Der Wald ist Lebensraum, Trinkwasserspeicher und Sauerstoffproduzent. Er ist, wirtschaftlich gesehen, Arbeitsplatz und Holzlieferant, gesellschaftlich ein Raum zur Erholung und Freizeitgestaltung. Doch der Wald leidet. Sein Zustand hat sich durch den Klimawandel laut aktuellem Waldbericht der Bayerischen Forstverwaltung im Vergleich zum Vorjahr abermals verschlechtert. Mehr als 40 Prozent aller Bäume in bayerischen Wäldern weisen inzwischen deutliche Schäden auf. Die Zahl hat sich in den vergangenen sechs Jahren verdoppelt. Unterfranken ist besonders stark betroffen.

Mit einem umfangreichen Programm sollen in den nächsten Jahren in ganz Bayern die Wälder "umgebaut" werden: Aus empfindlichen Nadelwäldern sollen widerstandsfähige Mischwälder werden. Millionen neuer Bäumchen werden dafür gepflanzt, doch gerade deren Knospen und Triebe schmecken dem heimischen Schalenwild besonders gut.

Viel Verbiss durch Rehe

"Wald vor Wild" heißt es deshalb im bayerischen Waldgesetz. "Angepasste Schalenwildbestände" seien notwendig, damit sich "standortgemäße Mischwälder" entwickeln können. Angepasst meint: so viel Wild zu schießen, dass weniger Triebe verbissen werden und sich der Wald verjüngen kann. Schließlich kostet das auch Geld.

Hubert Feuchter, der unterfränkische Bezirksvorsitzende im Bund Deutscher Forstleute, sagt: "Das wird richtig teuer, denn die neuen Bäume müssen bezahlt werden, und wir brauchen Leute vor Ort, die sie dann auf die Fläche bringen können." Rund ein Drittel der bayerischen Wälder gehört dem Freistaat. Die Bayerischen Staatsforsten kosten die Folgen des Klimawandels nach eigenen Angaben derzeit jährlich rund 80 Millionen Euro. Ein so hoher Aufwand soll sich lohnen. Für Feuchter und seinen Berufsverband ist ein zukunftsstabiler, klimatoleranter Wald das oberste Ziel. Alle drei Jahre gibt die Bayerische Forstverwaltung deshalb ein Gutachten heraus, zuletzt 2018. Es fasst den Zustand des Waldes sowie den durch Schalenwild verursachten Schaden zusammen und gibt Empfehlungen, ob weniger oder mehr Wild geschossen werden soll.

Weil in Unterfranken teilweise ein hoher Verbiss festgestellt wurde, sollen hier mehr als zwei Drittel aller Hegegemeinschaften mehr Wild schießen. Das Gutachten zeige eindeutig, dass in der Region "ein großer Nachholbedarf" bestehe, sagt Feuchter.

"Sollen wir unsere Wälder leer schießen?", fragt dagegen Michael Hein, der Vorsitzende der Würzburger Kreisgruppe im Bayerischen Jagdverband. Laut dem Gutachten müssten in seinem Kreis viel mehr Rehe erlegt werden.

Hein, der selbst Jagdpächter in Veitshöchheim ist, sagt, dass nicht jeder Wald mit den gleichen Kriterien betrachtet werden dürfe. In seinem Revier hätten in den vergangenen drei Jahren für die Verjüngungsinventur stets neue Stellen gesucht werden müssen, um den Verbiss stichprobenartig feststellen zu können. Die Leittriebe des Vorjahres seien trotz der Rehe so stark gewachsen, dass sie nicht mehr zum Vermessen taugten.

Feuchter verteidigt dieses Vorgehen. Der gesetzliche Auftrag sei, dass sich die heimischen Baumarten ohne Schutzmaßnahmen verjüngen können. Jedes Revier werde für sich betrachtet - mit seinen Eigenheiten, wie nah es zum Beispiel an einer Stadt liege oder wie Wald und Felder verteilt seien.

Hein sagt: "Wenn man der Forstpartie glauben will, fressen die Rehe den Wald auf." Die Tiere seien aber nicht das Problem, sondern "waldbauliche Fehler" der Vergangenheit. Die entstandenen Reinkulturen seien anfälliger für Krankheiten und Schädlinge. "Wenn wir von Nachhaltigkeit sprechen, dürfen wir es nicht nur wirtschaftlich sehen, sondern müssen auch ökologisch nachhaltig denken: Was lässt die Natur zu? Und zur Natur gehören auch Rehe."

Feuchter weiß, nicht das Reh ist schuld daran, dass es dem Wald schlecht geht: "Aber das hilft nicht. Wir müssen schauen, dass wir die Bäume hoch bringen. Dazu müssen wir schädliche Einflüsse von ihnen fernhalten." Viele Jäger würden die Jagd als Hobby betreiben, doch sie seien eine gesetzliche und gesellschaftliche Verpflichtung eingegangen. Für mehr Abschüsse müssten sie ihre Jagdmethoden ändern: "Mit dem vereinzelten Ansitzen am Abend wird es uns nicht gelingen, die Wildbestände anzupassen."

Jeder Wald müsse ein "waldbauliches Ziel" haben, sagt indes Jäger Michael Hein. Ist er noch Einnahmequelle oder eher Erholungsraum? "Soll ein Wald zur Erholung dienen, brauchen wir dort das Gutachten nicht mehr, denn auch ein krummer Baum spendet Schatten und produziert Sauerstoff."

Jäger und Förster müssen reden

Werde ein Leittrieb abgebissen, sterbe der Baum nicht ab, sagt der Kreisgruppenvorsitzende. Ein anderer Trieb übernehme das Wachstum, der Baum entwickle sich dann eben nicht mehr schnurgerade in die Höhe. Aber das sei aus wirtschaftlichen Gründen nicht gewollt, vermutet Hein. Er fordert: "Wald mit Wild!"

Waldstücke nach unterschiedlichen Zielen aufzuteilen, sei nicht sinnvoll, findet dagegen Forstmann Hubert Feuchter, der bei den Bayerischen Staatsforsten das Forstrevier Arnstein leitet. Er sagt: "Ein gut bewirtschafteter Wald kann, unterschiedlich gewichtet, alle Funktionen erfüllen." Auch die Bürger würden wohl kein Verständnis dafür haben, wenn Wälder unterschiedlich behandelt würden. Für sie sei immer der Wald vor der eigenen Haustür der wichtigste Wald.

Auch Feuchter sagt: "Wir wollen keinen Wald ohne Wild." Aber derzeit habe der Wald Vorrang. Ist er gesund, sei das für alle von Vorteil.

Jägerschaft und Forstpartie dürften nicht gegeneinander arbeiten. Sie müssten miteinander reden - und gemeinsame Ziele finden. Jürgen Sterzbach