Man nehme: ein bürgerliches Wohnzimmer im England der 1940er mit fünf Ausgängen: zum Hauseingang, hinauf ins Treppenhaus, in die Küche, in den üppigen Garten und dazwischen ein geräumiger Wandschrank für Klamotten und diverse menschliche Wesen. Weiterhin: neun Schauspieler aus der Riege derer, die wie Orchestermusiker den Rhythmus einer Farce aufnehmen und bis zum Ende durchhalten können. Und (erstaunlicherweise): eine eigentlich schon ziemlich alte (75 Jahre) Boulevardkomödie, die am Ende des 2. Weltkriegs Soldaten und Zivilbevölkerung in England bei Laune halten sollte, von Philip King, damals Truppenangehöriger, Ex-Schauspieler und noch recht erfolgloser Dramatiker. Heraus kamen "Lauf doch nicht immer weg!", das diesjährige Sommervergnügen auf der Freilichtbühne des Fränkischen Theaters Schloss Maßbach, und zweieinviertel Stunden reines Vergnügen für die Zuschauer.

Fremde Welt

Der Blick in das von Peter Picciani liebevoll detailfreudig ausgestaltete Wohnzimmer ist da natürlich von Haus aus einer in eine für Deutsche recht fremde Welt: England in ängstlicher Erwartung der hitlerschen Invasion, Mangelwirtschaft, Soldaten überall, ein Kriegsgefangenenlager mit deutschen Soldaten, die ausbrechen könnten, nebenan. In diese fiebrige Atmosphäre hat King seine Geschichte vom Haushalt des braven Dorfpfarrers in Merton-cum-Middlewick gestellt, der eine Frau geheiratet hat, die früher Boulevard-Schauspielerin war und Nichte des amtierenden Bischofs ist. Die zieht sich die Eifersucht und das Missfallen der alten Jungfer Miss Skillon zu, deren Lustobjekt Pfarrer Toop vor der Verheiratung dieses arglosen Amtsträgers war, weshalb sie seine unkonventionelle und flippige Frau Penelope von Herzen hasst, was auf Gegenseitigkeit beruht. Vor allem als deren früherer Schauspielerkollege Corporal Clive Wintone in die nahe Garnison verlegt wird, unverhofft bei ihr hereinschneit, als der Pfarrer außer Haus ist, und die ehrbare Jungfer die beiden beim Wiederholen einer verfänglichen Szene aus einem ihrer früheren Erfolge überrascht. Dann kommen ein Bischof zu früh, ein Deutscher immer ungelegen, ein Aushilfsprediger rechtzeitig und ein Sergeant auf Ausbrecherjagd - und es stehen vier Pfarrer und ein Bischof auf der Bühne. Drumherum schwirrt das freche und mannstolle Dienstmädchen Ida, das jede Situation zu retten und den feschen Corporal zu angeln versucht. Und es kommt Pointe auf Pointe, von denen jede sitzt, und herrliche Verwicklungen, Verdächtigungen, Verkleidungen, die das Geschehen auf einer Woge von Gelächter aus dem Publikum in immer verrücktere Wendungen treiben, bis (einem Pfarrerhaushalt angemessen) die Kirchenglocken Ruhe und Ordnung in dem verschlafenen englischen Dorf wiederherstellen.

Stets das richtige Tempo

Regisseur Ingo Pfeiffer hat es in jeder Minute geschafft, das richtige Tempo zu finden, Handlung und Schauspieler in Bewegung zu halten. Und er brauchte dazu nicht das Mittel der slapstickhaften Übertreibung, sondern er ließ seine Truppe die Gestalten als Charaktere finden und diese ausspielen, sodass sie nicht bloße Stichwortgeber und -nehmer im Dialog-Getriebe sind, sondern erkennbare Personen trotz allen Trubels.

Lust an Bewegung

Er selbst spielt den Sergeant Towers in schmucker Uniform und würdevoller Pose, der natürlich den gefährlichen Ausbrecher stellt, den Simon Zimmermann sehr umsichtig, mit klar herausgespieltem Wechsel zwischen Brutalität, Verbohrtheit und tief sitzender Angst gibt. Für die Rolle des Pfarrers Lionel Toop hat er Andreas Heßling zur Verfügung, der dessen innere Festigkeit, liebenswerte Weltfremdheit, äußerliche Schüchternheit, aber tiefe Erschütterung angesichts der vermeintlichen Untreue seiner Frau überzeugend verkörpert und auch alle Kapriolen des turbulenten Höhepunkts der Aufführung genüsslich mitmacht. In letzteren wird er nur übertroffen von Benjamin Jorns, der mit seiner Lust an Bewegung überall gleichzeitig zu sein scheint, aber auch die kumpelhafte Freundschaft mit der Pfarrersfrau und seine Skrupel als Auslöser der Wirren überzeugend auf die Bühne bringt.

Boshaft und skurril

In der Rolle der Penelope konnte Inka Weinand endlich mal wieder ihre große Bühnenpräsenz und Spiellust zeigen, ihre Pfarrersfrau war ebenso boshaft wie skurril wie sympathisch unkonventionell und moralisch unantastbar. Marc Marchand spielte mit viel Gusto, Körpereinsatz und Vergnügen an dessen lächerlichen Seiten den pompösen Bischof von Lax, Georg Schmiechen den Aushilfsprediger Arthur Humphrey mit präzise dosierter Komik. Susanne Pfeiffer schaffte es als Dienstmädchen Ida mit rheinischem Dialekt die bodenständige und gleichzeitig geistig überaus fixe Person im nur vermeintlichen Hintergrund zu geben, wie immer absolut überzeugend in ihrer Körpersprache und Mimik. Und Angela Koschel-de la Croix? Sie zeigte mal wieder, was sie draufhat und was sie alles abrufen kann aus ihrer langen Bühnenerfahrung. Und dass sie eine ständig störende, ebenso weltunerfahrene wie halsstarrige Alte umwerfend gibt und bei dem hohen Tempo der Aufführung quicklebendig und absolut souverän mitspielt.
Dem wunderbaren Sommerhit, der da in Maßbach Premiere hatte, kann man nur weiterhin ein Publikum wünschen, das voller Begeisterung die Truppe Mal um Mal mit Bravos und Trampeln auf die Bühne holt und dann, fast müde vor Lachen, gutgelaunt nach Hause geht.