Holzgetäfelte Wände, Fachwerk und entspannte Wirtshaus Atmosphäre prägten die Wahlparty der SPD im Landkreis Bad Kissingen in den Maßbachern Theaterstuben. Grund zum Feiern hätten die Genossen mit Blick auf die ersten Hochrechnungen eigentlich gehabt. Doch: Im Saal blieb es ruhig.

Anspannung spürbar

Das hatte einen Grund: "Der Abend ist noch jung", sagte Sabine Dittmar (SPD), die Direktkandidatin für den Wahlkreis 248. Die Anspannung im Saal war spürbar. Schon vor Bekanntgabe der ersten Hochrechnung wehten Satzfetzen durch den Raum, was geschehe, wenn eine bestimmte Partei eine bestimmte Prozentzahl erreichen würde.

"Am Morgen war ich noch nicht aufgeregt", teilte Dittmar mit. Das hatte womöglich einen Grund. "Ich bin heute morgen meine doppelte Runde gelaufen." Statt der üblichen vier Kilometer lief sie sich den Kopf mit Wald mit acht Kilometern frei. Überhaupt hatte sie sich bemüht, den Wahltag so angenehm wie möglich zu gestalten. "Ich habe mein Wohlfühl-Outfit an." Das heißt: roter Schal, die Lieblingsjeans und dazu rote Schuhe.

Dittmar tigert auf und ab

Rot - überhaupt die präsente Farbe auf der Veranstaltung. Fast jeder der Spd-ler hatte irgendein rotes Accessoire getragen. Die Wände zierten Banner und Plakate mit Sabine Dittmars Konterfei. Vor der Bekanntgabe der Hochrechnung um 18 Uhr hatten sich an den Tischen lose Gesprächsgruppen gebildet. "Selbst Silvester bin ich nicht so aufgeregt", wehte es von einem Grüppchen durch den Saal. Dass bei Sabine Dittmar die Aufregung im Lauf des Tages doch noch gekommen war, zeigte sich deutlich. Sie ging mit verschränkten Armen und geschürzten Lippen im Saal auf und ab.

Andere, wie etwa Christina Scheit, von der Bad Kissinger SPD blieben cool: "Ich bin tiefentspannt. Wir haben einen super Wahlkampf geführt. Mehr geht nicht mehr. Ich denke, das muss jetzt einfach laufen."

Digitales Lagerfeuer

Ablenkung verschaffte sich Sabine Dittmar im Lauf des Abends - jeden der Gäste begrüßte sie persönlich mit Vornamen. Der Eindruck: Man kennt sich unter den Genossen im ganzen Wahlkreis Bad Kissingen. Die Vertrautheit untereinander zeigte sich auch im Saal selbst. Der Flachbildfernseher war auf einem Tisch in der Ecke drapiert. Um das digitale Lagerfeuer scharten sich die SPDler, teils stehend oder sitzend. Für Unmut und Seitenhiebe auf die Staatsministerin für Digitalisierung sorgte hie und da eine stockende Internetverbindung für den Livestream: eine Atmosphäre, wie in der Dorfkneipe.

"Rot-Grün wäre als Koalition gut. Unsere Schnittmengen sind recht groß. Aber was die Koalitionsmöglichkeiten angeht, müssen wir erst die nächsten Tage abwarten", sagte Sabine Dittmar. Sie startete auf der Landesliste mit dem Platz 14. Vor einigen Wochen stand deshalb ihr Einzug ins Parlament noch zur Debatte. "Natürlich würde ich gerne in meinem Fachgebiet weiterarbeiten. Aber für weitere Spekulationen ist es noch zu früh."

Chancen, nach Berlin zu ziehen

Ihr Fazit vor Bekanntgabe der ersten Hochrechnung: "Wir müssen abwarten, was im Lauf des Abends kommt." Durch die Trendwende in den vergangenen Wochen sieht sie dennoch eine Perspektive für sich: "Es besteht die Chance für mich, in den Bundestag zu kommen." Sie hoffte: "Natürlich wäre es gut, wenn wir den Regierungsauftrag bekommen und den Schwung aus den Umfragen in reale Ergebnisse umsetzen können."

Ihr banges Ausharren wurde belohnt. In der ersten Hochrechnung lag die SPD bei 24 Prozent. Wo eigentlich mit Blick auf den SPD-Tiefflug der jüngeren Zeit Jubelschreie zu hören gewesen sein müssten, blieb es ruhig. Freude in den Gesichtern der Genossen zeigte sich erst, als eine Hochrechnung des ZDF von 26 Prozent sprach. Die Ergebnisse von CDU und CSU waren zu dem Zeitpunkt ebenfalls schon bekannt. Die Christ-Sozialen lagen gegen 18 Uhr bei etwa 25 Prozent. "Dass es knapp wird, war zu erwarten. Die Zahlen verändern sich ja noch. Ich glaube, es wird wohl ein langer Abend."

"Das wird noch ein Wahlkrimi", sagt Jürgen Hennemann, der Eberner Bürgermeister, kurz nach 19 Uhr. Der stellvertretende SPD-Unterbezirksvorsitzende zeigt sich erfreut, dass Sabine Dittmar wohl über die Landesliste in den Bundestag einziehen werde, findet aber, deren Leistung hätte im Wahlkreis durchaus besser honoriert werden können.

Denn das SPD-Ergebnis habe sich zwar gebessert, in der Region jedoch nicht so, wie das die Genossen erhofft hatten und wie es Prognosen erwarten ließen. Mit Spannung verfolgte er nach den ersten Hochrechnungen das "Wettrennen" zwischen Union und SPD auf Bundesebene, wobei er letztlich aber schon davon ausging, dass Olaf Scholz am Ende Kanzler werden wird.

Eine Koalition von SPD, Grünen und FDP kann sich der Eberner Bürgermeister gut vorstellen, zur Not aber auch eine Minderheitenregierung. Wichtig findet er, dass die AfD bundesweit nicht so hohe Ergebnisse erzielt hat, wie das mancher prophezeit hatte. Deren Ergebnis in manchen Wahlbezirken der Region hält Hennemann aber für besorgniserregend.

"...dass wir Gewinner sind"

Allerdings ließ sich Sabine Dittmar schließlich doch noch von dem Ergebnis anstecken. "Ich kann jetzt schon sagen, dass wir Gewinner sind. Olaf Scholz hat eine gute Überhol- und Aufholjagd geführt. Ich gehe davon aus, dass Olaf Scholz den Auftrag zur Regierungsbildung bekommt."

Während sich Sabine Dittmar eher nach Innen freute, sah das bei Stefan Czelustek, stellvertretender Vorsitzender der Kissinger SPD und Mitglied bei den Jusos (Jungsozialisten, Jugendorganisation der SPD) anders aus. Er war mit Juso-Fahne in den Maßbacher Schlossstuben unterwegs. "Ich bin begeistert. Gerade wenn man sieht, wie es noch vor einigen Monaten ausgesehen hat." Für ihn war klar: "Wir von der SPD sind auf jeden Fall der Gewinner - egal was der kommende Abend noch bringt."