Das Thema Radfahren treibt viele Leute um. In Hammelburg protestierten am Wochenende Teilnehmer einer Fahrraddemo gegen die Sperrung der Kissinger Straße stadtauswärts für Radfahrer. Auch Bad Kissingen stand in den vergangenen Jahren immer wieder in der Kritik, nicht fahrradfreundlich zu sein und zu wenig für die Belange von Radfahrern zu tun. So hatte vergangenes Jahr Peter Bretscher aus Arnshausen eine Petition mit mehr als 800 Unterschriften bei der Stadt eingereicht mit der Aufforderung, das Radwegenetz zu verbessern.

Deutschlandweit sind von Jahr zu Jahr mehr Fahrräder und E-Bikes auf den Straßen unterwegs. Der Bestand ist seit 2005 um zwölf Millionen Fahrräder auf zuletzt 79,1 Millionen gestiegen (Quelle: Statista). Das führt zu steigenden Unfallzahlen: 90 E-Bike- und Fahrradunfälle zählten die Polizeiinspektionen des Landkreises vergangenes Jahr, drei Mal so viele wie 2017. Jeder fünfte Verletzte im Verkehr war 2020 ein Radler. Das Radwegenetz, so die Einschätzung der Polizei, ist oft dem Radverkehr nicht mehr gewachsen.

Im Bauausschuss des Bad Kissinger Stadtrates entspann sich eine ausführliche Debatte zum Radverkehr. Ausgangspunkt war ein Antrag von Richard Fix (Grüne), dem Stadtratsbeauftragten für Stadtplanung, Mobilität und Umwelt. Er beantragte, dass die Verwaltung, wenn sie Straßenbaumaßnahmen plant, die Interessen von Auto- und Radfahrern sowie Fußgängern gleichermaßen berücksichtigen muss.

Den Antrag begründete Fix in der Sitzung damit, dass schon seit Jahrzehnten auf das schlecht ausgebaute Radwegenetz hingewiesen wird. Er erinnerte daran, dass sich 1994 ein Arbeitskreis gründete, der sich mit dem Radverkehr beschäftigte, 2003 wurde der Stadt eine Agenda mit Vorschlägen übergeben, etwa mit Schutzstreifen für Radfahrer in Tempo-30-Zonen bergauf. Davon wurde bis heute wenig umgesetzt. Zwar habe sich manches verbessert, insgesamt würden die Belange der Radfahrer oft übergangen. Als Beispiel führte er die Erhardstraße an, bei der ein Schutzstreifen nachträglich zur Sanierung angebracht wurde. Die Belange der Radler seien während der Planung vergessen worden, so dass der Schutzstreifen nun nicht optimal funktioniert. Es kommt zu Überschneidungen mit den Parkplätzen am Straßenrand. Die Parkplätze hätten auf der anderen Seite geplant werden müssen.

OB signalisiert Entgegenkommen

Bauamtsleiterin Christine Schwind gab eine rechtliche Einschätzung zu dem Antrag. Sie erläuterte, dass die Straßengegebenheiten es häufig nicht erlauben, die Interessen aller Verkehrsteilnehmer gleichermaßen zu berücksichtigen. Es müssen Abwägungen getroffen werden. Als Beispiel nannte sie die Sanierung der Dr. Georg-Heim-Straße. Bei Begegnungsverkehr und Parken ist es dort zu eng für einen Radweg. Grundsätzlich brauche es "eine ausgewogene Berücksichtigung aller Nutzungsansprüche an den Straßenraum". So fordern es die geltenden Regelwerke. Schwind betonte: "Alle Interessen gleich zu berücksichtigen, ist nicht möglich." Sie verwies auf das Radwegekonzept, das aktuell erarbeitet wird.

Die Mehrheit des Ausschusses folgte den Argumenten der Verwaltung und stellte sich gegen den Antrag und gegen das Wort "gleichermaßen". 2. Bürgermeister Toni Schick (DBK) kritisierte: "Der Antrag wie formuliert, ergibt keinen Sinn." Er sah eine falsche Gleichbehandlung, denn dann könnten Autofahrer fordern, in der Fußgängerzone zu fahren. SPD-Fraktionssprecher Bernd Czelustek sprach sich ebenfalls gegen den Antrag im Wortlaut aus, machte aber klar: "Dem Gedanken, dem Radverkehr mehr Raum und Sicherheit zu geben, schließen wir uns an." Bernhard Schlereth (Freie Wähler) regte an, Fix als Stadtratsbeauftragten für das Thema künftig bei der Planung zu involvieren und Stellungnahmen einzuholen.

CSU-Stadtrat Wolfgang Lutz sieht die Probleme als weniger gravierend. Bad Kissingen sei gut mit Radwegen aufgestellt, in der Stadt sehe er kaum Radfahrer. "Wir müssen nicht überall Radstreifen ausweisen", sagte er, und: "Wir sollten das Thema nicht zu hoch hängen." Parteikollegin Nikola Renner hatte eine andere Meinung. "Wir haben in der Diskussion gesehen, dass der Handlungsbedarf groß ist", meinte sie.

"Ich glaube, die Meinungen des Antragstellers, der Verwaltung und der Fraktionen liegen gar nicht so weit auseinander", sagte 3. Bürgermeister Thomas Leiner (CSU). Er schlug vor, Schwerpunkte zu setzen und vor allem die Radwegeverbindungen zu den weiterführenden Schulen zu verbessern. Oberbürgermeister Dirk Vogel (SPD) erinnerte daran, dass die Stadt zuletzt konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Situation umgesetzt hatte, etwa den Schutzstreifen in der Erhardstraße und indem mehrere Einbahnstraßen entgegen der Fahrtrichtung für Radfahrer geöffnet wurden. Er signalisierte Fix Entgegenkommen und schlug vor, dass künftig in der Entwurfsplanung die Interessen aller Verkehrsteilnehmer im Stadtrat durchgesprochen werden.

Das Gremium stimmte nicht über den Antrag ab, Fix zog ihn nach der Aussprache zurück.