Im Gegensatz zum Islam gab es im Christentum kein Abbildungsverbot für den christlichen Gott. Wie Menschen aus Fleisch und Blut haben sie die Künstler des Abendlands durch die Jahrhunderte dargestellt, haben sie dadurch den Gläubigen nahegebracht und vermenschlicht.
Wenn man von bilderstürmerischen Tendenzen mehr protestantischer Provenienz im europäischen Norden und Westen einmal absieht, war ansonsten und gerade in der österreichischen Heimat des mit Theaterstücken wie Film- und Fernsehskripts gleichermaßen erfolgreichen Medien-Allrounders Felix Mitterer die katholische Welt lange in Ordnung, die Bilder von der Dreifaltigkeit, der Heiligen Familie, des Satans allgegenwärtig und vertraut.


Aktuelle Fragen

Und sie und der Katholizismus an sich haben Mitterer offenbar nicht ruhen lassen, haben ihn als Dramatiker gereizt, diese Gestalten aus den Texten der Bibel auf die Bühne zu stellen und sie mit den Fragen zu konfrontieren, die er hat an diese Religion, die die westliche Welt in den letzten zwei Jahrtausenden bestimmt oder zumindest mitgeformt hat.
Er stellt diese Fragen aus unserer konkreten Gegenwart zu Beginn des 21. Jahrhunderts (mit etwa unserer Asylproblematik) heraus. Und er legt sie in seiner "himmlischen Komödie" "Krach im Hause Gott" den biblischen Protagonisten in den Mund, führt uns wie Goethe in seinem Faust-Prolog hinein in den Antagonismus zwischen dem Schöpfer und seinem Widersacher und stellt diesen, wie schon Goethe, als Anwalt der Menschen vor, die sich auf der Erde mit Gottes Schöpfung abplagen.


Gottvater als Konzernchef

In der Inszenierung von Nikolaus Büchel, der auch für die blau-golden ausstaffierte, ansonsten nüchterne Bühne mit einem goldenen Fenster zum Blick auf die Erde verantwortlich zeichnet, bildet den Rahmen der Auseinandersetzung ein langer Konferenztisch, an den Gottvater wie ein Konzernchef seine zwei Mitstreiter Jesus und Geist und seinen Gegenspieler Satan geladen hat, um mit ihnen seinen Plan zu diskutieren, die Schöpfung, das Projekt Menschheit aufzugeben. Er will das Ganze vernichten, weil es nicht seinen Vorstellungen entspricht, auch nachdem er es mit Jesu Opfer am Kreuz noch einmal nachzubessern versucht hatte.


Ankläger Satan

Mit der Einladung zum Gespräch über sein Schöpfung begibt er sich allerdings in eine Diskussion, die seine einstmals unangefochtene Position von allen Seiten hinterfragt und in der Anklage des Satans mündet, er habe versagt und solle deshalb sich selbst abschaffen, denn er könne seinem Geschöpf nicht anlasten, was ihm nicht gefällt, weil er es ja genauso ausgestattet hat, wie es sich jetzt aufführt mit seinem freien Willen und der Aufforderung, sich die Erde untertan zu machen.
Allein der Geist hält bedingungslos zu Gottvater, Jesus wirft ihm sein eigenes Leiden und das der Menschheit vor und führt ins Feld, dass alles, was am Christentum den heutigen Menschen wichtig ist, von ihm kommt, dass nicht der hasserfüllte Gott des Alten Testaments, sondern seine Botschaft der Liebe und Vergebung sie anspricht. Während der Geist Jesus seine Abneigung zeigt, da er sich zwischen Gottvater und ihn gedrängt hat, hält Satan diesem entgegen, dass der Mensch nicht so funktioniert, wie Christus meint, dass er hassen will und auf Rache sinnt.
Das weibliche Element taucht im ersten Teil des Stücks nur als Putzfrau und Sekretärin und etwas prominenter Maria Magdalena auf. Doch im zweiten Teil tritt die Gottesmutter Maria wie ein Fremdkörper zwischen den zeitgenössisch gekleideten Herren mit all ihren Attributen der Kunstgeschichte in starken Weiß-Rot-Blau-Farbtönen auf und bringt die Männergesellschaft durcheinander. Ihr (Feministinnen-)Vorwurf, dass das weibliche Element von Gottvater eliminiert worden sei, und dass die Weltgeschichte, deren katastrophalen Verlauf ja alle bedauern, sehr viel besser abgelaufen wäre, wenn Frauen das Sagen gehabt hätten, wird von Satan mit dem Hinweis auf die Erziehungsgewalt der Mütter für ihre Söhne und dem Hinweis auf die heutigen Herrscherinnen, die das Machtgehabe der Männer perfekt kopieren, um Erfolg zu haben, abgeschmettert.


Lachen kommt nicht zu kurz

Man findet im "Hause Gott" keine wirkliche Lösung am Ende dieser mit Bibelzitaten gespickten und an Darstellung des Konflikts, der sich bei auch einer wesentlichen Quelle des Lachens bedient, weil wir lachen, wenn das Erhabene mit dem Alltäglichen konfrontiert wird. Und das geschieht in diesem raffinierten Text Mitterers natürlich ständig und wird noch gewürzt mit den eher harmlosen Einsprengseln wie etwa der Unzahl der heutzutage völlig unbedacht verwendeten Floskeln wie "Gott sei Dank" im Angesicht der Angesprochenen.
Große Teile des Publikums amüsierten sich von Anfang an lautstark über diese Partien, andere sahen eher verkniffen und irritiert murrend zu im Zweifel darüber, ob das nicht verwerfliche Blasphemie war, was da über die Bühne ging. Was aber jeder zugeben musste, war, dass Mitterer geschickt eine ganze Menge naheliegender oder auch tiefer gehender theologischer Fragen in einer kurzweiligen Bühnenhandlung präsentiert. Fragen, die man sich zu selten stellt und die man - auch wenn Kirchenvater Augustinus das vor 1600 Jahren verboten hat - 200 Jahre nach der Aufklärung im christlichen Europa auch stellen können sollte.


Kurzweilige Bühnenhandlung

Für die Regie ist ein solches Thesen- und Diskutierstück natürlich ein ganz schön schwieriger Brocken. Nikolaus Büchel bemühte sich redlich und mit Erfolg, die fünf Protagonisten aus anderen Sphären in menschliche Hüllen unserer Zeit zu kleiden. Gottvater als alter, abgeklärter, an der Espressomaschine hängender Konzernchef, der aber mit einer Handbewegung Licht werden lassen kann, wurde von Jörg Reimers als sehr milder, fast desinteressierter, nur in Zornesausbrüchen richtig eindrücklicher Firmenchef im Allesentscheider- und Verantwortungs-Frust gegeben.
Bernhard Bettermann war als Satan ein hochintelligenter, strategisch und cool-frech sich seines letztendlichen Erfolgs sicherer Businessmann in schwarz-rotem Outfit und Hinkefuß aus seiner Geschichte.
Bettermanns Sohn Tim Bettermann spielte Jesus als unbestimmt alternativen, irgendwo auch romantisch-naiven Juniorchef und ob seiner Wundmale wehleidigen Weltverbesserer mit wenig Verwendung für die Dornenkrone.


Griff in die Typenkiste

Das alles ließe sich mit dem Griff in die Typenkiste verwirklichen; aber was macht man mit dem asexuellen Heiligen Geist? Ein bisschen schwul, konfliktscheu mit leichten blassen Hemdchen, immer mit dem Drang, auf Tisch und Stühle zu steigen, "über den Wassern" zu schweben, kam Sebastian Sash rüber, als nicht so ganz menschliche Person, wie ihm Christus ja auch vorwirft.
Mimi Fiedler, die Frau im Himmelshaus, konnte als Putzfrau, Maria Magdalena und schließlich als Muttergottes dagegen jede einzelne Rolle realistisch ausleben und vor allem als Christus-Mutter Maria das Machtgebilde der Männerwelt im Hause Gott mit kluger Gesprächsführung und großem emotionalem Engagement ganz schön ins Wanken bringen.


Angeregte Diskussionen

Das Publikum applaudierte lange und ließ erst ab, als die Akteure nicht mehr herauskamen. Die Aufführung hinterließ neben vielen begeisterten Zuschauern auch nachdenkliche oder wenig amüsierte Gesichter und regte die Gesprächs- und Diskussionsbereitschaft hinterher wie kaum eine vorangegangene an. Ein gutes Zeichen, denn das gehört schon seit Schiller zu den wesentlichen Forderungen an gutes Theater.