Dass eine Staatsanwaltschaft von sich aus bereits abgeschlossene Ermittlungen wiederaufnimmt, ist selten. In Schweinfurt ist im Sommer 2020 dieser Fall eingetreten. Es geht um den Tod des Somaliers Rooble Warsame. Er wurde am 26. Februar 2019 erhängt in einer Polizeizelle in Schweinfurt entdeckt. Freitod - das war das Ergebnis der Ermittlungen von LKA und Staatsanwaltschaft Schweinfurt. Jedoch: Die Familie des Somaliers glaubt nicht an einen Suizid. Diverse Organisationen zweifeln ebenfalls die Selbsttötung an. Aber: Auch weitere Ermittlungen und Gutachten lassen nur einen traurigen Schluss zu - der 22-Jährige hat sich erhängt. Und dass das auch an einem senkrechten Gitterstab funktionieren kann, beweist ein Blick in die Akte der Staatsanwaltschaft.

Nach Zoff in der Unterkunft in die Zelle

Rückblick: Rooble Warsame war in der Nacht zum 26. Februar wie schon häufiger in der Asylbewerberunterkunft in Schweinfurt laut geworden und hatte Streit gesucht. Polizisten nahmen den jungen Mann mit, ohne dass es dabei Schwierigkeiten gegeben hätte. Alle Aussagen der beteiligten Polizisten gleichen sich: Warsame war unwirsch, aber nicht aggressiv. Dass er zu viel Alkohol getrunken hätte, äußerte er auf der Fahrt in die Polizeiinspektion - später wurden bei ihm 1,2 Promille Alkohol im Blut gemessen.

Bevor Warsame in die Zelle gesteckt wurde, gab ein Beamter seinen Namen in der Vorgangsverwaltung der Polizei ein. Der Computer spuckte aus, dass er einmal bei einem Ladendiebstahl erwischt worden war. Mehr nicht. Konnte er auch nicht, denn: Der dreiteilige Name war fehlerhaft in der Reihenfolge vom Anker-Zentrum auf dem Ausweis von Warsame vermerkt. Hätte der Beamte den Namen richtig eingeben können, dann hätte der Computer aufgezeigt, dass Warsame erst drei Wochen zuvor eine Nacht in der Psychiatrie in Werneck verbracht hatte.

Am 5. Februar 2019 war er wegen Missbrauchs von Notrufen im Ankerzentrum festgenommen und zur Polizeidienststelle in Schweinfurt verbracht worden. Dort schlug er seinen Kopf mehrfach gegen die Gitterstäbe der Tür, er brüllt laut Akte "Bringt mich um, oder ich mache es selbst, erschießt mich, tötet mich endlich." Er kam wegen Selbstgefährdung in die Psychiatrie. Einen Tag später wurde er entlassen, offenbar sahen die Ärzte keine Hinweise auf Selbst- oder Fremdgefährdung.

Halb kniend, halb sitzend

Da dies nun in den frühen Morgenstunden des 26. Februars niemand wusste, wurde Warsame um 5 Uhr in die Zelle Nummer 2 gesteckt. Da sich mehrere Beamten im Zellentrakt aufhielten, gab es erst nach dem Schichtwechsel um 7.45 Uhr einen nächsten Blick in die Zellen. Ein Beamter schilderte, was er sah: Warsame hing halb kniend, halb sitzend am Gitter, um seinen Hals ein Strick verknotet, das andere Ende war am Gitterstab angebracht. Der Beamte alarmierte Kollegen und Rettungsteam, knotete Warsame ab, entfernte den Strick - hergestellt aus einem Teil der Decke, die im Haftraum lag - und begann sofort mit der Reanimation.

Mit Herz-Lungen-Massage, Mund-zu-Mund-Beatmung und Defibrillator versuchten zwei Polizisten, den Mann wiederzuleben. Doch auch der Notarzt konnte für Rooble Warsame nichts mehr tun: um kurz nach 8 Uhr wurde der Tod festgestellt.

Zweifel der Familie

Die Leiche wurde obduziert. Oberflächliche kleine Wunden wurden dokumentiert: am Knie, an der Brust, an den Händen. Abwehrverletzungen: keine. Anzeichen auf Schläge, Tritte, Würgemale? Keine. Die Rechtsmediziner sprechen in diesem Fall von atypischem Erhängen, wenn der Körper Bodenkontakt hat. Und genau das zweifelte Rooble Warsames Familie an.

Mohammed Yassin ist Warsames Cousin, er wohnt in Malmö, ist dort integriert, hat ein Amt im Stadtrat. Er war bei der rituellen Waschung des Körpers von Warsame nach der Obduktion dabei. Für ihn sind die kleinen Wunden Anzeichen, dass der Verwandte geschlagen wurde, dass er - mit dem Knie - über den Boden geschleift wurde, wie er in einem Telefonat mit dieser Redaktion sagte. Seine Hauptkritik aber: Man könne sich nicht an einem senkrechten Stahlgitterstab erhängen. Und: Es sei nicht möglich, die feste Zellen-Decke zu zerreißen. Die Familie glaubt an Mord, an Polizeigewalt. Yassin nahm sich den selbsternannten "Menschenrechtsanwalt" Hans-Eberhard Schultz in Berlin. Und durch Schultz wurden verschiedene Menschenrechtsorganisationen auf den Schweinfurter Fall aufmerksam.

Die forderten, wie Schultz, "Aufklärung". Auch dann noch, als die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen Suizids einstellte. Die Kritik an der Einstellung hielt an. Zeugen, die sich allerdings nie bei der Staatsanwaltschaft meldeten, sagten, die Insassen der anderen Zellen hätten in der fraglichen Nacht Schreie gehört. Es gab Anfragen an die Staatsanwaltschaft von den Grünen im Landtag. "Die Gerüchte, wir würden etwas vertuschen, verstummten nicht", so der Leitenden Oberstaatsanwalt Axel Weihprecht. Er beschloss: Wir nehmen die Ermittlungen wieder auf.

Fünf Fragen, die zu klären waren

Fünf Punkte mussten erneut geklärt werden: Kann man sich an einem senkrechten Stahlstab erhängen? Kann man die Decke ohne Hilfsmittel wie Schere oder Messer zerreißen? Haben die Nachbar-Insassen etwas gehört und wenn ja: was? Diese Frage warfen zwei Abgeordnete der Landtags-Grünen auf. Und warum ist die Zelle von Warsame in der Zeit zwischen der Einlieferung (5 Uhr) und dem Auffinden (7.30 Uhr) nicht mehr kontrolliert worden - und warum wurde in der Einstellungsverfügung geschrieben, dass dazwischen "eineinhalb Stunden" gelegen hätten, obwohl es 2,5 Stunden waren?

Und war der Vorwurf der Familie richtig, dass die Staatsanwaltschaft angeordnet hätte, den Leichnam gleich nach der Obduktion zu verbrennen? Dieser Punkt zieht sich wie ein roter Faden durch die Argumentation von Menschenrechtsorganisationen. Es wird suggeriert: Hier sollte was vertuscht werden.

Dummy zeigt: Erhängen geht

Für die ersten beiden Fragen wurden zur Klärung Gutachten erstellt. Ein "technischer Oberrat" der Rechtsmedizin in München ließ eine lebensechte Puppe, einen Dummy, bauen. Die Gliederpuppe wiegt 70 Kilogramm (Warsame wog 66 Kilogramm) und ist 1,75 Meter groß (Warsame war 1,68 Meter groß). Die wurde so positioniert, wie der Polizist den Leichnam vorgefunden hat: Mit dem Kopf in der Schlinge, fast sitzend, halb kniend, Gesicht zur Zellentür. Der Gutachter schlang einen ähnlichen Deckenstreifen um das vierkantige Stück Stahl und verknotete es, legte das andere Ende als Schlinge um den Hals der Puppe. Ohne ins Detail gehen zu wollen - und um Nachahmern keine Vorlage zu liefern: Der Gutachter kam zur glasklaren Erkenntnis, dass ein Erhängen so sehr wohl möglich ist. Es genügte schon ein Druck von drei bis fünf Kilogramm über den Strick auf den venösen Blutstrom und der Mensch stirbt an Sauerstoffunterversorgung. Auf Rooble Warsames Hals wirkten acht Kilogramm ein.

Die Sauerstoffunterversorgung geht einher mit Krämpfen, die Verletzungen sind als "Anschlagsverletzungen" zu sehen, sagen Gutachter, nachzulesen in der Akte der Staatsanwaltschaft. Blutanhaftungen in Nase und linkem Ohr seien durch den Druck über den Blutstau zu erklären, wie auch die punktförmigen Einblutungen in der Augenbindehaut.

Frage zwei: Ist es möglich, die Decke zu zerreißen? Die Decken liegen in jeder bayerischen Haftzelle. Sie stammen von der Firma Ibena, sind 1,40 mal zwei Meter groß und auffällig mit einem dicken Faden am Saum umkettelt. Der Gutachter kam zum Schluss: Es ist nicht möglich, die Decke zu zerreißen - außer, man manipuliert am Rand. Ist man da einmal durchgedrungen, genügt mittlere Kraft, um die Decke in Weblaufrichtung zu zerreißen - und sich daraus einen Strick zu basteln.

Hörte jemand etwas?

Frage drei: Haben die Nachbarinsassen etwas gehört? Die Zellen 1 und 3 waren belegt. In der Zelle neben Warsame wurde auch Mohamed A. untergebracht - sein Freund aus dem Ankerzentrum, ebenfalls betrunken, ebenfalls in den Streit involviert. Die Ermittler machten Mohamed A. ausfindig - er hatte nichts gehört. Und auch nichts von dem dramatischen Rettungseinsatz durch die Stahltür mitbekommen. Der zweite Zellennachbar war Yusuf D.. Er wurde am 7. März 2019 nach Frankreich abgeschoben. Nachdem er beim Ladendiebstahl erwischt worden war, gab es ein beschleunigtes Verfahren. Die Spuren sind verwischt, die Ermittler fanden ihn in Frankreich nicht mehr. Dort gibt es ein anderes Meldegesetz als in Deutschland.

Fehler des Staatsanwalts

Frage vier: Was ist in den zweieinhalb Stunden passiert, was hat es mit der Verkürzung in der Einstellung auf eineinhalb Stunden auf sich? Ein Fehler bei der Einstellungsverfügung, wie sich im Nachhinein klären ließ, sagt Axel Weihprecht. Der damals den Fall bearbeitende Staatsanwalt habe sich schlicht um eine Stunde vertan. Fakt ist, dass nach dem Einschluss von Warsame in der Zelle kurz darauf der zweite Asylbewerber in die Zelle daneben eingeliefert wurde. Weder der Asylbewerber noch die Beamten haben etwas Auffälliges bemerkt. Rooble Warsame hätte immer die Möglichkeit gehabt, sich mit einem Notknopf mit den Beamten in Verbindung zu setzen.

Frage fünf: Was hat es damit auf sich, dass die Staatsanwaltschaft die Leiche nach der Obduktion verbrennen lassen wollte? Kurz gefasst: Es muss ein Missverständnis gewesen sein. Auf Blatt 38 der Akte ist zu lesen: "Die Leiche wird nach der Obduktion zur Bestattung freigegeben. Feuerbestattung ist zulässig". Zuvor hatte die Rechtsmedizin im Obduktionsprotokoll ausgeführt: "Gegen die Freigabe der Leiche, auch zur Feuerbestattung, bestehen aus Sicht der Obduzenten keine Bedenken." Der rechtliche Hintergrund ist, dass nach § 17 Abs. 6 der Bayerischen Bestattungsverordnung bei Anhaltspunkten für einen unnatürlichen Tod eine Feuerbestattung nur mit Genehmigung der Staatsanwaltschaft erfolgen darf. Die Vorschrift lautet: Sind Anhaltspunkte für einen nicht natürlichen Tod vorhanden, ist die Todesart ungeklärt oder wird die Leiche eines Unbekannten aufgefunden, so darf die Leiche erst eingeäschert werden, wenn die Staatsanwaltschaft oder der Richter beim Amtsgericht die Feuerbestattung genehmigt. Heißt: Die Staatsanwaltschaft musste diesen Satz festhalten. Der Leitende Oberstaatsanwalt Axel Weihprecht: "Das ist eine Formalie - wir müssen so auch darauf hinweise, dass es die Möglichkeit der Feuerbestattung gibt."

DNA-Gutachten steht noch aus

Auch die neuen Gutachter bestätigen, was bereits bei den ersten Ermittlungen feststand: Es war ein tragischer Suizid. "Mehr", sagt Oberstaatsanwalt Axel Weihprecht, "können wir nicht tun. Wir wollten jeden Zweifel ausräumen". Ein letztes Gutachten steht noch aus, die Decke aus der Zelle wird auf DNA untersucht. Doch das Ergebnis wird erst in einigen Monaten erwartet.