Bad Kissingen
Kultur

Stegreif-Orchester beim Kissinger Sommer: Alles ist anders

Mit einer Überraschung im Foyer des Max-Littmann-Saals fing es an, und mit unerwarteten Elementen ging es dann im Konzert weiter. Und plötzlich waren das Publikum und die fabelhaften Musiker fast wie eine Einheit.
Keine Stühle, stattdessen sitzen die Zuhörer auf dem Boden des Max-Littmann-Saals. Das Stegreif-Orchester ist jetzt beim Kissinger Sommer aufgetreten. Foto: Gerhild Ahnert
Keine Stühle, stattdessen sitzen die Zuhörer auf dem Boden des Max-Littmann-Saals. Das Stegreif-Orchester ist jetzt beim Kissinger Sommer aufgetreten. Foto: Gerhild Ahnert
+4 Bilder
} } } }

Es war zweifellos das merkwürdigste - in doppelter Hinsicht - und innovativste Konzert des diesjährigen Kissinger Sommers - auch wenn wir da sicher nicht die Standard-Konzertform des 22. Jahrhunderts erlebt haben. Aber irgendwie, das wusste man, war alles anders.

Allein schon, dass ein "Stegreif-Orchester" angekündigt war, versprach nichts Gutes, sondern schrille Dissonanzen. Dann wusste man, dass es im Parkett des Max-Littmann-Saales keinen einzigen Stuhl geben würde, dass man da rumlaufen oder sich auf den Boden setzen sollte. Nur auf dem Balkon - also in sicherem Abstand - konnte man sich hinsetzen.

Zwischen Gustav Mahler und Hildegard von Bingen

Ja, und dann die Musik! Einerseits die 1. Sinfonie von Gustav Mahler, dem Komponisten am Übergang von der Romantik zur Moderne, und dann - ein Riesensprung zurück - die "Ordo Virtutum" der Hildegard von Bingen, der Mystikerin aus der geistig-theologischen Elite des 12. Jahrhunderts. Was sollte das werden? Zumal die Titel auch unverständlich waren: "#freemahler - what the earth tells us" oder bei Hildegard: "#bechange: Feeling". Was hatte das alles miteinander zu tun? Was sollte man da erwarten? Da brauchte man Mut und Neugier.

Erfreulicherweise gibt es diese Leute, die sich diesem Experiment stellen wollten - der Hildegard-Teil war übrigens eine Uraufführung. Auch das noch! Aber diese Mutigen konnten schnell feststellen, dass in dem Fall der Name "Stegreif-Orchester" der falscheste war, den sich das 21-köpfige Ensemble (+ Entourage) geben konnte. Da war weit und breit kein Stegreif. Wer so Musik mach will, hat vorher jeden einzelnen Ton genau kalkuliert und einstudiert. Und das ist auch enorm wichtig, denn wegen der speziellen Choreografie und Spielsituation gibt es jede Menge Ablenkung. Aber auch kein einziges Notenpult.

Bruder-Jakob-Thema gibt Sicherheit

Schon der Beginn war überraschend. Wer kam, stand im Foyer vor verschlossenen Türen zum Max-Littmann-Saal. Da dürfe man noch nicht hinein, hieß es, vorher gebe es eine Überraschung. Und wie sah die aus? Auf der rechten Seite des Foyers zogen plötzlich im Gänsemarsch die 21 Musiker des Orchesters auf - mit der Folge, dass sich im linken Teil die Besucher drängelten, den Schutz der Gruppe suchend. Plötzlich sind die ersten Klänge zu hören, sphärisch, wie aus weiter Ferne. Aber sie werden immer kräftiger, immer konkreter, bis plötzlich das berühmte Bruder-Jakob-Thema aus Mahlers 1. Sinfonie erklingt. Das Erkennen gibt Sicherheit, die Leute trauen sich in die Weite des Raumes, die Musiker haben dadurch Platz, sich mit ihnen zu vermischen, die strenge Trennung von Ausführenden und Zuhörenden aufzubrechen. Und das Zuhören wird zum Vergnügen. Weitere Themen aus den Wunderhornliedern oder dem "Lied von der Erde" tauchen in dieser raffinierten Collage auf. Und man könnte wirklich noch stundenlang zuhören, denn da ist Mahlers Musik mit enorm viel Fantasie modernisiert, angejazzt. Und die normalerweise unerwünschte Überakustik des Foyers erzeugt fantastische Klangeffekte und Überblendungen.

Aber Hildegard wartet im Saal. Schon der Einzug des Publikums wird eine Nummer für sich. Denn da die Kesselpauke im Foyer bleibt - schließlich hat sie nur Standfüße - und einfache Schläge von sich gibt, verfallen alle in einen langsamen Gleichschritt. Das rhythmische Knistern des Parketts macht schmunzeln. Der Saal selbst ist tatsächlich fast leer, dämmrig-grün beleuchtet, in der Mitte ein zweistufiger Sockel mit einer überdimensionalen Schale voll Wasser und einem Unterwasermikrophon - vielleicht so eine Art Ursuppe, aus der - auch vielleicht - Blätter mit den Botschaften Hildegards gefischt werden. Dazu ein knallroter Stoffstreifen längs durch den Saal bis auf das Podium, an dessen Ende zwei junge Frauen stehen - vielleicht, denn man konnte über alles spekulieren, als Allegorie der Liebe. Ansonsten vier Stehleitern im Saal und ein flaches Podest für das Drumset - das ist alles. Das Einzige, was man hört, ist mehrmals der Satz: "Was für eine Zukunft erwartet mich?" und ein kleines Kind, das vergeblich versucht, den Begriff "Zukunft" fehlerfrei auszusprechen.

Mit dem Inhaltsverzeichnis auf Leinwand

Aber ganz allein gelassen wird man nicht. Auf eine Leinwand wird sozusagen das Inhaltsverzeichnis der "Ordo Virtutum" projiziert: die drei Hauptkapitel des Programms: "Der Kuss des Königs", "Der Fall der Blume" und "Leben im Schatten des Lebens". Und auf diese drei Kapitel verteilen sich die Hildegard'schen Tugenden wie "Die Schamhaftigkeit", "Die Barmherzigkeit", "Der Sieg", "Die Geduld", Die Weltverachtung", "Die Gottesfurcht", "Der Gehorsam", "Die Keuschheit" oder "Die Liebe zum Himmlischen". Im zweiten Kapitel, "Der Fall der Blume", tritt natürlich der Teufel auf (wie auch bei Hildegard") und gibt sich als Scherzkeks: "Hat hier mal jemand Feuer?"

Das alles ist außerordentlich differenziert in Musik gefasst, die den Zuhörer in einen Schwebezustand zwischen Meditation und Anspannung versetzen kann. Wobei es höchst interessant ist, dass die Rekomponistin Julia Biłat und ihr Team in ihren Improvisationen nicht bei Null anfangen mussten. Denn die "Ordo virtutum" ist der einzige Liedtext des Mittelalters, zu dem sich auch zumindest ein Teil der Original-Notennotierungen erhalten haben. Und die prägen natürlich oft zumindest die Eingangsstimmung der Sätze, geben ihnen Authentizität, natürlich in moderner Besetzung. Da wird jeder raffinierte Klangeffekt genutzt, um die Tugenden hörbar zu machen. Und da einige der alten lateinischen Texte von den Musikerinnen auch gesungen werden, kann man sich fühlen wie bei Hildegard im Kloster Rupertsberg bei den Nonnen, die ja auch singen konnten, ohne dafür ausgebildet worden zu sein.

Bewegungen fast wie in Zeitlupe

Die Zuhörer, die im Parkett auf dem Boden sitzen, haben sich längst daran gewöhnt, dass sie nicht ausweichen müssen, wenn Musiker auf sie zukommen. Und die bewegen sich fast wie in Zeitlupe oder - um beim Thema und im Bild zu bleiben - wie eine aufgelöste Büßerprozession durch die freien Gassen. Nein, da ist wirklich eine geistreiche, höchst spannende Sache entstanden. Man versteht sogar ein bisschen die Titel. Und irgendwann, mittendrin, bemerkt man auch, was für fabelhafte Musiker sie umsetzen.

Der Schluss, an dem sie nacheinander im Off verschwinden, ist ein echter Gag: Den Dauerton, zu dem sie das tun, erzeugen die drei Celli, die von ihren Spielerinnen und Spielern an dem 25 Meter langen Absperrseil am Rand des Podium mit der tiefen C-Saite entlanggeführt werden, als sei es ein unendlicher Cellobogen. Wer am Ende angekommen ist, fängt auf der anderen Seite am Anfang wieder an. Ist das ein Hinweis auf Hildegards Ewigkeit?