Wie lebten die Menschen früher, vor etwa 150 bis 200 Jahren? Eine Frage, die sich gar nicht so leicht beantworten lässt. Schließlich gibt es keine Zeitzeugen mehr. Zudem sind immer weniger Leute da, die Überliefertes von ihren Vorfahren und Großeltern weitergeben können. Und dennoch finden sich Möglichkeiten, die Vergangenheit wieder ein Stück weit lebendig werden zu lassen.
Thomas Büttner hat eine davon für sich entdeckt: die alten Flurkarten von 1850.


Ein klarer Auftrag

Der 45-Jährige ist schon seit zwei Jahren im Markt Burkardroth unterwegs, um mehr darüber herauszufinden, wie der Alltag der Menschen hier aussah, wie die Orte besiedelt waren. Das macht er aber nicht einfach so als Hobby, sondern mit klarem Auftrag - von der bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservates Rhön. "Ich erfasse die historischen Kulturlandschaftselemente des Marktes Burkardroth", erklärt der Landschaftsplaner den Arbeitstitel. Ziel sei zu dokumentieren, wie die Menschen hier früher gelebt haben, wie sie die Kulturlandschaft der Rhön prägten, damit es schlichtweg nicht vergessen wird. 2014 hat er mit seinen Forschungen begonnen, 2017 soll seine Dokumentation fertig sein. Dann wird das, was Büttner an altem Wissen und neuen Erkenntnissen über die Ortschaften der Großgemeinde zusammengetragen hat, in einem Buch veröffentlicht. "Lediglich Premich, Gefäll und Stangenroth werden nicht erfasst", fügt er hinzu.
Neu ist die Arbeit für den Landschaftsplaner aber nicht. Bereits vor zehn Jahren hat er gemeinsam mit dem Bamberger Geographen Armin Röhrer eine Arbeitsgemeinschaft gebildet und die Stadt Fladungen erforscht. Das dazugehörige Buch "Historische Kulturlandschaft Rhön - Band 1" erschien 2009. Der Erfolg dieser ersten Arbeit löste schließlich weitere Forschungsprojekte aus, die nicht nur von der Bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservat Rhön finanziert und unterstützt werden. Auch die Regierung von Unterfranken, das Landesamt für Denkmalpflege sowie das Bayerische Umweltministerium sind inzwischen daran beteiligt.


Schon viel unterwegs

"In den Jahren danach waren Röhrer und ich zunächst in den Walddörfern Sandberg, Waldberg, Langenleiten, Schmalwasser und Kilianshof unterwegs", so Büttner. Dann folgten Untersuchungen der historischen Kulturlandschaft des oberen Sinntals sowie der Orte Wildflecken und Riedenberg. Inzwischen umfasst die Buchreihe drei Bände. Der Vierte wird neun Ortsteile des Marktes Burkardroth behandeln. "Wir verfassen jedoch keine klassische Orts-Chronik, sondern konzentrieren uns schwerpunktmäßig darauf, wie sich die Landschaft verändert hat", erklärt der Fachmann. Und dabei sind die alten Flurkarten von 1850 sehr nützlich.


Rückschlüsse ziehen

Sie entstanden, weil zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Vermessung und Kartierung Bayerns gestartet wurde. Diese erreichte jedoch erst einige Jahrzehnte später, um 1850, den Norden des heutigen Freistaates. "Diese alten Dokumente bilden aber nicht nur die Besiedlung der Ortschaften und die Nutzung des Landes ab, sondern lassen mit den Eintragungen im Kataster Rückschlüsse auf die Sozialtopografie zu", so Thomas Büttner. Denn damals wurde nicht nur die Größe der Grundstücke und deren Eigentümer erfasst, sondern auch deren Beruf. "Daraus kann ich ableiten: War es eine landwirtschaftlich geprägte Ortschaft wie etwa Lauter, Katzenbach und Oehrberg oder gab es bereits etliche Handwerker wie etwa in Wollbach oder Burkardroth", fügt der Landschaftsplaner hinzu.
Doch die Flurkarten allein nützen dem Forscher nur wenig. Das daraus abgeleitete theoretische Wissen muss Büttner immer wieder vor Ort abgleichen. Deshalb sucht er die Gespräche mit den Einheimischen. Eine große Hilfe ist dabei Kreisheimatpfleger Christian Neugebauer aus Großenbrach, der für den Altlandkreis und somit auch für den Markt Burkardroth zuständig ist. Er kenne die Leute hier und öffne so manche Tür, die Büttner allein verschlossen wäre. Aber auch der eigens für das Vorhaben gebildete "Rat der Weisen" ist ein Gewinn für das Forscherteam. "Das Gremium haben wir über die Gemeindeverwaltung initiiert", erklärt Thomas Büttner. Ihm gehöre eine bunte Mischung aus Hausfrauen, Feldgeschworenen, ehemaligen Lehrern und Kommunalpolitikern sowie auch Hobbyhistoriker an, allesamt Bewohner der Ortschaften, die vieles über die Heimatgeschichte wissen. Demnächst findet ein weiteres Treffen statt.


Heimatkundliches Wissen

"Eigentlich sind wir mit unseren Forschungen etwa 20 bis 30 Jahre zu spät dran", schätzt Büttner ehrlich ein. Zwar können noch einige Bewohner Erzählungen von früher wiedergeben. Auch wurde bis in die 1950er-Jahre in der Schule noch Landeskunde unterrichtet und somit heimatkundliches Wissen vermittelt. Doch die Generation, die das alte Landleben, das es im Raum Burkardroth teilweise sogar bis in die 1960er-Jahre gegeben hat, noch so richtig kennt und miterlebt hat, ist inzwischen weitestgehend verstorben. "Trotzdem bekommen wir noch relativ viele Informationen zusammen", fügt der Forscher hinzu. Nicht alle kann er für sein Buch, den vierten Band, gebrauchen. Vielmehr pickt er sich die heraus, um das Werden der jeweiligen Orte zu verstehen und um aufzuzeigen, wie die Menschen früher lebten.