Forstarbeiter fragen sich: Wurde der Horst durch einen Sturm oder durch Waldarbeiter zu Fall gebracht?
"Das Ganze ist eine echte Malaise", sagt Michael Geier, Verwaltungschef des bayerischen Teils des Biosphärenreservats, zu dem Vorfall im Stralsbacher Wald. Der Milan ist eine schützenwerte Vogelart in der Rhön. Dafür hat man eigens das länderübergreifende Rotmilan-Projekt aufgelegt. Es soll den Vogel, der wie kein zweiter für die Kulturlandschaft steht, in seinem bevorzugten Lebensraum schützen. Ehrenamtliche Helfer des Biosphärenreservats kartieren dazu die Horste.
Nest am Boden gefunden
Als eine dieser Helferinnen am Gründonnerstag im Stralsbacher Wald einen Standort überprüfen wollte, an dem drei Horste relativ nahe zueinander lagen, fand sie ein Nest am Boden. Und zwar eines, das im vergangenen Jahr noch bebrütet war. Dazu sah sie auch noch Forstarbeiter, die in der Nähe Holz rückten. Und das in der Schutzzeit. Michael Geier ging der Sache auf den Grund. Die zentrale Frage dabei: Wurde der Horst durch einen Sturm oder durch Waldarbeiter zu Fall gebracht?
"Einen Vorsatz kann ich nicht erkennen", wertet er bei einem Pressetermin vor Ort. "Wir Förster wissen zwar, dass der Rotmilan vom 1. Februar bis 31. Juli Schutzzeit hat. Nur: Unser Zeitfenster, den Haupthieb oder den Windbruch aus dem Wald zu bringen, wird immer enger", gibt Bernhard Zürner, als Abteilungsleiter im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten für den Landkreis Bad Kissingen zuständig, zu bedenken.
Zumal die Arbeiten im Wald durch Sturm Frederike am 18. Januar nicht einfacher geworden seien, fügt Revierleiter Joachim Dahmer an. Er hatte nach dem Sturm an jenem Lärchenbaum, der den Horst in seinem Wipfel beherbergte, Plastikfolie gefunden. Dies weist in der Regel auf ein Milan-Nest hin. "Ich hätte das sofort melden müssen. Das war ein Fehler", sagte Dahmer. Er habe nun beobachtet, dass ein Rotmilan über dem Gebiet fliegt und sucht. "Diese Vögel gelten als nicht unbedingt horsttreu. Vielleicht nimmt er einen der beiden anderen Horste an", hofft Geier. Der Reservatschef hat heuer seinen ersten Rotmilan nach der Winterzeit schon in der ersten Märzwoche gesehen.
Holz bleibt liegen
Revierleiter Dahmer hat jüngst beobachtet, dass sich ein Vogel weiter Richtung Waldrand orientiert hat und dort eventuell einen neuen Horst baut. "Wir werden das genau beobachten", sagt Michael Geier. In den beiden bayerischen Rhön-Landkreises gebe es an die 50 Brutnester in Bäumen. "Die sind alle kartiert. Wenn Bruterfolge da sind, kriegen wir das mit!"
Der Milan legt im April seine Eier, im Juli werden die Jungen flügge. "Solange werden wir das Holz am betreffenden Standort eingeschlagen liegen lassen", bestätigt Bernhard Zürner. Das gehe natürlich zu finanziellen Lasten der Gemeinde Burkardroth.
Bürgermeister Waldemar Bug geht auch davon aus, dass der Rotmilan-Horst vom Sturm erwischt worden sei. "Der Baum steht ja noch!", sagt er. Ob seine Gemeinde eine Anzeige wegen einer Ordnungswidrigkeit bekommt, wisse man nicht. Michael Geier sei mit Daniel Scheffler vom Vogelschutzbund über die Angelegenheit im Gespräch. Der sei natürlich "ganz schön angefressen gewesen", so Geier, "weil gerade dieser Horst eine erfolgreiche Brut hervorgebracht hatte."
Dem Biosphärenreservatschef gehe es hauptsächlich darum, alle - Forstarbeiter, Gemeinde und Waldnutzer - zu sensibilisieren, dass sich solche Fälle nicht wiederholen. "Wir halten unsere Mitarbeiter im Wald immer an, nicht nur nach unten, sondern auch nach oben zu gucken", sagte dazu Burkardroths Bürgermeister Waldemar Bug. Und bestenfalls sieht man dann einen neuen Horst, den sich der Rotmilan im Stralsbacher Forst gebaut hat.
Michael Nöth