Für Gewohnheitstiere waren sie nicht so gut geeignet, die ersten beiden Wandelkonzerte dieses Kissinger Sommers. Denn man musste - und konnte erfreulicherweise - mindestens zwei neue Erfahrungen machen. Wobei die erste geradezu harmlos war, aber sicher nicht wirkungslos bleiben wird: Zum ersten Mal fand ein Konzert im Foyer des Kurhausbades statt.

Auch wenn es dort ein bisschen eng zugeht, ist das ein ausgezeichneter Raum für Musik. Die sich auf zwei Farben beschränkende Architektur lenkt nicht ab von der Musik. Und die Akustik wirkt nur im leeren Raum etwas hallig. Wenn das Publikum da ist, wird sie im genau richtigen Maße gedämpft. Der einzige Nachteil: Es passen nicht allzu viele Stühle hinein. Und das war schade. Denn es gab eine ganze Reihe von Besuchern, die so nur das zweite Konzert im Kurtheater buchen konnten.

Aparte Kombination

Die Nachfrage war verständlich, denn es gastierten zwei Musiker, die international zu den Besten ihres Faches zählen: der Mandolinist Avi Avital und der Bajanspieler Aydar Gaynullin (das Bajan ist die osteuropäische Form des Chromatischen Knopfakkordeons). Das ist eine durchaus aparte Instrumentalkombination, weil sie die immer nur kurz auflebenden gezupften Töne der Mandoline mit den flächigen Tönen des Akkordeons kombiniert und reizvolle Kontraste schafft. Die das Programm der beiden auch auskostete - wie das Eröffnungsstück, Fritz Kreislers Präludium und Allegro im Stile von Gaetano Pugnani. Von der Struktur her tiefstes Barock, obwohl erst 1903 für Violine und Klavier komponiert: das Bajan als Harmonielieferant, die Mandoline als Melodieträger. Die beiden spielten mit starker Dynamik und federndem Vortrieb. Wobei eines deutlich wurde: Die Mandoline kann im Gegensatz zur Geige keine Haltetöne spielen. Sie muss die Illusion erzeugen mit der schnellen Repetition des Tones, was das typische "Klingeln" erzeugt. Was nicht immer ganz einfach unterzubringen ist. Zum großen Vergnügen wurden die drei Sätze aus Igor Strawinskys "Suite italienne", einer Adaption des Balletts "Pulcinella". Da kam auch das Bajan melodisch stärker zu Wort.

Bei Johann Sebastian Bachs d-Moll-Chaconne für Violine solo konnte man merken, dass Avi Avital auch nur ein Mensch ist. Der Satz war fantastisch musiziert, mit ganz großer Klarheit und wunderbarer Gestaltung. Aber im ersten Arpeggio hatte Avital einen kleinen Aussetzer, und im zweiten war es sein Notenpult, das plötzlich nachgab. Er wird sich geärgert haben, aber schlimm war's wirklich nicht. Das pure Vergnügen waren Béla Bartóks "Sechs rumänischen Volkstänze in ihrer bunten Schmissigkeit. Und dann spielte Aydar Gaynullin in drei Ausschnitten aus Alfred Schnittkes "Gogol-Suite" die ganzen klanglichen und technischen Raffinessen seines Instruments mit so viel Witz aus, dass immer wieder laut gelacht wurde. Dagegen wirkte Giovanni Solimas Prélude für Mandoline solo geradezu konventionell, obwohl es sich in eine starke Spannung der Nervosität und Aggressivität hineinsteigerte. Zum Schluss gab's zwei Sätze von Aydar Gaynullin, "Euphoria" und, als Zugabe, "Eurasia", eine ganz farbige Musik, die weite Klangräume öffnete.

Dann ging's zum Fingerfood zum Kurtheater. Und dann kam die zweite Überraschung, und zwar die inhaltliche: die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und ihr siebenköpfiges Ensemble mit "Pierrot lunaire", ein Zyklus aus dreimal sieben Gedichten des belgischen Symbolisten Albert Giraud, die Arnold Schönberg 1912 atonal vertont hat. Natürlich ist es zunächst einmal irritierend, wenn eine international gefeierte Geigerin kaum geigt, aber umso mehr spricht. Aber andererseits ist es gut, wenn nicht eine Schauspielerin, sondern eine Musikerin den Text gestaltet, der irgendwo zwischen Sprechen und Singen verankert ist. Denn so spontan, wie das Ganze wirkt, hat Schönberg nicht nur die Musik, sondern auch den Text genau auskomponiert. Wobei es ihm weniger um korrekte Intervalle ging, sondern um deren Richtung nach oben und unten und um rhythmische Genauigkeit. Und damit tun sich Singende nicht immer leicht.

Fantastische Gesamtleistung

Es war eine fantastische Gesamtleistung des gesamten Ensembles. Patricia Kopatchinskaja kam im Pierrot-Kostüm auf die Bühne. Sie gab alles, um die Texte überhaupt erst einmal hinter Phantasie hervorzuholen - mit der Wirklichkeit haben sie ohnehin nichts oder fast nichts zu tun. Sie spielte mit ihrer Stimme zwischen Schreien und Flüstern, zwischen Kratzen und Schmeicheln, zwischen Implosion und Explosion, zwischen allen Farben und Artikulationen, die eine Stimme überhaupt haben kann. Wäre sie weniger expressiv gewesen, wäre die Textverständlichkeit sicher noch etwas größer gewesen, aber die Intensität hätte verloren. Und das hätte auch nicht zu ihrer dramatischen Gestik und Beweglichkeit gepasst, mit der sie alles andere als sparsam umging, mit der sie das Publikum überfiel. Dessen "Aufnahmezentrum" sich allmählich vom Verstand zum Gefühl wandelte.

Ihre Musikerkollegen in der Besetzung des kleinen Salonorchesters werden hinterher wohl auch fertig gewesen sein. Allein schon das Klanggedächtnis, das sie brauchten, denn jeder Ton dieser zerrissenen Musik war anders verfremdet, aber auch die lauernde Aufmerksamkeit in einer Musik der ständigen Spontaneität. Das war schlicht und einfach fabelhaft. Als Patricia Kopatchinskaja auch noch ein bisschen zu tanzen begann, musste man kurz an einen Totentanz denken. Aber sehr schnell kam wieder das Schmunzeln und Lachen. Ein hochspannendes und interessantes Konzert. Aber offen gestanden: Zum Glück sind nicht alle so.