"Welche Droge passt zu mir?" Eigentlich eine ganz einfache Frage. Und trotzdem verblüffend. Hat man sich die schon mal gestellt? Nein? Dann wurde es höchste Zeit. Man musste sich nur in das Theater Schloss Maßbach begeben, zur Besonderen Reihe im Intimen Theater. Dort konnte man mit einer Antwort rechnen. Denn Kai Hensel hat vor zehn Jahren einmal einen Monolog genau zu dieser Frage geschrieben. Vanessa Ziems, die Regieassistentin des Hauses, hat diesen Text für ihre erste eigene Inszenierung ausgewählt - ein durchaus mutiger Schritt - und mit Anna Schindlbeck auf die Bühne gebracht.

Es wurde ein Abend der zwei Erfahrungsebenen. Da war zum einen der Text. Der Hamburger Kai Hensel (*1956) legt ihn Hannah in den Mund, einer 32-jährigen Hausfrau. Sie lebt in einem noch nicht abgezahlten Haus mit ihrem Ehemann Stefan, einem Sicherheitsingenieur in einem Aluminiumwerk, und ihrem siebenjährigen Sohn Pascal, der musisch begabt ist (ausgerechnet Blockflöte) und von seinen Klassenkameraden handgreiflich gemobbt wird. Sie will es allen recht machen, eine gute Ehefrau und Mutter sein, auch wenn sie, im Gegensatz zu ihrem Mann, kein zweites Kind will.

Aber gleichzeitig will sie aus dieser kleinbürgerlich engen Welt ausbrechen. Aber sie schafft es lange nicht, die letzte Tür zu öffnen, den ersten Schritt zu tun. Erst als sie einem Lehrling begegnet, der mit seiner Firma das Dach des Hauses repariert und dem sie die erste Ecstasy-Tablette abkauft, gerät sie unwiderruflich auf die Drogenspur, wandert von einem Stoff zum anderen, von Cannabis bis LSD, wenn die Wirkung nachlässt, findet mit ihren immer größeren Pupillen die Welt immer schöner - zumindest die, die sie sich zurechtfantasiert. Ob sie am Ende da rauskommt?

Der Anfang ist jedenfalls noch harmlos, fast friedlich. Hannah taucht im Zuschauerraum auf wie eine Fortbildungsreferentin, die etwas über Drogen erzählen wird, begrüßt die Gäste, widmet sich ihrem Stehtisch und Laptop. Und dann beginnt sie, ein bisschen pathetisch, zitiert Seneca: "Nur Kleinmütige und Schwächlinge wählen den sicheren Pfad. Der Held geht über den Gipfel." Oder "Für ein Schiff, das seinen Hafen nicht kennt, weht der Wind nie günstig." Sie kommt auf das Thema des ersten Schrittes, zu dem der Mut fehlt, fordert das Publikum auf, sich an eigenes Schrittversagen zu erinnern. Und dann ist sie mittendrin in den Drogen, in den Türöffnern.

Genaue Recherche

Kai Hensel hat offenbar sehr gut recherchiert. Aus einer eigenen Drogenkarriere kann er die ganzen Fakten und Details, die Chemie und die Nachwirkungen nicht kennen. Aber er will sie natürlich alle unterbringen, und zwar für alle aufgeführten Drogen. Da kann man sich schnell wie in einer Vorlesung über Toxikologie fühlen. Und dann müssen ja auch noch die verschiedenen Wirkungen gezeigt werden.

Das ist ganz schön viel für eine einzelne Person. Aber ihr bleibt auch einiges erspart. Etwa die Reaktion ihrer Umgebung auf ihr Verhalten. Natürlich ist das in einem Monolog so eine Sache. Aber diese Reaktionen spiegeln sich auch nicht in Hannahs Welt. Wir erfahren auch nicht, wie sie, der schon ein Fünf-Tage-Urlaub in Büsum zu teuer ist, ihre Drogen finanziert. Wir wissen nicht, wie sie noch einmal schwanger geworden ist, aber nicht von Stefan, sondern von einem Äthiopier, vielleicht einem Dealer, den sie gegen ihre Restvernunft mit "Naturalien" bezahlt hat. Und wir wissen nicht, wie sie zu Tode kommt. Allerdings: So wie sie sich ihre Beerdigung erträumt, hat die kleinbürgerliche Gesellschaft sie sich wiedergeholt: "De mortuis nil nisi bene" (Über Tote redet man nur gut). Sie war eine großartige Ehefrau und Mutter. Immerhin wissen wie jetzt einiges mehr über die Chemie der Drogen.

Ehrlich gesagt: Wenn man Kai Hensels Monolog nur gelesen hätte, hätte man ihn wahrscheinlich irgendwann zur Seite gelegt, denn so genau will man das alles nun auch wieder nicht wissen. Vor allem aber: Die einzelnen, wie in einer Vorlesung streng voneinander getrennten Kapitel über die einzelnen Rauschmittel beginnen sich relativ schnell zu ähneln. Sie drehen sich im Kreis, ohne zur Spirale zu werden. Den Schluss hätte man verlustfrei auch streichen können.

Aber zum Glück wurde der Monolog inszeniert und gespielt. So drängte sich die Umsetzung immer mehr in den Vordergrund. Und die war wirklich spannend. Denn Vanessa Ziems schaffte nicht nur einen guten, fast unmerklichen Übergang von der geschniegelten Fortbildungsreferentin zum Junkie zu gestalten, sondern diese beiden Ebenen wachzuhalten. Was nicht ganz einfach war, denn konkret konnte die "cleane Referentin" nicht einfach zurückkehren. Zum anderen gelangen ihr ganz erstaunliche Choreographien zu den einzelnen Drogen.

Steter Blickkontakt

Und Anna Schindlbeck ist belastbar. Ihr gelang eine ungemein energetische Umsetzung dieser Ideen. Sie legte ein enormes Tempo vor und hielt es auch durch - immerhin eine gute Stunde. Sie spielte unglaubliche Nuancen der Drogenräusche aus, arbeitete mit kleinsten mimischen Mitteln (das geht halt auch gut im Intimen Theater), aber auch mit erstaunlicher Akrobatik und Balance. Sie taumelte zwischen Drogeneuphorie und Abstürzen in die Verzweiflung, sie zerfällt gleichsam vor den Augen der Zuschauer, klammert sich immer erfolgloser an ihre Vorstellungen von ihrer befreiten Welt. Sie schaffte es, auch den einen oder anderen satirischen Aspekt herauszuarbeiten in dieser humorlosen Welt. Und sie ließ das Publikum nicht aus, band es mit ständigem Blickkontakt an sich. Und sie spurtete mit einer enormen durchgängigen Konzentration ohne jede Havarie durch den mit chemischen und psychologischen Fachbegriffen gespickten Text. Nur eines hat sie nicht geschafft: Ihre Pupillen haben den ganzen Abend über ihre Größe nicht verändert. Es war halt alles nur gespielt.

Es ist wirklich kein heiteres, harmloses Thema, das da verhandelt wird. Aber was Vanessa Ziems und vor allem Anna Schindlbeck daraus gemacht haben, mit welcher Intensität sie in die Psyche einer drogensüchtigen, am Ende dem Heroin ausgelieferten Frau eindringen, das ist eine Form von Theaterkunst, die man nicht alle Tage sieht.

Wer sie verpasst hat, bekommt noch mal eine Chance, denn dieser Ritt in die Drogenwelt wird wiederholt: am Samstag, 13. November, um 19.30 Uhr im Intimen Theater. Atemschutzmaske und starke Nerven sind mitzubringen.