Eigentlich ist es erstaunlich , dass Edward Elgar, der spätere Baronet of Broadheath, als der bedeutendste englische Komponist nach - oder besser - seit "George Frederic Handel" gilt, denn immerhin liegen zwischen dem Tod des einen und dem überregionalen Bemerktwerden des anderen - mit seinen "Enigma Variations" - genau 140 Jahre. Wenn man bedenkt, was sich in dieser Zeit musikalisch auf dem Kontinent, vor allem in Deutschland und Österreich getan hat, muss man den Eindruck
gewinnen, dass England da ziemlich abgehängt war.
Erstaunlich ist aber auch, dass es ausgerechnet Elgar war, den der Ruf des Berühmten ereilte. Denn er war ein Autodidakt reinsten Wassers. Es ist geradezu rührend, dass der junge Edward Notenlinien auf ein weißes Papier malte, die Taktstriche aus Mozarts großer g-moll-Sinfonie übertrug und die Zwischenräume mit Musik nach seinen Vorstellungen zu füllen suchte. Aber mit einem Vater, der sich mit einem Musikalienhandel im kleinen Städtchen Worchester, als Organist und Klavierstimmer durchschlug, und mit sechs Geschwistern war so etwas wie musikalische Förderung undenkbar. Heute ist Elgar in Großbritannien der meistgespielte Komponist, auch wenn man in Deutschland nur den "Pomp & Circumstance March No. 1", die Enigma-Variationen und ein bisschen das Cellokonzert kennt.


In Deutschland nicht unbekannt

Bei dem Oratorium "King Olaf" - und das ist das dritte Erstaunen - ist es genau umgekehrt. Das 1896 entstandene Werk ist in Deutschland offensichtlich bekannter als in seinem Herkunftsland, nachdem es Burkhard Ascherl und Stefan Kagl waren, die vor 15 Jahren die beiden deutschen Erstaufführungen in Bad Kissingen und Herford geleitet haben. In England tut man sich offensichtlich schwer mit der Akzeptanz und Einordnung dieses Oratoriums, weil - wenn man antiimperialistisch gemein denken wollte - am Ende kein strahlender, siegreicher englischer Held, sondern ein toter Norwegerkönig steht. Er ist in einer zutiefst heidnischen Welt von drei Frauen aufgerieben worden und im Kampf gegen die Dänen schließlich gestorben. Aber er hat das Christentum in seine Heimat gebracht und wird somit zum Sieger: "...nicht wegen Schlagkraft und Rum seiner Waffen. Da er das Kreuz hob über die Kriegsaxt, pries er die Sanftmut", heißt es am Ende.


Werk mit archaischer Stimmung

Da gab es am Ende viele Bravos - für ein Oratorium zumindest in Bad Kissingen eher ungewöhnlich. Aber sie würdigten eine starke Leistung aller Beteiligten in einer absolut stimmigen und eindrucksvollen Aufführung. Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter, aber man sollte nicht übersehen, dass er in diesem Fall auch eine Mutter hat: Heidemarie Förster-Stahl hat vor 15 Jahren den Text übersetzt. Sie hat das Historiengeschwurbel des Amerikaners Henry Wadsworth Longfellow mit viel Gespür für die Singbarkeit in ein modernes Deutsch gebracht und trotzdem die archaische Stimmung des Werkes bewahrt - und damit eigentlich den Sinn einer Aufführung begründet.


Ausgezeichnete Klangbalance

Die schien trotz der hohen technischen Anforderungen, zu denen gerade die Autodidakten gerne neigen, allen Beteiligten großen Spaß zu machen. Burkhard Ascherl, der sehr intensiv und mitnehmend steuernd dirigierte, machte mit einer ausgezeichneten Klangbalance deutlich, wie sehr Elgar bemüht war, möglichst viel an Melodischem, an überraschenden Harmonien und Klangmalereien hineinzupacken, um sich der Welt zu beweisen. Da war nichts weggeglättet oder verunklärt. Und Ascherl machte auch deutlich, dass Elgar durchaus beeinflusst war von Vorbildern wie Wagner (vor allem), aber auch Mozart oder Mendelssohn, dass er aber auch einen starken Drang zur Eigenständigkeit hatte.
Ein hervorragender Partner - das war vielleicht die größte Überraschung des Abends - war ihm dabei die Thüringen Philharmonie Gotha. Die Musiker verbreiteten überhaupt nicht das Gefühl, einer lästigen Nebentätigkeit nachzugehen - immerhin mussten sie das schwierige Oratorium für nur zwei Aufführungen völlig neu einstudieren. Sie schienen es zu genießen, einmal jenseits der Programmroutine gefordert zu werden. Und sie musizierten von Anfang an mit konstantem Vortrieb, mit großer Genauigkeit und dementsprechend großer Plastizität. Und sie lieferten ein stimmmmungsmäßig sehr gut differenziertes und tragfähiges Fundament für alle Sänger.


Stabile Dramatiker

Mit dem Solistenterzett war eine sehr gute Wahl getroffen. Rodrigo Porras Garulo (Tenor), Nathalie de Montmollin (Sopran) und Roland Hartmann (Bariton), die die Partien des Olaf, der drei Prinzessinnen und des Skalden sangen, erwiesen sich als stabile Dramatiker mit durchwegs durchsetzungsfähigen Stimmen. Aber sie konnten ihr Potenzial auch sehr gut nutzen, um sich Freiräume für emotionale Differenzierungen zu schaffen.
Die beiden Chöre, der Münsterchor Herford und die Kantorei Bad Kissingen waren - nicht überraschend - sehr gut vorbereitet. Und sie kennen sich mittlerweile so gut, dass sie wirklich zu einer Einheit werden können. Da war die Bereitschaft groß, mit Verantwortung zu singen, nicht auf die Nachbarn zu warten, was der Präsenz und der Wirkungskraft außerordentlich zuträglich war. Der Chor füllte seine Funktion als beobachtendes, erzählendes, dann aber auch wieder als forderndes Volk (wie in den großen Passionen) absolut schlüssig aus, sang mit großem Engagement Elgars Mischung aus Schlachtenmusik und Evensong, die er so gerne zubereitet.
Das war"s dann wieder. Eigentlich schade, denn das Werk ist wirklich spektakulär und würde auch in anderen Sälen Staunen verursachen. Zu der Aufführung in Herford waren übrigens eigens drei Herren von der Elgar Society aus London angereist. Sie werden in ihrer Heimat einiges zu erzählen haben.