Else Siegel kam am 3. Februar 1921 als Else Albert in Reiterswiesen zur Welt. Sie verbrachte fast ihr ganzes Leben in Bad Kissingen. Da gibt es viel zu erzählen.

Sie haben Ihr ganzes Leben in Bad Kissingen verbracht. Wie hat die Stadt sich in diesen 100 Jahren verändert?

Else Siegel: Sehr hat sie sich verändert.

Zum Vorteil oder zum Nachteil?

Das ist schwer zu sagen. Für meine Begriffe ist das nicht mehr das alte Bad Kissingen, das ich hauptsächlich erlebt hab'. Die Stadt hat ihre Eleganz verloren. Auf der einen Seite war Kissingen gemütlich, und auf der anderen Seite war es eine sehr elegante Kurstadt mit tollen Angeboten im kulturellen Bereich.

Was gefiel Ihnen früher an der Stadt am besten?

Kissingen war eine sehr gepflegte Stadt mit sehr gepflegten Kuranlagen. Es hat Harmonie ausgestrahlt. Kissingen war ein Kurbad nicht für die ältesten, aber für ältere Jahrgänge - und die haben das Leben geprägt.

Sie sind derselbe Jahrgang wie Jack Steinberger, der wie Sie im jüdischen Gemeindehaus aufgewachsen ist. Erinnern Sie sich noch an ihn als Kind? Wie war er da?

Er war als junger Bub sehr sportlich und auch danach noch sehr an Sport interessiert.

In einem Interview hat Jack Steinberger sich mal ans Fußballspielen auf der Wiese hinter dem jüdischen Gemeindehaus erinnert. Was prägt denn Ihre Kindheitserinnerungen?

Hinter dem Gemeindehaus war ein großer Garten. Dort haben wir Kinder aus dem Gemeindehaus Fußball gespielt. Mich haben sie immer ins Tor gestellt. Der Leichenwagen der jüdischen Gemeinde stand in einer Garage, und das Tor zu der Garage war unser Fußballtor. Und eigentlich war dieses Tor viel zu groß für mich.

Eine frühe Kindheitserinnerung ist, dass Sie bei der Einweihung der Klieglschule ein feierliches Gedicht vorgetragen haben.

Ich kann mich noch erinnern, dass drei Mädchen ausgesucht wurden. Wir haben einen Prolog aufgesagt, den eine Oberlehrerin verfasst hatte. Der Herr Kliegl war ja schon gestorben. Aber als seine Frau nach Bad Kissingen kam, wurden wir Drei eingeladen, zu ihr zu kommen. Da mussten wir das Gedicht noch einmal vortragen und bekamen als Geschenk jede ein Kleidchen.

Sie haben viele Ereignisse in der Geschichte Bad Kissingens unmittelbar miterlebt. Was davon ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Mit dem Jahr 1933 hat sich viel verändert, auch für mich. Ich wurde von da an von manchen Mitschülern geschnitten.

Ihre Familie war selbst nicht jüdisch, weil Ihr Vater Hugo Albert aber Hausmeister der Synagoge war und Sie im jüdischen Gemeindehaus lebten, waren Sie trotzdem Anfeindungen ausgesetzt.

Ja, es gab Anfeindungen. Zum Beispiel bin ich gleich nach der Machtergreifung auf der Straße einer Freundin begegnet, mit der ich sehr eng gewesen war. Die lief einfach an mir vorbei und hat mich ignoriert. Ich wurde auch von anderen nicht mehr eingeladen.

Ihr Vater war wegen der Arbeit in der Synagoge und wegen des freundschaftlichen Kontakts zu den jüdischen Familien im Gemeindehaus einmal sogar in Schutzhaft.

Das war 1933, ich glaube, das dauerte sechs Wochen. Für mich war das seelisch sehr schlimm.

Wie sind Ihnen diese Menschen nach dem Ende des Nationalsozialismus begegnet?

Da sind sie auf mich zugekommen und haben mich sehr freundlich behandelt. Als wenn nichts gewesen wäre. Aber von denen ist kein Mensch mehr da. Die sind alle schon gestorben.

In einem Kapitel eines neuen Buches, das Hans-Jürgen Beck zurzeit vorbereitet, habe ich gelesen, wie Sie dazu beigetragen haben, dass Jack Steinberger nach seinem Nobel-Preis wieder Vertrauen zu seiner Geburtsstadt fassen konnte.

Oberbürgermeister Georg Straus hat ja als Kissinger die Zusammenhänge gekannt und mir gesagt, er möchte mich mit einem Chauffeur zum Flughafen nach Frankfurt schicken, um den Herrn Steinberger zu holen. Das habe ich angenommen. Als der Hans (Jack Steinberger hieß ja eigentlich Hans Jakob, Anmerkung der Redaktion) durch die Drehtür kam, habe ich ihn sofort erkannt. Er hat sich sehr gefreut. Er hat gesagt: 'Du bist meine älteste Freundin'. Er hatte damals seine Tochter dabei, die Julia. Die habe ich während des Aufenthalts etwas betreut.

Danach sind Sie sich noch oft begegnet. Sie gehörten zu dem Kissinger Freundeskreis, den Jack Steinberger bei seinen Besuchen immer wieder getroffen hat.

Ich bin zu allen Veranstaltungen, die die Stadt für Jack Steinberger gemacht hat, eingeladen worden und bei vielen Treffen dabei gewesen.

Ihr Sohn Steffen hat mir erzählt, dass Sie sich sehr für Politik und Weltgeschehen interessieren. Ihre Tochter Gisela und weitere Verwandte leben ja in den USA. Haben Sie verfolgt, wie sich das Land in den letzten Jahren entwickelt hat?

Ja, meine Brüder, die in den 50er-Jahren in die USA ausgewandert sind, sind zwar schon gestorben, aber für Amerika interessiere ich mich nach wie vor. Ich war ja auch oft dort. Ich finde, Amerika hat sich sehr zu seinem Nachteil verändert. Der Trump ist ja ein unmöglicher Mensch. Mit ihm war Amerika kein Vorbild mehr. Vorher war Amerika ein Leitbild in der Welt. Aber der Mann hat alles verspielt.

Wir sitzen uns bei diesem Interview bei Ihnen daheim mit Masken gegenüber. Ich glaube, ich habe mir vorher wegen Ihnen und Corona mehr Gedanken gemacht als Sie. Haben Sie keine Sorge, Sie könnten sich anstecken?

Nein. Und wenn ich mich anstecken würde? Ich habe so ein hohes Alter erreicht. Was kann ich da noch erwarten?

Ach, Frau Siegel, wer nicht viel erwartet, dem schenkt das Leben umso mehr. Alles Gute zum Geburtstag.

Das Gespräch führte Siegfried Farkas.

Else Siegel, geborene Albert, kam am 3. Februar 1921 als Tochter der Restaurantservicekraft Elsa Albert und des Schneidermeisters Hugo Albert, der später auch für die jüdische Gemeinde als Hausmeister arbeitete, zur Welt. Sie hatte zwei Brüder, Rudolf und Richard, die beide in die USA auswanderten.

Sie erlernte den Beruf der Arzthelferin, arbeitete auch als Buchhalterin, im zivilen Sanitätsdienst der Wehrmacht sowie nach dem Krieg eine Zeit lang in den Sanitätseinrichtungen der US-Armee.

Mit ihrem ersten Mann Heinz Kneermann, einem Luftwaffen-Unteroffizier aus Essen, bekam sie die Tochter Gisela Johnson. Diese kam am 22. März 1944 zur Welt, kurz nachdem Heinz Kneermann gefallen war. Mit ihrem zweiten Mann Werner Siegel bekam Else Siegel 1958 den Sohn Steffen. Er lebt und arbeitet in Würzburg.

Ihr Mann, der gelernter Schaufensterdekorateur war, zeitweise als Selbstständiger eine Malerwerkstatt betrieb, Leuchtreklamen herstellte und Handelsvertretungen für Wein, Sekt, Spirituosen und Tee hatte, starb 2004.

In den letzten Jahren seines Lebens hatte Else Siegel ihn ohne Unterstützung von außen gepflegt.

Zu den Leidenschaften von Else Siegel gehörte das Wandern. Nach dem Tode ihres zweiten Mannes, unternahm sie auch gerne Reisen mit Kissinger Vereinen. Sehr genossen hat sie auch die Besuche bei ihrer Tochter in den USA.

Wie Steffen Siegel berichtet, bauten seine Eltern 1955 ein kleines Häuschen auf dem bis dahin unbebauten Wendelinus. In diesem Haus lebt Else Siegel heute noch.

Quelle: Steffen Siegel