Im Untergeschoss der Bad Kissinger Notunterkunft rasen zwei Jungs, vielleicht zehn und zwölf Jahre alt, mit ihren Inlineskates vorbei am Gebetsraum - zwei Pressspanwände mit Vorhang - nur um zwischen Waschmaschine und Trockner umzudrehen und wieder von vorn anzufangen.
Im ersten Obergeschoss hängen, neben Deutschvokabeln und Listen mit Deklinationen, "Inlineskates-verboten"-Schilder an den Wänden.
Vorbei an Biertischen für die Essensausgabe und dem Aufenthaltsraum mit Fernseher geht es zu den Schlafplätzen. Neun Abteile, getrennt durch Pressspanwände über denen Klamotten hängen, Leinentücher als Vorhang, vier Stockbetten auf neun Quadratmetern. Im zweiten Obergeschoss wieder Stockbetten hinter Pressspanwänden und in einem langen Gang acht Zimmer. Büros der ehemaligen Wäschefabrik. Jetzt reserviert für Flüchtlinge mit Kindern. Es riecht nach Popcorn.


"Himmel" in roten Buchstaben

Neben jeder Zimmertür hängt ein Zettel; über dem mit der Aufschrift Raum 3, 2. OG, Betten-Nr. 91-97, steht in krakeligen, roten Druckbuchstaben das Wort Himmel.
Gut eineinhalb Kilometer südlich, Richtung Stadtmitte, sitzt Klaus Plescher an einem Freitagmittag in seinem Büro im Zimmer 320 des Landratsamtes, im Regal stehen Bücher mit den Titeln "Öffentliche Sicherheit" in Bayern, Band eins und zwei, daneben eine Ausgabe "Aktuelles Waffenrecht". Klaus Plescher wartet auf einen Rückruf. Der Kämmerer will den Haushalt planen, Plescher fehlt noch eine Zahl, damit die Kostenaufstellung für die Notunterkunft komplett ist. Bis auf die Personalkosten bekommt der Landkreis seine Ausgaben vom Freistaat zurück. Angefangen bei der Verpflegung der Flüchtlinge - das übernimmt ein Caterer - über das Taschengeld - 140 Euro pro Monat - bis hin zu den Hygieneartikeln, Handtüchern, Matratzen und Betten.
Am 1. Januar, der Tag nach den Vorfällen in Köln, hat Plescher in der Notunterkunft angerufen. Nichts. Fünf Jugendliche hatten sich das Feuerwerk der Nachbarn angesehen, der Rest hatte geschlafen. Der Katastrophenschutz fällt in sein Sachgebiet und damit der Aufbau der Notunterkunft. Die Leitung, die ist dann irgendwie auch an ihm hängen geblieben.


Mittwochs kommt die Polizei

Das Telefon klingelt. Nicht der erwartete Anruf, nur die Pressestelle: eine Anfrage zur Notunterkunft. Vor Weihnachten hat Plescher zwei Wochen Überstunden abgebaut.
Immer mittwochs kommt die Polizei zur Unterkunft - Dienstbesprechung mit Plescher, Gesundheitsamt, Sozialamt, Dolmetscher und Wachdienst. Die Themen: Vorbereitungen für einen neuen Bus mit Flüchtlingen aus Schweinfurt, aktuelle Probleme, Verbesserungsvorschläge. Einen Einsatz hatte die Polizei in der Röntgenstraße noch nie. Lediglich zwei Demonstrationen der Flüchtlinge gab es, später hatte sich herausgestellt, dass ein "bekannter Unruhestifter" den Aufstand angezettelt hatte - sozusagen als Protest, weil ihm zuvor das Taschengeld gekürzt worden war. Plescher zuckt nur mit den Schultern als er die Geschichte erzählt: Würde man 300 Unterfranken zusammenstecken, würde sicher auch der ein oder andere Unruhestifter dabei sein. Über Beschwerden, am Pavillon unterhalb des Friedhofs in der Kapellenstraße würden sich Flüchtlinge zusammenrotten und Trinkgelage veranstalten, kann Plescher auch nur lächeln. "Dort ist der W-Lan Hotspot der Stadt."
Ja es gibt auch Flüchtlinge, die freiwillig wieder zurückgehen, meistens die, die mit falschen Erwartungen herkommen, denen gesagt wurde, in Deutschland bekomme jeder sofort ein Haus und einen Arbeitsplatz. Bei Ankunft Wohlstand, sozusagen. Die meisten sind dann überrascht, dass es auch Deutsche gibt, die keine Wohnung haben.


Lösungen durch Routine

Die größten Befürchtungen, die Plescher zu Beginn hatte, hatten sich prompt bewahrheitet: Die Toilettenbenutzung und Verständigungsprobleme. Beides hat inzwischen die Routine gelöst. Flüchtlinge, die schon länger da sind, erklären den Neuankömmlingen die grundlegenden Regeln, ein Dolmetscher ist jetzt immer vor Ort. Und mittlerweile, sagt Plescher, halten sich auch alle daran, den Abfall nicht überall auf die Straße zu werfen.
Ortswechsel. Die neueste Errungenschaft des Wachdienstes an der Notunterkunft ist eine Popcorn-Maschine. Thomas Specht und seine Kollegen haben sie selbst besorgt, ebenso wie den Griesbrei, den sie ab und an kochen, oder manches Unterrichtsmaterial für die Deutschstunden. "Wenn die Kinder beschäftigt sind, machen sie keinen Unsinn", sagt Specht, aber mit einem Gesichtsausdruck, der erahnen lässt, dass er manchen Unsinn vielleicht ganz gerne mitmacht.


Bilder von Bold und Blankenburg

Am Boden im Security-Büro reihen sich ein Dutzend XXL-Waschmittelflaschen, auf dem Regalbrett darüber stehen Wasserkocher und Babybrei-Pulver. An der Wand hängen die Fotos von Landrat Bold und Oberbürgermeister Blankenburg. Vor der Tür reihen sich derweil die Kinder auf, jedes mit einer kleinen weißen Plastikschüssel in der Hand. Geordnete Popcorn-Ausgabe, geschubst wird nicht.
Das größte Problem aus Sicht des Wachdienstes ist das Rauchen - erlaubt nur draußen - ausgeführt meist drinnen. Tagsüber macht die Security alle zwei Stunden einen Kontrollgang, nachts jede Stunde. Sie sind zu viert. Zwei sprechen arabisch. Seit kurzem haben sie auch einen Praktikanten: George Khokaz, Syrer, ein Jahr war er unterwegs, als er in Bad Kissingen ankam, hatte er nichts bei sich außer dem T-Shirt, der kurzen Hose und den Badeschlappen an den Füßen. Flüchtlings-Alltag in Bad Kissingen.