Menschen fallen durchs Raster - derzeit besonders häufig - und auch in Bad Kissingen. Durchs Raster fallen, das heißt im Fall eines 18-Jährigen (zwecks Anonymisierung etwas verfremdet): Kein Einkommen, keine Wohnung, kein Kontakt zur Familie. Zusätzlich hat er eine Gerichtsverhandlung am Hals. Christian Fenn vom Verein "Kidro" kümmert sich um ihn.

Der Verein Kidro

Der Verein bietet eine Wärmestube, Drogenhilfe, Arbeitsprojekte, Möbellager und Integration durch Sport an. Das Ziel im Falle des Jungen: Von der Parkbank auf die Schulbank wechseln, um sich auf eine Ausbildung vorzubereiten.

Aber der Junge steckte in einem schwer überwindbaren Teufelskreis, berichtet Fenn. Ohne Einkommen kein Mietvertrag. Ohne Meldeadresse kein Bafög. Ohne Bafög wiederum kein Vermieter, der eine Wohnung zur Verfügung stellt. "Wenn es da keinen Sozialarbeiter gibt, der dich da durchschiebt, ist es für die Menschen einfacher, sich wieder auf die Parkbank zu legen", sagt Fenn.

Um dem Jungen trotzdem den Besuch der Schule zu ermöglichen, mieteten die Mitglieder des Vereins für den Jungen eine Wohnung. Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte. Außerdem zahlt der Verein Essen, Schulutensilien, Kaution: Das Geld stammt aus Spendengeldern der vergangenen Weihnachtshilfe.

Regelwerk ist nicht für jeden praktikabel

"Die Weihnachtshilfe ist Gold wert", sagt Fenn. "Wenn wir die Wohnung nicht zahlen würden, wäre der Junge nicht an der Schule." Sobald der Junge Bafög erhält, soll er das Geld zurückzahlen. "Wir gehen sehr sorgsam mit den Geldern um."

Das ist nur eine Geschichte eines jungen Mannes, knapp umrissen. Im Jahr hat Fenn mit etwa 120 verschiedenen Menschen zu tun. Manche sieht er fast täglich, andere nur einmal.

Eine Erfahrung macht der Sozialarbeiter dabei oft. "Das Regelwerk ist für den normalen Menschen formuliert. Unsere Kundschaft wird dabei oft völlig vergessen." Beispiel Pandemie-Regeln: "Wie soll ein Obdachloser in Quarantäne gehen? Wie soll ein Obdachloser die Ausgangssperre einhalten?", fragt Fenn.

Wie soll ein Obdachloser in Quarantäne?

In Fenns Büro liegen zahlreiche Bußgeldbriefe. Mitarbeiter der Behörden schickten die Briefe oft an den Verein, da die Ämter aufgrund einer fehlenden Meldeadresse nicht wissen, wo sich die Menschen aufhalten. "Rein juristisch betrachtet" sei die Ausstellung der Bußgelder zwar richtig, "aber das richtige Leben funktioniert anders", sagt Fenn. "Jemand, der obdachlos ist, hat ganz andere Sorgen." Etwa was es als Nächstes zu essen gebe.

Mit den Behörden habe man sich geeinigt, berichtet Fenn. Mal sei die Hälfte vom Bußgeld bezahlt worden, mal ein Drittel. Mittlerweile hat der Bayerische Verwaltungsgerichtshof die Corona-Ausgangsbeschränkungen vom Frühjahr 2020 in Bayern für unzulässig erklärt. Seitdem sind die Zahlungen eingestellt.

Für alleinstehende Menschen, oft polnische Leiharbeiter, die krank sind oder nicht raus dürfen, weil sie in Quarantäne sind, kauft das Kidro-Team ein. "Wer bringt dir Medikamente? Wer guckt nach, ob du noch lebst?", fragt Fenn dann. Oft gibt es niemanden.

Einkaufen für Leute in Quarantäne

Einkaufen, das klingt nach schnell gemacht, ist es aber nicht. Wenn die falsche Suppe gekauft werde, murren manche. "Jeder hat seine Angewohnheiten", sagt Fenn. Deshalb werden, bis das richtige Produkt gefunden und gekauft ist, zahlreiche Nachrichten und Fotos zwischen den Mitarbeitern von Kidro und den Hilfesuchenden ausgetauscht.

Damit die Menschen den Geldschein unter der Tür durchschieben können und weder zu viel noch zu wenig zahlen, rechnet Fenn vorher das passende Wechselgeld aus und legt es in die Einkaufstüte. "Solche Einsätze gab es vor Corona nicht", sagt er.

Weihnachten

Wie wird Weihnachten? Eine große Feier gehe wegen Corona nicht, sagt Fenn. Deshalb ist die Feier auf die vier Tage vor Weihnachten aufgeteilt. Zur Mittagszeit gebe es umsonst Braten mit Klößen.

Spendenkonten:

  • Solwodi: DE73 7906 5028 0005 7260 50
  • Diakonisches Werk: DE48 7935 0101 0000 0025 35
  • Caritas: DE80 7935 1010 0000 0019 41
  • Kidro: DE05 7935 1010 0000 0335 55

Verwendungszweck: Weihnachtshilfe Saale-Zeitung

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