Der Kurgarten mit Wandelhalle, Arkaden- und Regentenbau ist zwar das Herzstück des einstigen Weltbades Bad Kissingen. Doch die historische Bedeutung des größten bayerischen Staatsbades und noch immer bekanntesten Kurortes Deutschlands, dem im Verbund der elf "Great Spas of Europe" im Juli der Unesco-Welterbe-Titel zuerkannt wurde, ist nicht nur dort, sondern an vielen Punkten innerhalb eines insgesamt 212 Hektar großen Areals vom Golfplatz im Süden bis zum Kaskadental im Norden noch heute sichtbar.

Um künftig die Welterbe-Stätte in ihrer Gesamtheit für Einwohner und Gäste anschaulich erlebbar zu machen, ließ das städtische Welterbe-Team vom Regensburger Beratungsunternehmen Cultheca eine nördliche und eine südliche Welterbe-Führung ausarbeiten. Am vergangenen Sonntag gab es einen ersten Probelauf der etwa dreistündigen Nordtour. Eine 20-köpfige Gruppe, zusammengesetzt aus Kissingern und Urlaubern, aber auch erfahrenen Gästeführern, folgte Cultheca-Chefin Regine Leipold bei der Probeführung, die im Kurgarten begann. Dieser sei nicht nur das Herzstück der aktuellen Welterbe-Bewerbung gewesen, sondern schon vor bald 300 Jahren der Ausgangspunkt für die Entwicklung Bad Kissingens zum Weltbad. Begonnen hatte dies mit der Anlage des ersten Kurgartens im Jahr 1737 durch den Würzburger Baumeister Balthasar Neumann im Verbund mit der notwendig gewordenen Verlegung der Saale in ihr heutiges Flussbett. Die drei wichtigsten Förderer des Staatsbades hätten ihren jeweiligen "Haus- und Hof-Architekten" in Bad Kissingen eingesetzt, betonte Leipold: Nach Balthasar Neumann hätten Friedrich von Gärtner, beauftragt von König Ludwig I., und schließlich Max Littmann im Auftrag von Prinzregent Luitpold im Staatsbad gewirkt.

Nach anschließender Besichtigung des reich mit Terrakotta verkleideten Foyers des aufwendig restaurierten Kurhausbades führte Leipold ihre Gruppe durch das Altstadtzentrum. In den Namen der Grabengasse, Brunnengasse oder Kirchgasse wirke zwar noch heute das mittelalterliche Städtchen nach, erklärte sie. Doch die an der im 19. Jahrhundert rasant wachsenden Zahl von Kurgästen und Sommerfrischlern messbare Prominenz des Staatsbades habe sich auch auf das landwirtschaftlich geprägte Städtchen ausgewirkt. Auf Erlass von Ludwig I. sei mit dem Abriss der mittelalterliche Stadtmauer eine moderne Stadtplanung erst möglich geworden, Straßen konnten verbreitert und repräsentative Stadthäuser gebaut werden. Leipold: "Die Wechselwirkung zwischen Bad und Stadt war deutlich festzustellen." Um 1900 habe es in Bad Kissingen 20 Hoflieferanten gegeben, im doppelt so großen Augsburg nur 21. "Die Altstadt war das Dienstleistungs- und Versorgungszentrum für das Staatsbad und seine Gäste."

Weiter ging die Welterbe-Führung zum Rosengarten, den die Stadt im Jahr 1913 ihren eigenen Einwohnern zum Geschenk gemacht hatte, da der zeitgleich eröffnete Regentenbau nur den Gästen vorbehalten blieb. Weiter geht es bei der Nordführung entlang der Saale-Au zunächst zur Unteren Saline, in der noch bis 1968 Salz aus dem Saale-Wasser gewonnen wurde, bis zur Oberen Saline, der 1767 fertiggestellten fürstbischöflichen Baderesidenz, die mehr als hundert Jahre später dem deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck als Logierhaus während seiner Kuraufenthalte diente und seit über 20 Jahren als Museum Obere Saline die Kurgeschichte Bad Kissingens museal aufzeigt.

"Unsere neuen Welterbe-Führungen sollen allen Einwohnern und Gästen die Bedeutung Bad Kissingens über das bisher Bekannte hinaus vermitteln", begründet Anna-Maria Boll vom Welterbe-Team das neue Angebot der Stadt und wiederholt: "Den Welterbe-Titel verdanken wir nicht nur unserem Kurgarten und den historischen Sälen. Der Unesco-Titel beziehe sich auf die ganze Stadt." Die neuen Führungen sind für fachliche Laien ebenso gedacht wie für Studiengruppen, also "für alle, die sich für Unesco-Welterbe-Stätten und die über 500-jährige Kurgeschichte Bad Kissingens interessieren".

Mit den Erkenntnissen aus diesem Probelauf der Nordtour wollen die Cultheca-Berater ein "tragfähiges Konzept" für das künftige Führungsangebot der Stadt entwickeln. Die ergänzende Tour nach Süden bis zum Schlachthof ist noch in Arbeit. Deren Probelauf ist für Sonntag, 19. September, um 14 Uhr geplant.