Der Satz "Die fetten Jahre sind vorbei" ist, für sich genommen, zunächst einmal eine Aussage, die man ignorieren oder zur Kenntnis nehmen kann, die man bestätigen oder bedauern kann, um dessen Brisanz man bequem einen Bogen machen kann, weil er so viel von einer beliebigen Binsenweisheit hat. Aber es gibt Situationen, in denen dieser Satz als elementare Bedrohung empfunden werden kann.

Wenn etwa ein reicher Unternehmer abends in seine Villa kommt und feststellen muss, dass Einbrecher da waren. Er wird irritiert feststellen, dass nichts fehlt. Aber dass Unbekannte in seinen privatesten, geschütztesten Bereich eingedrungen waren, merkt er daran, dass ein paar Möbel umgestellt sind. Und er findet einen Zettel: "Die fetten Jahre sind vorbei". In so einer Situation ist das perfidester Psychoterror. Denn der Mann müsste unbedingt wissen, wie der nächste Satz heißt, um irgendwie reagieren zu können. Egal, was passiert: Das Warten ist auch nicht besser.

"Die fetten Jahre sind vorbei" war zunächst der Titel eines Films, den Hans Weingartner 2004 mit prominenter Besetzung - Daniel Brühl (Jan), Stipe Erceg (Peter), Julia Jentsch (Jule), Burghardt Klaußner (Hardenberg) - herausbrachte, und der bis nach Cannes durchgereicht wurde. Der große Erfolg nicht nur in Deutschland veranlasste Gunnar Dressler kurz darauf, aus dem Drehbuch eine Bühnenfassung zu erarbeiteten. Und die brachte Julika Kren - sie war von 2016 bis 2019 Theaterpädagogin in Maßbach - mit ihrem Team in überarbeiteter Fassung im "Intimen Theater in der Lauertalhalle" auf die Bühne.

Das Stück ist sozusagen eine 68-er Spätlese. Es spielt im Berlin der unruhigen Berliner Jahre, als die Linke glaubte, außerhalb der Parlamente Opposition machen zu können. Und durchaus chaotisch ist die Handlung des Stückes, wenn auch nur für die Beteiligten. Der Zuschauer behält den Durchblick der Distanz.

Und er beobachtet zwei junge Leute, Jan (Yannik Rey) und Peter (Benjamin Jorns), die mit allen Begleiterscheinungen in einer Wohngemeinschaft leben. Auch sie wollen politisch mitmischen, aber möglichst gewaltfrei, und beginnen, in die Wohnungen der Reichen einzubrechen und Zettel zu hinterlassen - neben dem ober erwähnten auch "Sie haben zu viel Geld! Die Erziehungsberechtigten".

Zu ihnen gesellt sich Jule (Anna Schindlbeck), eine Studentin, die gerade ihre Wohnung und ihren Nebenerwerbsjob verloren hat, die aber nach einem Autounfall 100 000 Euro Schulden bei dem Unternehmer Hardenberg (Marc Marchand) hat.

Was für uns heute erwartbar ist: die WG zerbricht, weil Jule zuerst Peter, dann Jan liebt und weil das politische Projekt brutal abgewürgt wird. Denn als Jule erfährt, dass Jan problemlos in Häuser einbrechen kann, überredet sie die beiden, auch bei Hardenberg einen Zettel zu platzieren, um ihn unter Druck zu setzen. Aber dummerweise hat Jule ihr Handy am Tatort vergessen, und sie kommen am nächsten Abend zurück - wie auch Hannemann. Da sie ihn nicht töten wollen - eine Pistole hätten sie - entführen sie ihn auf die Berghütte einer Tante.

Dort entwickelt man durchaus Sympathien füreinander. Hannemann war ja auch mal jung und links. Aber er heuchelt, denn er hat erkannt: "Wer unter 30 nicht links ist, hat kein Herz, und wer mit über 30 immer noch links ist, hat keinen Verstand!" Als Hannemann verspricht, dass er nicht die Polizei einschalten werde, kehren die vier nach Berlin zurück. Aber trotzdem hämmert kurz darauf ein SEK der Polizei an die WG-Türe.

Das Stück hat eigentlich zwei Probleme. Das eine ist seine zeitliche Gebundenheit, denn es spielt in einer politischen Welt, die es heute so nicht mehr gibt. Dazu hat sich die Gesellschaft in den letzten 54 Jahren zu stark verändert. Was allerdings heute noch ein Thema ist, ist die Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus. Schließlich hat sich die Schere zwischen arm und reich auch in diesen 54 Jahren immer weiter geöffnet. Aber Julika Kren hat Themen mit hineingenommen, wie die Klimakatastrophe und den Umweltschutz, und hat mit Zitaten und Einspielern das Stück in seiner Handlung nicht verändern, aber politisch in der Gegenwart geerdet.

Das andere Problem, das die 68-er hatten: Die Linken und der Humor sind sich immer möglichst weit aus dem Weg gegangen. Die politisch aktiven Linken hatten für Humor keine Zeit, weil sie sich immer so fürchterlich ernst nehmen mussten ("Kommt massenhaft!"). Ein bisschen davon bot die Berliner "Kommune 1" um Fritz Teufel und Rainer Langhans, aber dieser Humor war immer inszeniert und fand nur statt, wenn zufällig die Presse vorbeikam. Und deshalb machten Julika Kren und ihre Truppe aus dem Stück geradezu gnadenlos eine Komödie (auch wenn sie nicht gut ausgeht), bestes Schauspielertheater in Höchstgeschwindigkeit, in dem auch das Publikum mitunter einbezogen wird.

Keine Angst! Niemand wird nass, muss Kniebeugen machen oder wird auf die Bühne gerufen. Aber zu viel soll nicht verraten werden. Man kann sich über die revolutionäre Naivität auf der Bühne kaputtlachen und sich gleichzeitig ertappt fühlen von dem Ernst der angesprochenen Themen.

Das Mimenquartett hält das hohe Tempo wunderbar durch. Und die Vier zeichnen mit feiner Feder genau die Charaktere, die es damals in der linken und Wohngemeinschaftsszene oder bei den Jungunternehmern gegeben hat, als wären sie ihnen noch persönlich begegnet.

Das flexible Bühnenbild von Robert Pflanz, das sich erschreckend leicht vom Neureichen-Pool zur renovierungsbedürftigen Studentenbude zusammen- und verschieben lässt, die zeitlich korrekten flippigen Kostüme von Daniela Zepper machen ihnen das allerdings auch leicht.

Man sollte die vier Gestalten nach der Dernière ins Museum stellen, dass die Großeltern ihren Enkeln zeigen können, was sie ihren Kindern über ihre Jugendjahre verschwiegen haben. Skeptisch hat man das Theater betreten; vergnügt verlässt man es wieder - in der Hoffnung, dass nicht auf dem Küchentisch mitten im Wohnzimmer ein Zettel liegt.