Eigentlich war das Wetter ja nicht dazu angetan, nach Einbruch der Dunkelheit noch einmal einen Fuß vor die Tür zu setzen. Dass trotzdem so viele Menschen - oder überraschend viele Menschen, wie Ralf Wiegand, Chef des Bundespolizeiaus- und -fortbildungszentrums Oerlenbach, in seiner Begrüßung durchblicken ließ - also, dass trotzdem so viele in die St.-Burkardus-Kirche gekommen waren, hatte zwei Gründe. Zum einen war das Bundespolizeiorchester München, ein sinfonisches, groß besetztes Blasorchester zum "Vorweihnachtlichen Kirchenkonzert" nach Oerlenbach gekommen. Das ist bereits zur guten Tradition geworden, seit die musizierenden Ordnungshüter 2011 das erste Mal in der Großgemeinde auftauchten, um ein Benefizkonzert zu geben. Die Oerlenbacher wussten also, was sie musikalisch erwarten durften. Der Montag nach dem 1. Advent ist auch schon für 2018 wieder im Terminplan eingetragen.
Zum anderen war es wohl auch der Spendenzweck dieser Benefizveranstaltung. Denn der Erlös ging in diesem Jahr zum ersten Mal an die Aktion Weihnachtshilfe der Saale-Zeitung, die seit über 20 Jahren in Zusammenarbeit mit dem Kreiscaritasverband bedürftige Menschen im Landkreis Bad Kissingen unterstützt.
Das Programm, das Chefdirigent Jos Zegers zusammengestellt hatte, hatte zwar vorweihnachtliches, besinnliches Aroma, war aber vorrangig auf abwechslungsreiche Unterhaltsamkeit ausgelegt. Dass ausgerechnet das erste Lied nach der Begrüßung, komponiert von dem Amerikaner Eric Whitacre, "Sleep" hieß, war wohl Zufall. Aber es war sehr schön geeignet, die reichen sinfonischen Möglichkeiten dieses Orchesters zu demonstrieren, insbesondere die Fähigkeit, mit wechselnden Farben Klangräume erkennbar zu strukturieren, was der Doppelchörigkeit dieses Satzes natürlich sehr entgegen kam. Überraschend frisch und wirklich fröhlich, ohne jeden Anflug von weihevollem Pathos, nahm Zegers Johann Sebastian Bachs berühmten Satz "Jesu bleibet meine Freude", in dem der Cantus firmus sehr schön aus den einzelnen Stimmen herausleuchtete.
Natürlich gab es auch wieder Gesang: die Sopranistin Sara Magenta Schneyer, in Schweinfurt geboren und mittlerweile international unterwegs - auch sie machte bereits zum dritten Mal mit - sang eines der berühmtesten Orchesterlieder von Richard Strauss: "Morgen". Sie machte das mit großer Intensität, Innigkeit und unaufdringlicher Genauigkeit. Und es war erstaunlich, wie gut sich das sinfonische Blasorchester mit dieser einzelnen Stimme arrangieren konnte, ohne den Charakter des Liedes zu verfälschen. Anders war das bei "Zueignung". Da lag die Singstimme in der Trompete, da konnte das Orchester, ganz im Sinne er euphorischen Steigerung, auch kräftiger hinlangen.
Natürlich gab es auch Instrumentalsolisten Helmut Schilling mit seinem Euphonium, einer Tenortuba, in dem Benedictus aus der Friedensmesse "The Armed Man" von Karl Jenkins, und Ludwig Weser mit dem Flügelhorn in "Mine Own King am I", einer Originalkomposition von Eric Vloeimans. Die beiden hatten ihre Musik verinnerlicht, spielten mit weichem, singendem Ansatz und konnten sich trotzdem bestens vor dem Orchester behaupten.
Auch Sara Magenta Schneyer war noch einmal zu hören: mit dem berühmten "Solveigs Lied" aus Edvard Griegs "Peer-Gynt-Suite". Die klare Diktion der Stimme und die Blockhaftigkeit der Musik machten ganz nebenbei deutlich, in welch archaische Welt Grieg den Zuhörer führt.
Alexander Subat, Geschäftsführer der Kissinger Verlagsgesellschaft, stellte kurz die Aktion Weihnachtshilfe vor, die von der Saale-Zeitung vor 21 Jahren ins Leben gerufen worden war, um "notleidenden Menschen in der Region zu helfen, die unter dem sozialen Radar durchfliegen." Es gehe nicht darum, den Staat von seiner sozialen Fürsorgepflicht zu entlasten, sondern in Not geratenen Menschen kurzfristig und unbürokratisch zu helfen, sie aus ihrer Isolation herauszuholen: "Man glaubt nicht, wie nahe dieses Thema Armut ist, auch wenn man es nicht sieht." Die Spenden seien gut angelegt: "Der Erlös kommt zu 100 Prozent den Bedürftigen zugute."
Auch weniger Bekanntes spielte das Polizeiorchester, etwa das Adagio aus Aram Khachaturians Ballett "Spartacus" oder "O Magnum Mysterium" des Amerikaners Morten Lauridsen oder die Hymne aus dem Musical "Chess" der beiden Ex-ABBA-Herren Björn Ulvæus und Benny Anderson. Herausragend war dabei das Largo aus Antonin Dvoráks 9. Sinfonie "Aus der neuen Welt". Denn man merkte verblüfft, wie wenig bei diesem Satz arrangiert werden musste, weil die ausgezeichneten Holzbläser ohnehin im Vordergrund stehen. Und das berühmte Englischhornsolo war wunderbar geblasen.
Zwei Zugaben hatten die Musiker noch auf den Pulten, nachdem Bürgermeister Franz Kuhn das Publikum verabschiedet hatte: zunächst einen Satz aus den "Enigma Variations" von Edward Elgar. Und dann sang Sara Magenta Schneyer die Arie "O mio babbino caro" aus Giacomo Puccinis Oper "Gianni Schicchi". Das war raffiniert nahe an Weihnachten. Denn man musste nur aus dem zweiten "b" ein "m" machen, und schon war aus dem Väterchen das Kindlein geworden. Aber am Text müsste man erheblich fälschen. Natürlich geht es um Liebe; aber Lauretta möchte einen Ehering kaufen und muss vorher ihr Erbe und die Zustimmung aus ihrem Vater herausschmeicheln.
Dann verlagerte sich das Gedränge noch eine ganze Zeit auf den Vorplatz der Kirche, wo Mitglieder des TSV Oerlenbach Glühwein und Gebäck vorbereitet hatten. Auch dieser Erlös ging in den Spendentopf der Aktion Weihnachtshilfe der Saale-Zeitung. Bei Redaktionsschluss lag die Höhe der eingegangenen Spenden noch nicht vor.