Was tun, wenn man vermutet, dass eine Schülerin oder ein Schüler Drogen nimmt oder den Unterricht boykottiert? Wie helfen, wenn sich in der Klasse jemand als Zappelphilipp entpuppt? Können Lehrerinnen und Lehrer das im Unterricht erkennen, beziehungsweise Hilfe anbieten? Denn falls sich Schüler auffällig verhalten, liegen die Gründe oft im Verborgenen.

In solchen Fällen können Sozialarbeiter wertvolle Hilfe leisten, weil sie für Schüler so etwas wie neutrale Vertrauenspersonen sind. Aktuell sind an elf Schulhäusern im Kreis insgesamt 8,7 solcher Stellen besetzt, hieß es im Jugendhilfeausschuss.

Es war spannend, aber auch ein bisschen verstörend, Rektor Michael Heyne von der Bad Brückenauer Mittelschule zuzuhören, als er das breite Spektrum an Aufgaben für die bislang einzige Jugendsozialarbeiter-Stelle an seinem Schulhaus im Ausschuss darlegte.

Er sprach von Selbstverletzungen, Selbstmordabsichten, Drogenproblemen, Mobbing-Aktionen, Prostitution, von Opfern physischer oder sexueller Gewalt und von Schülern mit Panikattacken, Angststörungen oder Sozialphobie.

Bilanz über acht Jahre

Doch zunächst zog man in der Sitzung am Montag Bilanz über acht Jahre Jugendsozialarbeit an den Schulen (JaS) im Landkreis. "Wir haben sie Stück für Stück aufgebaut", sagte Landrat Thomas Bold, der diese Art der Unterstützung an den Schulen für sehr wichtig hält.

"Denn wer erzieht heutzutage die Kinder? Leider oft nicht mehr die Eltern, sondern die Schule", lautete sein Fazit. Er glaubt, dass es künftig noch mehr Bedarf an Schulen geben wird, auch weil die Auswirkungen von Homeschooling und fehlenden Sozialkontakten während der Corona-Pandemie noch nicht abzuschätzen sind.

1999 hatte der Freistaat zunächst das Modellprojekt "Schulbezogene Jugendsozialarbeit" (JaS) ins Leben gerufen. 2003 wurde die JaS in Bayern als Regelförderung eingeführt. Der Landkreis Bad Kissingen stieg 2013 ein und beschloss 2014, freie Träger der Jugendhilfe mit der Jugendsozialarbeit zu betrauen, wie Georg Schulz-Hertlein vom Jugendamt berichtete. Das waren seinerzeit die Gesellschaft zur Förderung beruflicher und sozialer Integration (gfi) und das Bayerische Rote Kreuz Bad Kissingen.

2018 stieg das BRK wieder aus, dafür kamen die Gesellschaft zur beruflichen Förderung (GbF) Schweinfurt und das Kolping-Bildungswerk mit ins Boot. 2020 wurde der Stellenausbau bayernweit gestoppt. Erst zu Beginn dieses Jahres wurde ein weiteres Stellen-Kontingent für Bayern für die kommenden drei bis vier Jahre in Aussicht gestellt. Was die Kosten angeht, ist vonseiten des Freistaats eine Ganztagsstelle seit eh und je mit 16 360 Euro festgelegt. Zuwendungsfähig sind nur die Personalkosten. An der Finanzierung beteiligen sich auch die Landkreise, die Sachaufwandsträger für die Schulen und die freien Träger der Jugendhilfe.

Kein Stigma mehr

Die Bilanz der Jugendsozialarbeiter an den Schulen im Landkreis kann sich sehen lassen: Es wurden 369 intensive Einzelfallhilfen geleistet, listete Schulz-Hertlein im Ausschuss auf. Mit 82 Projekten und Maßnahmen wurden 2255 Teilnahmen von Eltern und Schülern erreicht. Mit einrechnen müsse man auch Kriseninterventionern, die außerhalb dieser Einzelfallhilfen stattfanden.

Anfangs hätten Schulleitungen eher zögerlich JaS in Anspruch genommen, aus Sorge, ihre Schule könnte als "Brennpunktschule" wahrgenommen werden. Heute sei diese Arbeit entstigmatisiert. Schulz-Hertlein: "JaS gilt inzwischen als Erfolgsmodell."

Diese Ansicht vertritt auch Schulleiter Heyne, der am Montag darlegte, wo an der Bad Brückenauer Mittelschule Jugendsozialarbeit ansetzt. Lehrkräfte haben nun mal die Aufgabe zu unterrichten.

Was auffällige Verhaltensmuster in der Schülerschaft im Unterricht angeht, gerieten diese aber "schnell an ihre Grenzen". Jugendsozialarbeiter hingegen seien für Schülerinnen und Schüler ein "unbeschriebenes Blatt". "Sie genießen Vertrauen, Schüler holen sich dort auch außerhalb der Unterrichtszeit Hilfe", erklärte der Rektor die besondere Position im Schulsystem.

Stört zum Beispiel ein Schüler den Unterricht, helfe es wenig, einen Verweis zu geben. Man müsse dem Kind vielleicht eher eine "Auszeit" geben, damit das Verhalten überdacht wird, sagte Heyne. "Denn wenn ein Kind zu Hause nachts Gewalt erlebte, kann es sich morgens in der Klasse nicht einfügen." 300 Schülerinnen und Schüler werden an der Bad Brückenauer Mittelschule in 15 Klassen unterrichtet. Inzwischen seien 50 Einzelfälle von seiner Fachkraft für Jugendsozialarbeit betreut worden. "Eine Vollzeitstelle kann das gar nicht alles leisten", sagte Heyne und

bat dringlich darum, die JaS an seiner Schule zu erweitern oder eine weitere Stelle zu schaffen.

Jugendsozialarbeit an Schulen

An elf Schulen im Landkreis ist sozialpädagogisches Fachpersonal im Sinne der Jugendsozialarbeit eingesetzt: Je eine 0,5-Stelle ist besetzt an der Berufsschule in Bad Kissingen und an der Saaletal-Schule in Bad Kissingen sowie an der Oerlenbacher Mittelschule und an der Grundschule in Wildflecken. Ein 0,7-Stellenanteil steht am Berufsbildungszentrum in Münnerstadt zur Verfügung (2020 war diese Stelle allerdings nicht besetzt). Je eine Vollzeitkraft haben zur Verfügung die Mittelschule in Bad Brückenau, die Grundschule Hammelburg, die Mittelschule Hammelburg, der Mittelschulverbund Münnerstadt-Nüdlingen, die Anton-Kliegl-Mittelschule Bad Kissingen und die Sinnberg-Grundschule Bad Kissingen. Quelle: Landratsamt Bad Kissingen

von Isolde Krapf