Eigentlich war der Plan von Anita Haub und Marion Kiesel, ein Nachmittagsangebot für Senioren zu gestalten. Das war im Zuge der Kommunalwahl, die im März 2020 stattfand. Gemeinsames Malen, Kartenspiel, oder Singen war geplant. Doch Corona bremste ihr Vorhaben aus. Aber gerade im März war es wichtig, vor allem die älteren Menschen nicht alleine zu lassen. So entstand die Idee des Sorgentelefons.

"Es gibt viele Menschen, die allein sind - wir hören einfach mal zu", sagt Marion Kiesel. Die Leute würden sich darüber freuen. "Sie rufen uns an und erzählen uns, was ihnen so durch den Kopf geht." Entgegen des Namens "Sorgentelefon" sind Sorgen eher eine Seltenheit bei den Anrufenden: "Sie erzählen von früher, wie es einmal war - von ihrem Leben, ihren Kindern und fragen auch mal: ,Weißt du noch? Kennst du noch?'"

Gemeinsam lachen

Das sei für die älteren Menschen besonders wichtig: Viele würden kaum noch aus dem Haus gehen. Damit schwinden die Kontakte und Unterhaltungen. Das übernimmt Marion Kiesel gerne: "Und wenn wir gemeinsam über so manche Erzählungen lachen können in dieser schwierigen Zeit der Beschränkungen, dann haben beide Seiten durch das Gespräch gerade mal nicht an Corona gedacht", sagt sie.

Aber Kiesel erhalte auch weniger erfreuliche Nachrichten: "Die Menschen in der Behindertenwerkstatt in Nüdlingen haben ein Schreiben bekommen, dass sie dieses Jahr kein Weihnachtsgeld bekommen." Das beschäftige die Menschen sehr.

"Uns wird viel erzählt", sagt Anita Haub. Dabei gehe es um Kleinigkeiten im Alltag, die die Leute freuten oder besorgten. Damit die Anrufenden sich öffnen, brauche es ein bisschen Vorlauf: Sie leitet ins Gespräch ein, indem sie fragt, wie es den Leuten geht, wie es gesundheitlich ausschaut. Durch ein Gespräch kämen alltägliche Sorgen ans Licht: "Es platzt nicht gleich aus ihnen heraus." Jedoch sei es hier noch überschaubar, schätzt Anita Haub: "Es ist ja auch so, dass auf dem Land ja jeder noch einen Kontakt hat, mit dem er reden, und den er anrufen kann. Das ist in der Stadt schon anders."

Corona zehrt allmählich

In Bad Brückenau gibt es die Telefonseelsorge der katholischen Pfarrgemeinde mit Pfarrer Hans Thurn. Auch er sieht in der ländlichen Gegend weniger Probleme mit Einsamkeit. "Hier sind die Sozialkontakte und die Beziehungen zur Nachbarschaft anders, als zum Beispiel in Würzburg-Heuchelhof." Dennoch war für die Menschen spürbar, dass sie seltener auf Bekannte treffen. Umso schöner, wenn es doch Begegnungen mit anderen gab: "Wenn man Leute gesehen hatte, wurde das thematisiert", sagt Thurn.

Noch sei Einsamkeit kein großes Thema, aber: "Wie es sein wird, wenn es im März, April 2021 immer noch so ist, weiß ich nicht." Es zehre allmählich. Sein bisheriges Fazit: Die Corona-Krise habe die Leute sicher betroffen und beeinflusst, aber in einem Maße, das bisher noch überschaubar sei.

Einfach nur reden

Pastoralreferent Markus Waite und Pfarrer Thomas Eschenbacher der Pfarreiengemeinschaft Hammelburg betreiben seit vier Wochen das Seelsorge-Telefon. "Der Rücklauf ist sehr gering", stellt Waite fest. Bisher hatte er kein Gespräch, dass er zur Seelsorge zählen würde. Seine Vermutung: "Die Menschen kommen mit ihren Sorgen nicht zur Kirche." Früher sei es normal gewesen, doch im Laufe der Jahre sei das weniger geworden.

"Bei mir war schon einer dran, der einfach mal reden wollte", sagt Pfarrer Eschenbacher. Er habe ihm helfen wollen, ihm einen passenden Gesprächspartner suchen, aber das sei sehr schwierig. "Ich kann ihnen am Telefon nicht bieten, was sie brauchen. Beispielsweise Bekannte und Verwandte wiederzusehen." Was er aber kann, ist: für die Menschen da sein und ihnen zuhören. "Wir möchten den Menschen die Garantie geben, da ist wer da, da hört wer zu."

Oft zufällige Gespräche

Ein Thema der Gespräche sei zum einen das Gefühl der Einsamkeit. Zum anderen denken die Menschen bereits über Weihnachten nach. Darf man sich treffen, ist es das Risiko überhaupt wert? Ebenfalls geht es oft um Themen rund um Nähe und Beziehungen.

Gespräche mit dem Pastoralreferenten oder dem Pfarrer würden ansonsten oft durch zufällige Begegnungen entstehen: Beim Einkaufen oder unterwegs in der Stadt. Nach einem einfachen Gruß komme man in ein längeres Gespräch. "Durch Corona gab es da einen ganz klaren Einbruch", sagt Pastoralreferent Waite. Umso besser sei es ab Mai gewesen, wieder auf Menschen zu treffen. Was er mittlerweile daraus gelernt hat: "Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, plane ich für solche Begegnungen eine Stunde länger mit ein."