Gleich zwei promovierte Rechtsanwälte mühten sich für den 24-Jährigen aus Bad Kissingen um ein spezielles Urteil für die Beschaffung von gut drei Kilogramm Cannabis zum "Eigenkonsum" und die großzügige Abgabe etwa der halben Menge an Freunde und Bekannte. Paragraf 35 Betäubungsmittelgesetz hätten sie für ihren Mandanten aus gutem Hause gerne angewendet gesehen. Demnach sollte die zu erwartende Freiheitsstrafe ohne Bewährung nicht vollstreckt, sondern zurückgestellt werden zugunsten einer Therapie, die - wenn sie erfolgreich absolviert wird - am Ende auf die Haftstrafe angerechnet wird und diese dann sozusagen ersetzen kann.

Bei Rauschgift altruistisch?

Doch die Große Strafkammer des Landgerichts spielte da nicht mit. Eine Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten verhängte sie und ordnete die Unterbringung des jungen Mannes in einer Entziehungsanstalt an. Dort soll sein massiver Drogenkonsum etwa ein Jahr lang therapiert werden. Dann könnte, bei guter Führung und Erreichen der halben Strafe, der Rest auf Bewährung ausgesetzt werden. Neun Monate Untersuchungshaft, die der Angeklagte bisher hinter sich hat, werden auf das Strafmaß angerechnet.

Der Staatsanwalt hatte in seinem Plädoyer vier Jahre und acht Monate Haft gefordert. Er ging nicht nur von Besitz und geplanter Abgabe der drei Kilogramm Cannabis (Marihuana und Haschisch) aus, sondern auch davon, dass der 24-Jährige einen erheblichen Teil des Stoffes gewinnbringend verkaufen wollte, also von Handel.

"Schutzbehauptung"

Nur zum Eigenkonsum hätte das Rauschgift vier Jahre gereicht. Der 24-Jährige denke in jeder Hinsicht unternehmerisch, betreibe umfangreiche Aktiengeschäfte und gewinnbringend Handel mit FFP2-Masken. Da sei es nicht naheliegend, dass er ausgerechnet bei der Cannabisbeschaffung in solcher Menge, die für ihn das größte Risiko darstelle, plötzlich altruistisch denke und nichts daran verdienen wolle.

Dass der Angeklagte nur aus Angst vor einem Cannabis-Engpass wegen der Corona-Pandemie so viel Stoff aus Frankfurt für seinen Eigenkonsum besorgt habe, sah der Staatsanwalt als "Schutzbehauptung" an. Er plädierte für die Unterbringung des Mannes in einer Entziehungsanstalt. Dem folgte das Gericht nicht, es sah zu wenig echte Beweise für eine Gewinnerzielungsabsicht oder tatsächlich erfolgte Verkaufsgeschäfte. Weder Zeugen noch die Telefonüberwachung hätten dafür Anhaltspunkte geliefert.

Die Verteidigung betonte, ihr Mandant sei eben kein typischer Drogenkrimineller mit entsprechender Karriere und aus prekären Verhältnissen. Er entstamme einer angesehenen Familie in Bad Kissingen, sei "ein Kind der Mittelschicht", für den aber Cannabis ein "Genussmittel ist wie für andere ein guter Whisky". Ein Handeltreiben, gar "bewaffnetes", weil Baseballschläger in der Wohnung und dem Umfeld des Marihuana gefunden wurden, sei abwegig. Zwei Jahre und neun Monate und die Anwendung des Paragrafen 35 Betäubungsmittelgesetz, der Strafe durch Therapie ersetzt, beantragte die Verteidigung.

Wie berichtet, hatte sich der 24-Jährige im Mai letzten Jahres bei zwei Versorgungsfahrten von einem unbekannten Frankfurter Dealer insgesamt gut drei Kilogramm Marihuana und Haschisch besorgt. Die zweite Fahrt war komplett von der Polizei überwacht worden. Auf der Rückfahrt wurde der Angeklagte von der Autobahnpolizei gestoppt und 1,5 Kilogramm Haschisch in 15 Platten bei ihm gefunden. Das Marihuana lagerte in seiner Wohnung.

Das Urteil von knapp vier Jahren Haft plus Unterbringung zur Suchttherapie fiel bereits am zweiten Verhandlungstag. Dagegen ist Revision möglich. Stefan Sauer