"Wenn alle hinter dem Verbrecher her sind, wer bleibt dann beim Opfer?" Durch diesen Slogan auf einem Flyer wurde Christina Vogel auf den "Weißen Ring" aufmerksam und ist beigetreten. Das war 2010. Jetzt verstärkt die Studentin als ehrenamtliche Mitarbeiterin das Bad Kissinger Team.

Es besteht damit aus fünf Personen: Außenstellenleiterin ist seit 2005 die Juristin Ulrike Lemaire, ihr Stellvertreter ist der frühere Polizeibeamte Heinz Wilm.
Dazu kommen noch Hildegard Alefeld und Paul Six.

Zwei Seminare sind Pflicht

So einfach loslegen können die Ehrenamtlichen beim "Weißen Ring" aber nicht. Sie werden auf ihre anspruchsvolle Aufgabe in einem hochsensiblen Bereich sorgfältig vorbereitet. Grund- und Aufbauseminar, jeweils an einem Wochenende, sind Pflicht. Den ersten Teil hat Christina Vogel bereits absolviert, der zweite soll eventuell noch in diesem Jahr folgen. Ferner bietet die Organisation auf freiwilliger Basis Weiterbildungsmöglichkeiten zu den verschiedensten Themenkomplexen an, sagt Ulrike Lemaire.

Christina Vogel ist schon bei einigen Fällen dabei gewesen, sie habe aber noch viel zu lernen, sagt sie. Ihr Vorteil: Sie kann sich ihre Zeit einteilen, da sie ein Online-Studium - Wirtschaftsingenierin - absolviert, und kann daher auch Termine an Vor- und Nachmitttagen wahrnehmen.

Keine Insel der Seligen

In Sachen Kriminalität ist der Landkreis Bad Kissingen sicher kein Schwerpunkt, aber auch keine Insel der Seligen. 17 Opfern von Vergehen und Verbrechen konnte der "Weiße Ring" im vergangenen Jahr helfen. Es handelte sich um Fälle der "ganzen Bandbreite", sagt Ulrike Lemaire: Diebstahl, Betrug, Stalking, häusliche Gewalt. So habe man eine einstweilige Verfügung erwirkt, nach der sich der mutmaßliche Täter seinem Opfer nicht mehr nähern durfte. Zudem wurde ihm jegliche Kontaktaufnahme untersagt.

Helfen, betreuen, beraten

Der "Weiße Ring" und seine Mitarbeiter, so die örtliche Vorsitzende, berieten, betreuten, begleiteten und hörten zu. Sie kümmerten sich um rechtlichen Beistand und ersetzen gegebenenfalls Teile des Schadens.

Denn im Mittelpunkt des Interesses stünden fast immer nur die Täter und deren Bestrafung. Die Opfer spielten meist nur eine untergeordnete Rolle.

Ulrike Lemaire schildert einen Fall aus der Praxis: Eine Seniorin, die ihre ganze Rente auf der Bank abgehoben hatte, wurde auf dem Heimweg überfallen, das Geld war weg. Polizisten rieten ihr, als sie Anzeige erstattete, sich an den "Weißen Ring" zu wenden. Dort konnte man dem Opfer zwar nicht die ganze Summe ersetzen, half aber über die erste Zeit hinweg. Zurückzahlen musste die Seniorin das Geld nicht. Übrigens: Der "Weiße Ring" unterstützt auch Nichtmitglieder, wenn sie durch eine Straftat in Not geraten sind.

Besonders schwer sei es immer dann, wenn Kinder betroffen sind, sagt Ulrike Lemaire und verwies hier auf einen Fall von sexuellen Missbrauchs.

Die Arbeit sei manchmal schon recht belastend. Sie habe aber als Juristin gelernt, Privates und Beruf auseinanderzuhalten, sagt Ulrike Lemaire.

Der "Weiße Ring" wurde 1976 unter anderem vom TV-Journalisten Eduard Zimmermann (†) gegründet. Er hat seinen Sitz in Mainz und nach Angaben des Vereins bundesweit 60 000 Mitglieder sowie 3000 ehrenamtliche Mitarbeiter in 420 Außenstellen. Mehr als 142 Millionen Euro seien bislang an direkten Hilfen an Opfer ausgezahlt worden. Das Geld stammt aus Beiträgen, Spenden, Stiftungen und Nachlässen. Über 200 000 Menschen habe man bereits helfen können. "Ableger" des Vereins gibt es in fünf Ländern.

Die "Weißer Ring"-Außenstelle Bad Kissingen hat 110 Mitglieder. Sie ist zuständig für den Landkreis. Leiterin ist die Juristin Ulrike Lemaire. Neue Interessenten und Mitarbeiter sind immer willkommen. Die Außenstelle befindet sich in der Johannes-Brahms-Straße 46 in Bad Kissingen (Telefon: 0971/ 62 71 8). Sie hat kein "festes Büro". Beratungen finden bei den Opfern oder an neutralen Orten statt. Außerdem kann man sich an die kostenlose zentrale Nummer 11 60 06 des "Weißen Rings" in Mainz wenden. ed