Es war der Auftakt zu einem ganz besonderen Kissinger Sommer: 30 Jahr Festival in der Kurstadt, das ist schon ein Grund zum Feiern, zum öffentlichen Frohsinn - auch wenn der eigentliche Konzertreigen erst in einem Monat beginnt und der wohl auch wieder, wenn man Stimmen aus dem Vorverkauf hört, ein ganz großer Erfolg wird.
Aber ausgerechnet bei diesem Auftakt lag ein dichter Schleier der Melancholie, fast ein bisschen der Trauer über dem voll besetzten Großen
Saal, denn es schwang immer, bei allen Beteiligten, die Frage mit: Wird das ein Abschied für immer? Man weiß ja nicht, ob Cecilia Bartoli noch einmal wiederkommen wird, wenn die Intendanz des Festivals gewechselt hat. Ob sie es will? Ob "der Neue" es will?


Auftritt trotz Salzburg

Cecilia Bartoli hat diesen Vielleicht-Abschied nicht auf die leichte Schulter genommen, hat es sich nicht einfach gemacht - weder emotional noch organisatorisch noch programmatisch. Sie hat den Termin in Bad Kissingen möglich gemacht, obwohl sie in Salzburg zu dem Pfingstfestspielen sehr stark eingespannt war und ist. Aber sie weiß um die Bedeutung des Kissinger Sommers und seiner Intendantin für sie selbst - auch über das Festival hinaus.
Und sie ist gekommen, obwohl sie im Augenblick überhaupt kein geeignetes Programm für einen solchen Konzertabend hat. Eine neue CD, die zu promoten wäre, ist im Moment weder erschienen noch in Sicht. Und so hatte sie auch kein Ensemble an der Hand, mit dem sie ein paar spektakuläre Arien in den Saal schmettern oder hauchen konnte. Das wäre für sie am einfachsten gewesen.


Zweieinhalb Tage Probe

Nein, sie hat sich hingesetzt, hat extra für Bad Kissingen ein Programm zusammengestellt, hat italienische Lieder, Canzone - heute würde man sagen: Schlager - aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert zusammengesucht und in zweieinhalbtägiger Probe, schon in Bad Kissingen, mit dem Komponisten und Pianisten Antoni Perera Fons, einem Mallorquiner, den sie schon lange kennt, mit vielen Neu- und Umentscheidungen und starken Nerven erarbeitet. Darauf können wir Kissinger uns durchaus etwas einbilden, denn dieses Konzert wird sie so nie wiederholen. Und es war auffallend, dass dieses Mal besonders viele mitreisende Fans im Saal saßen, um die Gelegenheit zu nutzen.
Auch das Publikum, das von Cecilia Bartoli dramatische Arien in alle Richtungen gewöhnt war, musste sich in diese neuen, ungewohnten Klänge erst einmal hineinhören. Ein paar von den 30 Liedern, die es geworden waren, kannte man natürlich: Gioacchino Rossinis feuriges "La danza", eines ihrer absoluten Bravour- und wohl auch Lieblingsstücke, hat sie auch in Bad Kissingen schon gesungen. Vincenzo Bellinis "Vaga luna" kannte man oder ein paar der Romanzen von Francesco Paolo Tosti.


Mamma - das Original

Und natürlich, wenn auch erst auf den zweiten Blick Cesare Andrea Bixios "Mamma, son tanto felice". Da merkte man plötzlich. wie sehr der noch nicht stimmgebrochene Heintje dieses Lied banalisieren musste. Aber auch das Original ist schon eine ziemliche Schmonzette.


Viele Entdeckungen

Aber man konnte wirklich Entdeckungen machen. Etwa, dass es um die Wende zum 20. Jahrhundert einen Stefano Donaudy gab, der wohl ein bisschen vom Deutschen Kunstlied angehaucht war und nicht nur inspiriert-solide Musik schrieb, sondern auch erstaunlich gute Texte verwendete. Man konnte erfahren, dass es in dieser Zeit nicht nur flammende oder schelmische Liebenslieder gab, wie "Comme facette màmetta" ("Als dich deine Mutter gemacht hat") von Salvatore Gambardella. Sondern dass diese mitunter ziemlich doppelzüngig und scheinheilig waren, weil sie allmählich durchblicken ließen, dass sie von einer erloschenen Liebe singen wie "Come le rose" von Gaetano Lama. Oder dass es am Fuße des Vesuvs eine große Abteilung von Liedern gab nach dem Motto: "Neapel nicht sehen und sterben", etwa "Santa Lucia luntana" von E. A. Mario oder Alberto Barberis "Munasterio e Santa Chiara". Heimweh und Kitsch vertragen sich manchmal ganz gut.


Nur scheinbar leichte Lieder

Spannend war es aber auch deshalb, weil Cecilia Bartoli die Lieder ernst nahm, weil man plötzlich eine Ahnung davon bekam, wie schwierig diese gesetzt sind, wie wenig sie in die Stimme geschrieben sind. Nicht dass sie damit Probleme gehabt hätte. Aber man hörte, was andere alles weglassen, was sie nicht aussingen oder gar nicht erst treffen. Das machte staunen. Und man genoss die emotionalen Kurven, das Spiel mit den Klangfarben, mit der Sinnlichkeit eines überdehnten Rubato. Wie sie überhaupt ihre Stimme verändern kann, wenn sie in E. A. Marios "Tammuriata nera" wie ein Waschweib keift, das sich über das Nachbarstöchterchen ereifert, nicht, weil sein Kind unehelich ist, sondern weil es vollkommen schwarz ist. Und man konnte beobachten, wie gut Cecilia Bartoli mit dem neapolitanischen Dialekt zurecht kam, der von ihrem römischen Idiom erheblich weiter entfernt ist als es die Autobahn vermuten lässt. Nein, was Cecilia Bartoli da machte, war eine echte Überraschung.
Und Antoni Parera Fons, der Mann am Flügel? Sagen wir es so: Er störte Cecilia Bartoli nicht. Manchmal musste sie ihn ein bisschen antreiben, aber ansonsten konnte sie sich ganz auf ihr eigenes Tun konzentrieren. Dass im Saal Stimmung aufkam, lag sicher nicht an seinem beherzten Griff in die Tasten. Aber eines schaffte Cecila Bartoli nicht: dass das Publikum einstimmte in Domenico Modugnos "Nel blu dipinto del blu" hierzulande bekannt als "Volare". Aber die Leute hatten schon Recht: Wenn so eine Mezzospranistin das Lied so singt, dann hält man besser den Mund und genießt.
Zwei Zugaben aus Napoli hatten die beiden noch vorbereitet: Eduardo de Capuas " O sole mio" und Ernesto de Curtis' "Non ti scordar di me" ("Vergiss mich nie"). Da wurden dann schon ein paar Taschentücher gezückt. Wir müssen warten, ob sie wiederkommt.