Jetzt hat auch der Kissinger Winterzauber 2015/16 seine Sensation: das Stummfilmkonzert mit dem Film "Nosferatu". Der Pianist, Komponist und absolute Stummfilmexperte Carsten-Stephan Graf von Bothmer war mit seinen Kollegen Fanny Rennert (Sopran), Kristoff Becker (Violoncello) und Florian Goltz (Schlagwerk) in das Kurtheater gekommen, um den legendärenFilm von F. W. Murnau zu präsentieren.


Werbung von 1921

Was nicht die große Sensation war, aber eine charmante und unterhaltsame Zugabe, war die Tatsache, dass Bothmer die Aufführung in einen Rahmen stellte, den auch der Film bei seiner Uraufführung im März 1922 im Berliner Primus-Palast hatte: in den Rahmen eines Variété-Abends. So spielte Bothmer mit großer Zuneigung die 4. Ballade von Chopin, zeigte einen dreiminütigen animierten Werbefilm von 1921 der Hamburger Firma Beiersdorf, in dem eine Pebeco-Tube - damals eine bekannte Zahnpasta - mit der Zahnbürste den drillbohrenden Zahnteufel verjagt und erschlägt - und schließlich einen kurzen Trailer aus Harold Lloyds berühmtem Film "Safety last!". Nun gut, Trailer gab es damals noch nicht, aber auch die Eismamsell war gestrichen.


Film wirkt immer noch modern

Die eine Sensation war der Film - Bothmer verwendete die restaurierte und rekonstruierte Fassung von 2006. Es sind nicht nur die technischen Aspekte, die verblüfften: Murnau war etwa der erste, der aus dem Studio herausging und Außenaufnahmen drehte, die das Spektrum enorm erweiterten. Es waren die Nahaufnahmen, Perspektiven, Schattenspiele und Geschwindigkeiten, die das Geschehen absolut spannend machten. Es waren die Genauigkeit und die Tiefe der gesellschaftlichen und psychologischen Aspekte in den Wirren Jahren der Nachkriegszeit, die Murnau in seinem "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens" auf Zelluloid bannte. Und es war eine geniale und präzise charakterisierende Personenregie, dank der Murnau die in Stummfilmen notwendigen mimischen und gestischen Übertreibungen in Grenzen halten konnte.


Keine historische Aufführung

Dass man als Zuschauer auch diese Grenzen akzeptierte und überhaupt nicht in die Versuchung kam, sich darüber zu amüsieren, lag- und das war die eigentliche Sensation - an der Musik. Stephan Bothmer hatte nicht auf die Partitur zurückgegriffen, die Hans Erdmann für die Uraufführung für ein sinfonisches Orchester geschrieben hat und die teilweise auch verloren gegangen ist. Das war auch früher nicht üblich. Vor allem die Filmpianisten spielten in der Regel eigene Versionen.
Mit einer spontan improvisiert wirkenden Musik aus der Gegenwart und damit aus der Erfahrungswelt des Publikums holten Bothmer und seine Leute auch den Film in die Gegenwart, in eine neugierig betrachtende Distanz ebenso wie in eine glaubhafte Emotionalisierung.


Mehr als nur Filmmusik

Es waren keine Nachzeichnungen von Gefühlen, keine bloßen, mit elektronischen Mitteln raffiniert beeinflussbaren Klangkulissen, keine übliche Filmmusik, die im Hintergrund wirkt und die man irgendwann überhaupt nicht mehr wahrnimmt. Die Musik war eine gleichberechtigte Partnerin des Films: Man hätte, vielleicht etwas überspitzt ausgedrückt, auch den Film nach der Musik drehen können. Obwohl die nur auf einer schmalen Basis von ein paar Tönen beruhte. Man müsste die Aufführung noch einmal hören, um das verifizieren zu können, denn die Aufmerksamkeit wurde viel zu sehr hin und her beansprucht, um diesen Aspekt isoliert zu betrachten.
Und sensationell war schließlich auch, mit welcher Konzentration und Aufmerksamkeit die vier Musiker über 93 Minuten ohne Pause ihre Kreativität am Kochen hielten. Natürlich sang Fanny Rennert keine Texte, sondern raumweitende Vokalisen, die die Spannung außerordentlich verstärkten: Nach fünf Minuten war im Kurtheater kein Husten mehr zu hören. Die Annäherung an den vor 95 Jahren gedrehten Film ließ einen derartige irdische Dinge vergessen.