Es ist nur wenigen Menschen beschieden, oben in der Rhön, im Weiler Hillenberg, in der Schlossbergschänke, neben sich am harten Holztisch einen Vorgeschmack aufs Paradies zu erleben. Matthias Egersdörfer, der Bühnen-Choleriker aus Fürth und grummelig-grantiger Leiter der Spurensicherung beim Franken-Tatort, sitzt also mit seiner Frau nach einer Wanderung am Schwarzen Moor in dieser Dorfkneipe unweit der Hochrhönstraße.

Und gerät in höchste Verzückung angesichts eines Stammtisches älterer Rhöner Herren: "Die saßen da in ihrer Pracht und Herrlichkeit und genossen es, nix zu produzieren, nix beizutragen, sondern sich für die nächsten Stunden der Philosophie hinzugeben und den Wahnsinnsgschichten", schwärmt Matthias Egersdörfer im Rückblick.Und er sagt, dass er in diesem Moment nichts dagegen gehabt hätte, den Platz neben seiner Frau, die gerade Hirschfleischküchlein aß, einzutauschen und beisammenzusitzen mit den "Krawallbrüdern am Tresen", der Welt mit ihren Sinnzusammenhängen entronnen. Ja, Rhönschafe will der Egersdörfer fürderhin züchten und jede freie Stunde mit dieser Stammtischriege verbringen.

Schöne Erinnerung an die Rhön

"Eine schöne Erinnerung an die Rhön. Unglaublich. Das Schottland von Franken", sagt er - durch seinen schwarz-grauen Bart, hinein in die Handykamera. Es ist der vierte Tag eines ganz speziellen Programmes, mit dem der Fürther Künstler seine Fans derzeit beglückt. Und mit dem er ganz besonders in der Rhön für Aufmerksamkeit sorgt.

Egersdörfer, wie alle Solokünstler praktisch ohne Auftrittsmöglichkeit, veröffentlicht auf seiner Facebook-Seite und seinem Youtube-Kanal gerade seine ganz persönliche Verkostung des Rhöner Bier-Adventskalenders.

Den Kalender - Marketing-Idee der Initiative "Wir sind Rhöner Bier" - hatte er bei jener Herbst-Wanderung in der Rhön erworben. Und jetzt erweist er in Kurzvideos von drei, vier Minuten dem Bier, dieser uralten Labsal, seine Huldigung. Vor allem kommen die Rhöner Brauer bisher durchweg gut weg.

Rhöner Begeisterung

"Ich bin begeistert von dieser Landschaft. Etwas von dieser Begeisterung wollte ich zurückgeben", sagt Matthias Egersdörfer. Ende Oktober hatte er auf Einladung von Thomas Pigor, der aus Unsleben stammt, drei Tage in der Rhön verbracht. Die Sennhütte war Ausgangspunkt seiner Erkundungen. "Die stockdunkle Nacht dort ohne Lichtverschmutzung war einmalig", sagt Egersdörfer.

"Ich bin sehr netten Menschen begegnet, der Dialekt war wunderbar", sagt Egersdörfer. Er habe sich auch gleich Mundartlektüre mit nach Fürth genommen. Und eben den Bier-Adventskalender. "Der lässt Erinnerungen wach werden an die schönen Tage dort."

Vermasselte Folge eins

Die Produktion seines Video-Adventskalenders zum Bier startete indes unter Schwierigkeiten. In Folge eins wirkt Egersdörfer explosiv geladen wie der Bügelverschluss eines StoXBräu. Egersdörfer und Bier - quasi Seelenverwandte: schnell schäumend und überschießend, bevor der Hopfen Ruhe stiften kann. In der ersten Folge hat der Egersdörfer irrtümlicherweise nur ein Foto gemacht und genüsslich ein Bier der Rother Bräu vertilgt, ohne dies im Video festzuhalten.

Also lässt er mit hochrotem Kopf seinem Ärger freien Lauf. Die Faust schlägt auf die Tischplatte, die leere Bierflasche ruckelt durchs Bild mitsamt einem leeren Kuchenteller. "Das ist so ein gutes Bier, da kann mal auch mal ein gutes Stück Kuchen dazu essen", sagt Egersdörfer auf dem Weg, sich mit sich selbst zu versöhnen. Wobei in seinem profunden Fürther Fränkisch aus dem Kuchen gaumenschmeichelnd ein "Kuhng" wird.

Bluthochdruck von höherer Art

Über 11.000 Abonnenten hat der Facebook-Kanal des Kabarettisten. Die bekommen jetzt jeden Tag ein Rhöner Bier vorgestellt. Keine Frage, dass man sich bei der Initiative "Wir sind Rhöner Bier" über die höheren Weihen mit Werbeeffekt freut. "Ja, wir haben das mitbekommen und wollen einige der Videos auf unserer ebenfalls erfolgreichen Seite verlinken", sagt Daniel Berghold von der Dachmarke Rhön, die regionale Produkte vermarktet.

Die Initiative umfasst die zehn Brauereien aus dem Landkreis Rhön-Grabfeld samt zweier Gerstenmalz-Anbauer und der Mellrichstädter Mälzerei.

Bei Matthias Egersdörfer kann man viel lernen. Zum Beispiel, welche künstlerischen Höhen ein richtiger Bluthochdruck erklimmen kann, wenn er seine Zornestiraden über das Menschengeschlecht spricht, vor allem dasjenige zwischen Lauf und Nürnberg-Zentrum. Und man lernt, dass man einem Bier mit seinen Geschmacksknospen solch Noten enträtseln kann wie bei einem Wein.

So führt er ein Karmeliter Keller-Festbier zum Mund. Schluck eins: "Bergamotte". Schluck zwei: "Nuss". Schluck drei: "Wörschtla, Räucherwörschtla, Schokolade." Und die Fans erfahren, dass das Bad Neustädter Karmeliterkloster im Kampf gegen die Pest gegründet wurde - "und zum Spaß gleich a Brauerei mit neigebaut, das geht völlig in Ordnung".

Online-Bühne für die Corona-Zeit

Bier ist nun einmal auch ein Getränk für schwierige Zeiten. Und die treffen aktuell auch einen Solokünstler wie Matthias Egersdörfer. Eigentlich tourt er mit seinen Programmen ja durch die ganze Republik und postet mit Vorliebe Fotos von tristen Bahnhöfen. Corona zwingt zur Pause, und der Dreh für den Franken-Tatort in Bamberg wird zum Stückwerk zwischen den Lockdowns.

Ende März hatte Egersdörfer schon einmal mit Minivideos aus der unfreiwilligen Corona-Isolation gefunden und "Nachrichten aus dem Hinterhaus" gesendet.

Als Stativ fürs Handy diente eine Zuckerdose. Nun also der Rhöner Bier-Adventskalender.

Aus den Dutzenden Kommentaren zu jedem Video sucht sich Egersdörfer passende aus und enerviert sich über sie in der nächsten Episode - mit glühendem Kopf, ehe nach Minuten der Rage mit einem Ostheimer Dunkel Frieden einkehrt. Egersdörfer redet mit Schaum vorm Mund, bis der Bierschaum im Mund alles wieder gut werden lässt. Ein Auf und Ab, als zeichne das Gemüt die Kuppen der Rhön nach. Ausgerechnet eine Gemütslage könnte nun dem Projekt frühzeitig das Ende bereiten: "Ehrlich gesagt kann ich mein Gesicht in den Videos nicht mehr sehen, und ich weiß nicht, ob es weitere Folgen gibt", drohte Egersdörfer unverholen und blieb einen Tag ab-stinent, bevor er dann auf Facebook mit Fürther Furor den "Lauertaler Urstoff" lobte.

Manchmal brauche man ein Bier "als ohne Rezept erhältliches Beruhigungsmittel", sagt Egersdörfer und weist der Rhön ihren würdigen Platz zu. Wie wäre die übrigens als Drehort für einen Franken-Tatort? "Schon denkbar", sagt er, "das Schwarze Moor wäre ein klassischer Ort". Aber erst einmal beginnt für ihn unter dem Kronkorken das Rhöner Elysium.Gerhard Fischer