300 Quadratmeter Totholz, quer stehende Bäume, ein paar Schlingengewächse und jede Menge Dornengestrüpp irgendwo in der Bad Kissinger Gemarkung. Die Natur hat sich hier ein Stück früher wohl landwirtschaftlich genutzter Fläche zurückgeholt. Es ist das Grundstück einer Erbengemeinschaft mit einer unbekannten Anzahl an Miterben. Die wächst immer weiter, auch wenn das Grundbuch auf den ersten Blick eine ganz andere Sprache spricht.
Mindestens drei der dort über 20 als Miterben aufgeführten Personen, sind schon seit vielen Jahren tot. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sie ihren Anteil wieder Kinder, wenn nicht schon Kindeskinder weitervererbt haben. "Man fühlt sich recht hilflos", sagt einer, der vor wenigen Jahren Mitglied der Erbengemeinschaft geworden ist.
"Es ist ein großes Klagen, wenn die Erbengemeinschaft immer größer wird", erklärt der Bad Kissinger Amtsgerichtsdirektor Dr. Matthias Göbhardt. Bedingt durch die Erbfolge würde es manchmal chaotisch. Das betrifft vor allem Erbengemeinschaften, die schon in der 3. oder 4. Generation bestehen.
Wer Klarheit in das Dickicht solcher Erbengemeinschaften bringen will, muss sich als Miterbe selbst auf die Suche machen. Manchmal ist es völlig unmöglich, überhaupt noch festzustellen, wer mit im Boot ist.
"Im Wort Erbengemeinschaft steckt das Wort gemein", stellt der Münnerstädter Notar Dr. Markus Roßmann fest. Er hat immer wieder mit solchen "Altlasten" eines Nachlasses zu tun. 90 Erben in einer Liste - das kommt vor, darunter noch Personen, die bereits im 19. Jahrhundert lebten. Dann sind auch die unbekannten Nachkommen erbberechtigt. Wer und wo sie sind, ist die große Frage.


Erben in Übersee

Es ist nicht nur die Erbteilung, die mitunter ganze Generationen von Hinterbliebenen ratlos macht, sondern auch die Tatsache, dass es Anfang des 20. Jahrhunderts in der Rhön auch eine Auswanderungswelle in die USA gegeben hat. In Burkardroth, weiß Johannes Schlereth, existieren Erbengemeinschaften, in denen Miterben in den 1920er Jahren ausgewandert sind. Da komme man einfach nicht weiter, so Schlereth.
Sinnvoll sei, so Matthias Göbhardt, jede Erbengemeinschaft möglichst schnell aufzulösen. Dazu müsste ein Betroffener aus der Gruppe benannt werden, der im Sinne aller handeln darf. Doch wie die Vollmacht dafür bekommen, wenn man gar nicht weiß, wer noch zur Erbengemeinschaft gehört?
Die Einsicht ins Grundbuch hilft nur teilweise weiter. Die Liste ist nicht immer auf dem neuesten Stand. Es sei keine Amtspflicht das Grundbuch zu aktualisieren, weiß Notar Roßmann. Nur in bestimmten Fällen werden vom Grundbuchamt die neuen Erben automatisch ergänzt, beispielsweise wenn ein notarielles Testament hinterlegt ist. Ansonsten sind die Hinterbliebenen selbst verantwortlich. Die Fortschreibung erfolgt nicht immer. Damit wächst das Durcheinander.
Eine unvollständige Übersicht über alle Miterben entbindet die Gemeinschaft nicht von ihrer Pflicht, anfallende Kosten zu begleichen - die Grundsteuer beispielsweise oder Versicherungen. Die Behörden picken sich eine Person aus der Gemeinschaft heraus, um die Kosten einfordern. Das gleiche gilt für Haftungsfälle. Die Konsequenzen sei vielen Mitgliedern einer Erbengemeinschaft gar nicht bewusst, meint Dr. Göbhardt.


Sichtbar im Wald

Erbengemeinschaften erschweren auch Flur- oder Waldbereinigungen. In jedem Verfahren gebe es solche Fälle, wo Miterben nicht mehr ermittelbar sind, hat Johannes Schlereth die Erfahrung gemacht. Für die örtliche Teilnehmergemeinschaft einer Flurbereinigung sei es allerdings nicht das große Problem, weil diese Fälle ans Amt für ländliche Entwicklung gegeben werden; man überlasse den Behörden, die formaljuristischen Dinge zu klären.
Ewald Kiesel aus Haard war aber vor vier Jahren vor der Mammut-Aufgabe gestanden, für die örtliche, uralte Waldkörperschaft die Anteilseigner zu ermitteln. Es sei eine Sysiphusarbeit gewesen, sagt Kiesel. In vielen Fällen ist ihm gelungen, Licht ins Dunkel zu bringen. Doch in einigen Fällen musste er kapitulieren. Es war einfach nicht möglich, alle Anteilseigner zu ermitteln.
"Die Realteilung ist gerade in den Wäldern noch überdeutlich zu sehen", erklärt Horst Büttner vom Amt für ländliche Entwicklung in Würzburg. Früher sei jeder Kartoffelacker und jedes Waldgrundstück gleichmäßig an die Nachkommen weitergegeben und somit immer wieder zerlegt worden.
Für alle, die in die Endlosschleife "Erbengemeinschaft" geraten sind und aus ihr heraus wollen, gibt es Möglichkeiten eines Notausstiegs. Es sind aber nach Auskunft von Notar Markus Roßmann "alles sehr komplizierte Verfahren".


Notausstieg ist möglich

Möglich wäre beispielsweise eine Teilungsversteigerung. Das Grundstück kann auf Antrag eines Miterben vom Gericht meistbietend versteigert werden, wenn der Wert zuvor über einen Gutachter ermittelt worden ist. Die Kosten müsste der Antragsteller vorstrecken. Sie werden dann mit den Verfahrenskosten verrechnet, ehe das Erbe anteilig ausbezahlt werden kann. Der Haken: Bei kleinen, minderwertigen Grundstücken ist gar nicht gesagt, dass die Versteigerungssumme die Kosten des Verfahrens überhaupt deckt. Die Restkosten bleiben bei der Erbengemeinschaft bzw. an den bekannten Miterben hängen.
Deshalb scheut so mancher Miterbe diesen Notausstieg. Es bleibt beim Alten, und die Erbengemeinschaft wird weiter wachsen. Ein Teufelskreis...