Am 9. November 2020 wurde der fraktionsübergreifende Antrag, Willy Sachs die Ehrenbürgerwürde zu entziehen und das von ihm 1936 gestiftete Stadion an der Niederwerrner Straße zukünftig "Sachs-Stadion" zu nennen, eingereicht. Am 29. Juni traf der Schweinfurter Stadtrat nun eine historische Entscheidung: Der Antrag wurde angenommen.

Seit vielen Jahren gibt es die Forderung, das Handeln des 1958 gestorbenen Großindustriellen Willy Sachs, Sohn des Firmengründers Ernst Sachs, während des Nationalsozialismus genauer zu betrachten und in der Konsequenz, ihn aus der Liste der Ehrenbürger zu streichen. Während die Diskussion über das Thema vor allem im Winter von Polarisierung bestimmt war, fand nun eine sehr fundierte, sachliche, auch von Gegensätzen geprägte Diskussion im Stadtrat statt.

Knappe Entscheidung

Die Entscheidung war relativ knapp und kam auch zustande, weil einzelne Mitglieder der CSU-Fraktion mit den Befürwortern des von Julia Stürmer-Hawlitschek (SPD) und Adi Schön (Freie Wähler) gestellten Antrags stimmten. Mit 22:20 Stimmen wurde nach knapp eineinhalbstündiger Diskussion entschieden, Willy Sachs von der laut OB auf der Webseite der Stadt zu findenden Liste der bisher 32 Ehrenbürger seit 1822 zu streichen. Die Ehrenbürgerwürde posthum abzuerkennen, ist grundsätzlich gar nicht möglich, da sie mit dem Tod der jeweiligen Person ohnehin erlischt.

25:17 lautete das Ergebnis der Abstimmung darüber, das Willy-Sachs-Stadion zukünftig nur noch "Sachs-Stadion" zu nennen, um damit der Leistung der Unternehmerfamilie Sachs für die Stadt Schweinfurt gerecht zu werden. Darüber hinaus soll eine Informationstafel am Stadion aufgestellt werden, die über das Leben von Willy Sachs informiert, auf seine unbestrittenen Verdienste für die Stadt, aber auch seine umstrittene Rolle während des Nationalsozialismus hinweist. Wie der Name Willy, in goldfarbenen Lettern an der Wand links am Haupteingang des Stadions abgebildet, nun entfernt wird, ist momentan offen. Lösungen dafür sollen Kunsthistoriker entwickeln.

Einer der Auslöser für die neue Diskussion war auch das vom an der Universität Bamberg lehrenden Historiker Professor Dr. Andreas Dornheim herausgegebene Buch "Sachs - Mobilität und Motorisierung", das 2015 erschien. Dornheim hatte Zugang zu den Sachs-Archiven und beleuchtet in einem Kapitel auch das Leben von Willy Sachs und gezielt dessen Rolle während des Nationalsozialismus, aber auch sein Frauenbild, sein Handeln in der Firma, seine Spenden an die NSDAP, seine Rolle in der SS und vieles mehr.

Julia Stürmer-Hawlitschek hatte Dornheim auch aktuell gebeten, noch einmal eine Einschätzung zu geben, die den Stadträten im Vorfeld der Sitzung gegeben wurde und die eindeutig ausfällt: "Willy Sachs ist weder hinsichtlich seiner persönlichen Entwicklung noch seiner politischen Einstellung ein Vorbild." Für Stürmer-Hawlitschek ging es vor allem darum, "Haltung zu zeigen, nicht Geschichte auszulöschen, sondern einen verantwortungsvollen Umgang und Beitrag zu unserer Schweinfurter Erinnerungskultur zu leisten."

Oberbürgermeister Sebastian Remelé (CSU) hatte schon im Winter ein ausführliches Gutachten bei Stadtarchivar Dr. Uwe Müller in Auftrag gegeben, der die historischen Fakten zusammenfasste und auch die Diskussion seit Anfang der 1980er-Jahre bis heute zum Thema skizzierte.

In seiner Stellungnahme ging Müller unter anderem auf die Frage ein, warum Willy Sachs die Ehrenbürgerwürde an seinem 40. Geburtstag, am 23. Juli 1936, verliehen wurde - nämlich für die Stiftung des dann nach ihm benannten Stadions. Er ging auch darauf ein, warum der Schweinfurter Stadtrat 1946 entschied, Sachs die Ehrenbürgerwürde nicht zu entziehen, als man direkt nach dem Krieg Adolf Hitler wieder von der Ehrenbürgerliste strich.

Müller betonte, aus seiner Sicht sei eine "von moralischem Rigorismus und Emotionen geprägte Debatte um die Begriffe 'überzeugter Nationalsozialist' oder 'Mitläufer' vor dem Hintergrund des aktuellen Kenntnisstandes nicht zielführend". Sachs' Weltbild sei von "großer politischer und menschlicher Naivität" geprägt gewesen. Der Stadtarchivar erklärte: "Eine angemessene Würdigung der Person Willy Sachs kann nur auf dem Hintergrund der Zeitumstände erfolgen und nicht ex post nach heutigen politischen und moralischen Kriterien."

Die Verwaltung hatte als Konsequenz aus Müllers Gutachten vorgeschlagen, sowohl die Ehrenbürgerliste als auch den Stadionnamen zu belassen, dafür aber eine ausführliche Informationstafel am Stadion aufzustellen. Oberbürgermeister Sebastian Remelé erklärte, natürlich tauge Willy Sachs nicht als Vorbild, er sei Opportunist und Nutznießer des Nationalsozialismus gewesen. Er sei aber auch ein Wohltäter für die Stadt gewesen.

Aus Sicht des OB, unterstützt vom CSU-Fraktionsvorsitzenden Stefan Funk sowie den CSU-Räten Bernd Weiß und Stefanie Stockinger-von Lackum, unterdrückt gerade die Umbenennung des Stadions die Auseinandersetzung mit der Person und der Geschichte. "Geschichte lässt sich nicht korrigierend löschen, sondern man muss Lehren daraus ziehen. Man sollte sich an der Person Willy Sachs mit ihren Schwächen und Stärken reiben", so Remelé. Aus seiner Sicht werde durch die Namensstreichung aus der Ehrenbürgerliste "ein sachlicher Diskurs im Keim erstickt." Auch AfD-Stadtrat Sebastian Madeiski schloss sich dem Verwaltungs-Vorschlag an.

CSU-Fraktionschef Stefan Funk sprach von einer Gratwanderung: Man müsse natürlich das "verwerfliche Handeln und die zweifelhaften Taten von Willy Sachs" verurteilen, müsse aber auch die Stiftung des Stadions und die anderen Wohltaten für die Stadt entsprechend würdigen.

Der Ansicht des OB schloss sich die Mehrheit des Gremiums nicht an. In vielen Beiträgen wurde noch einmal sachlich auf die historischen Fakten Bezug genommen, um darzulegen, warum Willy Sachs kein Ehrenbürger sein sollte. Reginhard von Hirschhausen (Bündnis 90/Die Grünen) brachte es so auf den Punkt: "Wir sollten Erinnerungskultur leben, aber nicht die Täter ehren." Peter Hofmann (SPD) verwies unter anderem auf die im Dornheim-Buch klar herausgearbeiteten Details zu Sachs' Frauenbild und die gescheiterte Entführung seiner beiden Kinder aus der Schweiz mit Hilfe der SS in den 1930er-Jahren: "Ist so jemand es wert, in der Ehrenbürgerliste aufgeführt zu werden?". Ulrike Schneider (Zukunft./ödp) betonte, Willy Sachs als Mitläufer einzustufen und sein Handeln so zu entschuldigen, sei nicht angebracht: "Jedes Regime krankt so sehr an den Mitläufern wie an seiner verdorbenen Spitze." Unterstützt wurde sie dabei von Adi Schön (Freie Wähler).

Oliver Schikora