schulze sangen und spielten die beiden Sätze mit größter Konzentration, die freilich auch nötig ist. Denn Lang hat die Texte in Fetzen und Silben zerschlagen, die Stimme und Klavier colla parte vortragen. Das klingt zunächst spektakulär, aber man fragt sich schon, welcher höhere Erkenntniswert durch diese Zersplitterungsmethode geschaffen werden soll. Und das fragt man sich eigentlich schon seit den 80er Jahren.
Ansonsten präsentierten Axel Bauni, Jan Philip Schulze, Siegfried Mauer, Caroline Melzer, Oliva Vermeulen, Karol Kozlowski und Wolfgang Holzmair mit sichtlichem Intereresse und starker Gestaltungskraft ein breites Spektrum an Goethe-Vertonungen mit den üblichen Verdächtigen von Schumann über Brahms bis Strauss. Aber es gab auch wenig Bekanntes wie das gesprochene "Gretchen"-Melodram von Wagner oder die opernhafte Version von Verdi. Einen interessanten Vergleich lieferten drei Vertonungen von Hugo Wolf und dem Rechtsanwalt und Liedkomponisten Max Kowalski (1882-1956) der Goethes Texte ein bisschen ins Schlagerhafte wendete.