Über Toleranz und ihre Grenzen sprach der frühere Bundespräsident und evangelische Theologe Joachim Gauck (81) am Dienstag vor 180 Gästen in der Erlöserkirche und brachte Auszüge aus seinem bereits 2019 veröffentlichten Buch "Toleranz, einfach schwer". Dies war nach langer Pandemie-Pause die Premiere zur Veranstaltungsreihe "Wir lesen", zu der Buchhändlerin Claudia Bollenbacher ("seitenweise", Ludwigstraße) und die Kirchengemeinde eingeladen hatten. Für den musikalischen Rahmen sorgte das Kammerorchester Bad Kissingen unter Leitung von Kirchenmusikdirektor Jörg Wöltche.

Luitpoldsprudel verkostet

Weit hatte es Joachim Gauck nicht, um nach Bad Kissingen zu kommen, war er doch am Vorabend zu einer ähnlichen Veranstaltung in Meiningen. So traf er schon am frühen Nachmittag in Bad Kissingen ein und ließ sich im Beisein von Kurdirektorin Sylvie Thormann und Gastgeberin Bollenbacher von Stadtführer Sigismund von Dobschütz die historischen Säle zeigen. Statt wie geplant nur 30 Minuten, nahm sich Gauck eine ganze Stunde Zeit, fragte nach Einzelheiten wie dem venezianischen Kristall der Kronleuchter im Weißen Saal, staunte darüber, dass Amtsvorgänger Heinrich Lübke im Jahr 1966 sogar das thailändische Königspaar während seiner Kur hier empfangen hatte, ließ im Schmuckhof mit eigenem Handy ein paar Erinnerungsfotos von sich machen und kostete in der Brunnenhalle den Luitpoldsprudel. Kaum drei Stunden später nahm der 81-Jährige nach einem ersten Musikstück des Kammerorchesters gut gelaunt im Altarraum der Erlöserkirche Platz, nicht ohne sich vorher bei den Musikern bedankt zu haben: "Das haben Sie schön gemacht." In seinen einstündigen Ausführungen zum Thema Toleranz und deren Grenzen gelang es dem Altbundespräsidenten trotz der Ernsthaftigkeit des Themas immer wieder, bei seinen gebannt lauschenden Zuhörern für launige Momente zu sorgen: "Ich mache keine Lesung, sondern erzähle lieber etwas, dann schlafen Sie mir nicht so schnell ein." Doch diese Gefahr bestand zu keinem Zeitpunkt.

Toleranz sei für ihn in jungen Jahren nicht selbstverständlich gewesen, blickte der 81-Jährige auf seine Kindheit in Rostock zurück. Die Verschleppung des Vaters durch die Sowjets im Jahr 1951 in ein sibirisches Arbeitslager, aus dem er erst vier Jahre später zurückkehrte, war Grund genug, ihn und seine drei Geschwister zum Widerstand gegen das in der DDR herrschende System zu erziehen. "Ich lebte in einem Staat der Intoleranz." Erst im Laufe seines Lebens habe er gelernt, tolerant zu sein. In der ersten, 1990 frei gewählten Volkskammer habe er als Abgeordneter von Bündnis 90 bekannte SED-Funktionäre angetroffen. "Mein politischer Kopf sagte zu meinem rebellierenden Bauch: Diese alten SED-Gesichter sind jetzt als PDS-Abgeordnete frei gewählt worden. Sie sind unterwegs in die Demokratie." Toleranz bedeute Duldung. "Ich musste dulden, aber nicht anerkennen." Gauck zählte verschiedene Gründe für Toleranz auf: Toleranz aus Liebe zeige sich zum Beispiel in der Pubertät eigener Kinder, wenn man deren Handeln vielleicht ablehnt, aber dennoch duldet. Toleranz aus christlicher Verbundenheit lernte er als Theologe: Hatte man ihm als Kind im evangelischen Rostock nach Eintreffen katholischer Heimatvertriebener aus dem Sudetenland noch voller Vorurteil erklärt, "Katholiken sind falsch", so habe er als junger Pfarrer in der DDR erfahren, dass evangelische und katholische Christen zusammenhalten müssen. "Ich brauche keinen Papst, aber ich brauche und anerkenne die katholischen Brüder und Schwestern." Toleranz könne sich auch in friedlicher Koexistenz zeigen. Sogar in mancher Ehe werde aus anfänglicher Liebe später eine friedliche Koexistenz. "Aber das ist besser als Mord", brachte Gauck seine Zuhörer zum Lachen. Dasselbe gelte in der Politik, wo unterschiedliche Systeme sich nicht gegenseitig anerkennen müssen, aber friedlich nebeneinander bestehen können.

Entschieden sprach sich Gauck gegen Hass in sozialen Netzwerken aus und kam damit zu Grenzen der Toleranz. "Streit gehört zum Alltag einer offenen Gesellschaft, aber liberale Demokraten haben immer gute Argumente gegen völkische Populisten." Ein solcher Streit dürfe durchaus heftig sein. "Das nenne ich kämpferische Toleranz." Man müsse ertragen, dass das eigene Ideal in einer offenen Gesellschaft nicht von allen mitgetragen wird. "Aber wenn Menschenverachtung zum Prinzip erhoben wird, dann ist Schluss mit Toleranz."

Schließlich schien sich Gauck in seinem freien Gedanken- und Redefluss selbst bremsen zu wollen: "Wenn es Ihnen zu langweilig wird, dann lese ich einfach aus meinem Buch. Sie sind ja das Volk!" Obwohl keineswegs langweilig, zitierte er nach einer kurzen Fragerunde mit Claudia Bollenbacher und dem Kissinger Autor und Theologen Rainer Haak dann doch noch ein paar Zeilen aus dem Schlusskapitel seines aktuellen Buches: "Toleranz und Verteidigung gehören zusammen. Es lohnt sich immer zu streiten - mit Verantwortungsbewusstsein, mit Mut und mit kämpferischer Toleranz."