Das ehemalige Kurhaushotel Steigenberger liegt in Trümmern. Ein tonnenschwerer Schutthaufen besiegelt das Aus des Hotels. Siegfried Steinbach, der damalige Betriebsrat, und die letzte Direktorin, Birgit Borchert, erzählen, wie sie die Schließung erlebt haben.
Siegfried Steinbach:
"Es war wie eine Bombe"
Als das Steigenberger geschlossen wurde, verloren 70 Angestellte urplötzlich ihre Arbeit. Der damalige Betriebsrat schildert den Schock und kritisiert die Schließung des Hotels erneut.
Es ist Mai 2010, als eine heile Welt zertrümmert wird. Im Büro von Siegfried Steinbach im Kurhaushotel klingelt das Telefon.
1#googleAds#100x100 Matthias Heck, Finanzvorstand der Steigenberger Hotelgruppe, teilt dem Bad Kissinger Betriebsratsvorsitzenden mit, dass der Konzern den Pachtvertrag mit dem Freistaat Bayern kündigen wird. Steigen berger gibt das Kurhaushotel auf und verabschiedet sich aus Deutschlands bekanntesten Kurort. "Das war für mich wie eine Bombe. Es kam total überraschend, dass mit Steigenberger und dem Freistaat zwei absolut verlässliche Partner den Vertrag aufgelöst haben", sagt Steinbach
heute.
Erst das Jubiläum, dann das Aus
Die Bombe hatte dramatische Folgen und aus dem ehemaligen Bad Kissinger Hotelflaggschiff wurde ein 15 000 Tonnen schwerer Haufen Schutt, Steine und Metall. "Wir als Betriebsrat haben sofort versucht die Politik einzuschalten", erzählt er. Aber ohne Erfolg.
Gleich, wer sich einsetzte, ob Oberbürgermeister Kay Blankenburg (SPD), der Landtagsabgeordnete Robert Kiesel (CSU) oder dessen Kollegin Sabine Dittmar (SPD). Steinbach: "Ich kann unseren Politikern hier keinen Vorwurf machen. Sie haben sich alle bemüht, das Hotel zu erhalten."
Am Ende waren die Differenzen zwischen dem Konzern und dem Freistaat über Investitionen im Brandschutz größer. Zum 31. Oktober 2010 wurde der Pachtvertrag nach 51 Jahren vorzeitig beendet.
70 Angestellte verloren ihren Arbeitsplatz. Der Hotelbetrieb an Bad Kissingens vornehmster Adresse wurde nach 271 Jahren eingestellt.
Steinbach kam im Alter von 32 Jahren zum Steigenberger Kurhaushotel Bad Kissingen. Das war 1979. 32 Jahre lang arbeitete er für das Hotel, leitete den Bereich Einkauf, war Betriebsratsvorsitzender in Bad Kissingen und stellvertretender Vorsitzender des Gesamtkonzern-Betriebsrats.
Steinbach saß 2010 in der Konzernzentrale in Frankfurt mit am Verhandlungstisch, als die Steigenberger AG mit Vertretern des bayerischen Finanzministeriums einen Sozialplan für die Beschäftigten aushandelte. "Es war ein guter Sozialplan", meint Steinbach rückblickend. "Aber er hat einen Arbeitsplatz in keiner Weise ersetzt.
Ältere Mitarbeiter über 50 Jahre hatten danach Probleme eine neue Stelle zu finden." Einzelfälle seien bis heute nirgendwo untergekommen. Der Pachtvertrag, den die Steigenberger-Gruppe mit dem Freistaat geschlossen hatte, wäre eigentlich bis 2025 gültig gewesen. Beide Seiten haben immer wieder in das Gebäude investiert: In den 1950-er Jahren wurde das Kurhaushotel rundum saniert und modernisiert, in den 1980-ern wurde das Restaurant erneuert, die Zimmer wurden
hergerichtet und der Neumann-Flügel renoviert.
Kritik an der Schließung erneuert
Millionen wurden investiert, der Freistaat geht aktuell für Abriss und baufertige Übergabe des Grundstücks mit 35 Millionen Euro in Vorleistung. Der Brandschutz wurde allerdings immer auf die lange Bank geschoben, kritisiert Steinbach.
Ein Privateigentümer hätte vielleicht früher als der Staat gehandelt, die Ertüchtigung wäre dann noch etwas günstiger zu haben gewesen. 2010 war laut Steinbach von Kosten in Höhe von sechs bis sieben Millionen Euro die Rede - vielleicht 16 Millionen Euro, falls unvorhergesehene Arbeiten angefallen wären. "Es ist schwer zu beurteilen, ob die Schließung gerechtfertigt war", sagt der ehemalige Betriebsrat und: "Nach meinem Dafürhalten hat die
Schließung dem Freistaat mehr Geld gekostet." Abgesehen von den Investitionen, die fällig sind, hat der Freistaat 2010 die Sozialkosten für die Angestellten übernommen. Außerdem wurde auch eine Abfindung an den Konzern gezahlt. Das Finanzministerium teilte auf Anfrage mit, "dass sämtliche aus dem früherem Pachtvertragsverhältnis resultierenden, wechselseitigen Forderungen und Verbindlichkeiten bereits seit längerem vollständig ausgeglichen
sind." Über die Höhe der Kosten schweigt sich das Ministerium aus Datenschutzgründen aus.
Selbst wenn die Schließung für den Freistaat ein wirtschaftliches Verlustgeschäft bedeutet: Die Entscheidung ist längst Geschichte, das wird dieser Tage brutal klar. Im Herbst ist die Abbruchfirma angerückt, vor zwei Wochen haben die Bagger damit begonnen, die Fassade abzubrechen.
Seit vergangener Woche ist von dem Kurhaushotel nur noch ein Schuttberg und wenige Meter Mauerwerk geblieben. "Für die Mitarbeiter war das Hotel ein Zuhause, sie haben sich hier wohlgefühlt", sagt Steinbach. Er steht neben dem Bauzaun und betrachtet das Grundstück, auf dem er sein halbes Leben lang gearbeitet hat. Heute macht ihm der Anblick nichts mehr aus.
"Das ist einfach so, wenn man immer wieder an diesem toten Gebäude vorbeiläuft." Anfangs war die Trauer groß. Die ist jetzt verschwunden und hat der Hoffnung Platz gemacht, dass bald ein neuer Investor gefunden wird, der an selber Stelle ein neues Luxushotel betreibt.
Benedikt Borst
Birgit Borchert:
"Folgen unterschätzt"
Birgit Borchert ist die
ehemalige Direktorin des "Steigenberger". Sie erklärt, warum das Geisterhotel eine Gefahr für die Stadt war und wieso Bad Kissingen dringend ein neues 4-Sterne-Hotel braucht.
Birgit Borchert ist wütend. Immer noch. So hätte es damals im Oktober 2010 nicht kommen müssen, meint die ehemalige Direktorin des Steigenberger Kurhaushotels. Plötzlich war alles anders. Sie musste ihre Leute nach Hause schicken und die Gäste abweisen.
"Manche von ihnen sind seit 40 Jahren nach Bad Kissingen gekommen. Das war schwierig für mich", sagt sie. In ein paar Tagen kommt sie nach Bad Kissingen und konfrontiert sich mit den Trümmern des einstigen Luxushotels. Dann will sie für sich abschließen.
Die Konzepte für eine Renovierung waren schon ausgearbeitet. Im November sollte es los gehen. Doch dann kam alles ganz anders und der Pachtvertrag des Hotels wurde zum 31. Oktober 2010 aufgelöst.
"Es hätten Investitionen getätigt werden müssen", sagt Birgit Borchert. "Wir wollten renovieren und sanieren und die Brandschutz-Maßstäbe anpassen." Für sie hätte es mehr Sinn gemacht, das Hotel für diese Arbeiten nur kurzzeitig dicht zu machen. "Es war ein Fehler, das Hotel zu schließen." Und zwar einer, dessen Folgen heute weitreichender seien als gedacht.
"Man hat die Auswirkungen auf die Wirtschaftskraft unterschätzt.
Dieser Tragweite war man sich nicht bewusst", sagt Birgit Borchert. Es sei wesentlich mehr zu verkraften als die Kosten für Leerstand und Abriss. Der Stadt habe die Schließung vor allem wirtschaftlich geschadet. "Meine Gäste haben in Bad Kissingen eingekauft - und nicht wenig." Alle paar Monate ist Birgit Borchert zu Besuch in der Kurstadt.
Wenn sie ein neues "Räumungsverkauf"-Schild in den Schaufenstern sieht, trifft sie das, erzählt sie.
Ihrer Meinung nach muss Bad Kissingen durch die Schließung des "Steigenbergers" einen herben Imageverlust verkraften. "Viele Gäste sind extra für den Sommer- und den Winterzauber angereist. Die kommen jetzt nicht mehr."
Stadt braucht neues Hotel
Was Bad Kissingen brauche, sei "ein sehr gutes
4-Sterne-Hotel". Und das möglichst schnell. "Die Verantwortlichen müssen sich einigen und anfangen. Das Ganze darf jetzt nicht vor sich hindümpeln." Wenn nichts passiere, bestehe die Gefahr, unglaubwürdig zu werden, sagt die ehemalige Direktorin des Bad Kissinger Kurhaushotels. "Das neue Hotel darf nicht hypermodern sein. Es sollte sich harmonisch ins Stadtbild einfügen". Birgit Borchert sieht die Chance, mit einem neuen Haus ein jüngeres Gästeklientel
anzusprechen: "40- bis 50-Jährige, die sich für Konzerte und die Therme interessieren. Bad Kissingen hat so viel zu bieten." Um die Gäste wieder nach Bad Kissingen zu bringen, sei eine Marketingstrategie gefragt.
Zu Hause in Bad Kissingen
Von 2003 an leitete sie das Hotel bis zur Schließung 2010. Birgit Borchert hat in der Hotelbranche an vielen Orten im In- und Ausland gearbeitet.
Seit März 2011 ist sie Direktorin des InterCityHotels in Celle, das zur Steigenberger Hotel Group gehört. Aus der Ferne beobachtete sie die Entwicklung. Bad Kissingen war der erste Ort, an dem sie auch ihre Eltern regelmäßig besucht haben, erzählt sie. Birgit Borchert hat sich in der Stadt wohl gefühlt. "Mein Herz hängt nach wie vor an Kissingen. Es war einfach mein Hotel."
Demnächst will sie sich die Baustelle ansehen.
Wie wird es sein, vor einem Schutthaufen zu stehen, wo noch vor ein paar Jahren anspruchsvolle Gäste ein und aus gegangen sind? "Es ist ein komisches, beklemmendes Gefühl, wenn ich daran denke, wie es sein wird, wenn ich vor einem Nichts stehe." Dennoch. Sie brauche diesen Anblick. "Dann wird mir vielleicht klar, dass das Hotel wirklich Geschichte ist."
Birgit Borchert ist nicht nur wütend. Inzwischen ist sie auch traurig - und gespannt: "auf das was kommen wird".
Carmen Schmitt