Unterfrankens Hotellerie und Gastronomie schwankt in der zweiten Welle der Corona-Pandemie zwischen Zuversicht und Sorge. Entschlossenheit, das Beste aus der Situation zu machen, war bei der Delegiertenversammlung des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) für den Bezirk am Montag in Bad Kissingen ebenso zu hören wie die Befürchtung, die Branche stehe möglicherweise vor einem tiefgreifenden Strukturwandel.

Für den Kissinger Heinz Stempfle hatte die Versammlung noch dazu persönliche Bedeutung. Er verabschiedete sich aus dem Amt des Bezirksvorsitzenden. Zu seinem Nachfolger wählte die Delegiertenversammlung am Nachmittag nichtöffentlich Stempfles bisherigen Stellvertreter Thomas Dauenhauer aus Dettelbach. Dessen Stelle als Stellvertreter nimmt Claudia Amberger-Berkmann aus Würzburg ein.

Fünf Jahre hat Stempfle, der 2019 seinen 80. Geburtstag feierte, den Dehoga-Bezirksverband geführt. Nun zieht er sich von dieser Aufgabe zurück. Sein Amt als Dehoga-Kreisvorsitzender übt der Bad Kissinger Hotelier jedoch weiter aus. Unter den Rednern der Bezirksversammlung am Montag gehörte seine Stimme zu den nachdenklicheren und besorgteren.

Nach Stempfles Befürchtung droht der Branche durch die Folgen der Corona-Pandemie vielleicht die bitterste und existenzbedrohlichste Situation seit 1945. Besonders betroffen seien möglicherweise wieder die kleinen und mittleren Betriebe. Dabei böten in Unterfranken gerade die familiengeführten mittelständischen Unternehmen der Branche die sichersten Arbeitsplätze.

Kritik an Sperrstunde 21 Uhr

Bei Thomas Förster, dem Vizepräsidenten des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands hatten sich die Sorge über die Folgen der Einschränkungen durch die Pandemie und die Hoffnung, gestärkt aus der Situation hervorzugehen, noch die Waage gehalten. Corona und seine Folgen hätten die Branche "schwer getroffen und stark ins Wanken gebracht". Auch aktuell vergehe kaum ein Tag, ohne dass die Gastronomen "irgendwelche neuen Bestimmungen und Beschlüsse ereilen". Die neue Sperrstunde ab 21 Uhr, wenn die Corona-Ampel auf Dunkelrot stehe, lasse ihn auch für das bayerische Gastgewerbe dunkelrot sehen. Die beschlossenen Änderungen "bedeuten für uns einen Quasi-Lockdown", erklärte Förster.

Viele Betriebe verschuldet

Wie Dehoga-Landesgeschäftsführer Thomas Geppert unterstrich Förster aber, dass "das ordentlich arbeitende Gastgewerbe keine Gesundheitsgefahr" darstelle. Dort funktionierten die Hygienekonzepte. Und wenn einzelne sich nicht an Regeln halten, dann müssten sie eben einzeln zur Verantwortung gezogen werden. Die Existenz des ganzen Gastgewerbes dürfe dadurch jedenfalls nicht aufs Spiel gesetzt werden.

Thomas Geppert ergänzte in Bezug auf die Sperrstunde ab 21 Uhr bei Dunkelrot, so etwas bewirke genau das Gegenteil des Erhofften. Die Nachfrage ändere sich nämlich nicht. Die Menschen wichen stattdessen in den privaten Bereich aus und feierten dort, wo sich niemand an professionelle Konzepte wie in der Gastronomie halte.

Förster forderte, die Branche brauche "umgehend" die von Ministerpräsident Markus Söder "angekündigten Soforthilfen". Zusätzlich seien Tilgungszuschüsse nötig. Neben Mieten und Pachten belasteten Tilgungsraten für Kredite zahlreiche Betriebe am stärksten. Viele seien "bis unter die Nase verschuldet", sagte Geppert dazu.

Niedrigerer Mehrwertsteuersatz

Ein großes Anliegen ist der bayerischen Gastronomiebranche "die Entfristung" der von der Bundesregierung auf sieben Prozent abgesenkten Mehrwertsteuer auf Speisen. Dieser Satz gilt bis jetzt lediglich bis Ende Juni 2021. Außerdem wollen Förster und Geppert sowie ihre Kollegen im Verband den abgesenkten Mehrwertsteuersatz in der Gastronomie auch auf Getränke ausgedehnt wissen.

Die Politik setze aktuell alles daran, einen bundesweiten Lockdown zu vermeiden, berichtete Dorothee Bär bei der Dehoga-Bezirksversammlung. Hoteliers und Gastronomen, sicherte die Staatsministerin zu, würden nicht im Regen stehen gelassen. Grundsätzlich sieht Bär Licht am Ende des Tunnels. Es brauche aber auch Kraft, sich der Ausbreitung des Corona-Virus so lange entgegenzustellen, bis es einen Impfstoff gebe.

Im Alltag sei die Einhaltung der AHA-Regeln wichtig. Zu diesen drei Buchstaben für Abstand, Hygiene und das Tragen von Alltagsmasken kommen aus Bärs Sicht inzwischen noch ein A für die Corona-Warn-App und ein L für das Lüften hinzu. Voraussetzung seien aber Vernunft unter den Bürgern und Empathie füreinander.

Die besonderen Schwierigkeiten und besonderen Chancen der aktuellen Lage hatte am Anfang Oberbürgermeister Dirk Vogel angesprochen. "Ihre Probleme sind unsere Probleme", sagte er den Verbandsvertretern von Hotellerie und Gastronomie mit Verweis auf die schweren Einbußen bei Gästeankünften, Übernachtungszahlen und Kurtaxe, die der Standort Bad Kissingen verkraften musste. Trotzdem gelte es auch die Gelegenheit zu ergreifen, die Corona bietet. "Denn die Trends", sagte Vogel, seien eigentlich "nicht gegen uns."

Landrat Thomas Bold erklärte, man stehe gerade wieder vor einer großen Herausforderung. Ganz entscheidend dafür, wie gut man durch die Situation komme, sei die Hygieneregeln einzuhalten. Hotellerie und Gastronomie hätten auf diesem Gebiet in den vergangenen Monaten bereits Herausragendes geleistet.

Angelika Schäffer, Geschäftsführerin des Tourismusverbands Franken, beschrieb die Bemühungen ihres Verbands in den vergangenen Monaten, den Folgen von Corona durch Marketing gegenzusteuern. Trotz aller Aktivitäten habe der Tourismus in Franken heuer bis August aber fünf bis fünfeinhalb Millionen Übernachtungen verloren. Das sei nicht mehr aufzuholen. Dehoga-Bezirksgeschäftsführer Michael Schwägerl berichtete, das Zwischenhoch im Sommer habe Unterfranken etwa mit jungen Familien zum Teil neue Gästekreise gebracht. Dieses kleine Pflänzchen solle man nach Kräften weiter hegen und pflegen. Siegfried Farkas