"Wir gemeinsam für Frieden! STOP WAR!" - Die eindeutige Botschaft, welche die Spieler des FC Thulba und des FC 06 Bad Kissingen vor dem Bezirksliga-Derby mittels eines vor Anpfiff präsentierten Banners aussandten, war klar und deutlich. Beim Pflichtspielauftakt ging es den beiden Teams eben nicht nur um Fußball, sondern auch darum, ein Zeichen der Solidarität auszusenden an jene, die von den Kriegshandlungen direkt oder indirekt betroffen sind.

Einer dieser Menschen ist Ruslan Zhyvka. Der gebürtige Ukrainer und Spieler des FC 06 bangt seit Beginn des russischen Angriffs um Familie, Freunde und Bekannte in der ukrainischen Heimat. Während Mutter und Schwester nach tagelanger Flucht das Land per Auto verlassen konnten und nun in Bad Kissingen angekommen sind, leistet sein Vater Hilfe in der westlich gelegenen Stadt Stryj, einer Stadt etwa so groß wie Schweinfurt, in der es bislang relativ ruhig geblieben ist. Seine Großeltern seien ebenfalls in der Ukraine geblieben. "Sie möchten das Land nicht mehr verlassen", erzählt Ruslan. Der 27-Jährige, der im Jahr 2016 nach Deutschland kam und hier mit Frau und drei Kindern lebt, ist schockiert und wütend zugleich, fühlt sich machtlos. Doch er will sein Land nicht im Stich lassen.

Zuschauen ist keine Option

Auch wenn Ruslan in der Ukraine eine zweijährige militärische Ausbildung in Kiew genossen hat und er sein Heimatland am liebsten selbst verteidigen würde, ist es für ihn letztlich keine Option in den Krieg zu ziehen. Zwillinge im Alter von etwas mehr als einem Jahr, seine vierjährige Tochter und seine Ehefrau, lassen ihn vom ursprünglichen Gedanken abkommen.

Nur zuzuschauen, was in der Heimat passiert, ist für ihn aber keine Option. Und so fasste Ruslan Anfang letzter Woche einen Entschluss: Er möchte sich Urlaub nehmen und an die polnisch-ukrainische Grenze aufbrechen, um dort Freunden aus seinem Heimatort die so sehr benötigten Hilfsgüter zu übergeben und im besten Fall auch Menschen in Sicherheit zu bringen. Mit an Bord ist sein Kumpel Alex, der ebenfalls aus der Ukraine stammt und dessen Familie aktuell mitten im Kriegsgebiet in der 500 000-Einwohner-Stadt Mykolajiw festsitzt.

Als Vorstandsmitglied Florian Heimerl und Spielführer Christian Heilmann von Ruslans Idee erfahren, sichern sie ihm sofort jegliche Hilfe des gesamten Vereins zu. In den folgenden Stunden verbreitet sich die Info über die Vereinsmitglieder des FC 06 in Windeseile, sodass auch immer mehr Leute außerhalb des Fußballklubs darauf aufmerksam werden. Fast im Minutentakt rollen die Autos am Dienstagabend in den Sportpark. Auch den ganzen Mittwoch über werden Kleidung, Hygieneartikel, Medikamente sowie Lebensmittel in einem Maße gespendet, mit dem Ruslan, seine Familie und auch der Fußballverein selbst niemals gerechnet hätten. "Wir sind berührt von der riesigen Welle an Solidarität. Nicht nur Personen im Umfeld des Vereins, sondern auch viele, viele weitere Menschen und Firmen haben uns die letzten Tage hierbei unterstützt", heißt es dazu vonseiten der Vorstandschaft.

Nach 15 Stunden an der Grenze

Als der von der Firma Ulsamer GmbH zur Verfügung gestellte Kleinbus am Mittwochnachmittag im Sportpark eintrifft, geht es ans Einladen der vielen Spenden. Vollbepackt bis unter das Dach, macht sich der Transporter schließlich kurz vor Mitternacht auf den Weg. Es wären wohl noch zwei weitere Busse voll geworden, so viele Dinge stehen zu diesem Zeitpunkt noch in der Lagerhalle des Vereins. Mehr als 15 Stunden später, nach einer kurzen Nacht mit wenig Schlaf, erreichen die beiden Fahrer die polnisch-ukrainische Grenze, an der Ruslans Kumpels bereits zum Entladen warten.

Auf sieben Paletten verpackt, landen die Hilfsmaterialien schließlich in einem kleinen LKW, der die Güter bis in eine als Betten- und Versorgungslager umfunktionierte Grundschule nahe Ruslans Heimatstadt bringt.

Die Situation an der Grenze sei "chaotisch" gewesen, mit kilometerlangen Staus und voll belegten Hotels und Pensionen auch im weiteren Umfeld, weshalb ein Parkplatz als einzige Übernachtungsmöglichkeit bleibt. Beim Zwischenhalt in Krakau (Polen) werden neben der Tante von Alex auch eine bis dahin fremde Frau mit zwei Kindern aufgenommen. Die Mutter, ihr Sohn, der an diesem Tag elf Jahre alt wird, und die 15-jährige Tochter legen ihre anfängliche Angst und Schüchternheit schnell ab, nachdem es zur Stärkung erstmal ins Fast-Food-Restaurant geht.

Überragende Unterstützung

Am frühen Samstagmorgen ist die Gruppe schließlich wieder zurück in Unterfranken, Mutter und Kinder kommen vorerst in einer Unterkunft in Gerolzhofen unter. Ein sichtlich gerührter Ruslan Zhyvka sagt am Rande des Bezirkligaspiels, zu dem er es noch pünktlich geschafft hat: "Es ist für mich einfach überragend, dass mich innerhalb von zwei Tagen nicht nur meine Mannschaft und mein Verein, sondern die Bürger aus ganz Bad Kissingen und Umgebung unterstützt haben. Dafür bin ich allen unendlich dankbar!" Bereits Ende dieser Woche ist eine weitere Fahrt in die Ukraine geplant.

Erfolgreich verlief die Spendenaktion der beiden Landkreisvereine während der Partie. 270 Euro kamen zusammen, die beide Teams mit jeweils 115 Euro aus der Mannschaftskasse aufstocken. Die Spendensumme von insgesamt 500 Euro geht nun an den Aktion Deutschland Hilft e. V., ein Bündnis deutscher Hilfsorganisationen, deren Ziel es ist, Kräfte zu bündeln und so schneller und wirkungsvoller zu helfen.

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