Ich gebe zu, meine erste Begegnung mit Peter Pan liegt in einer ziemlich vergangenen Welt voller Nebel. Das muss Anfang der 60-er Jahre gewesen sein, als mir jemand - ich weiß nicht mehr, wer das war, irgendein Bekannter - von einem Buch von einem schottischen Schriftsteller namens Sir James Matthew Barrie vorschwärmte, der zu Beginn des Jahrhunderts - damals war es noch das 19. - einer der Pioniere der Fantasy-Romane für junge Leser gewesen sei - er drückte das damals anders aus. Und dieser Bekannte erzählte mir den Inhalt des Romans derart verworren, dass ich überhaupt nichts kapierte.

Dass es da offenbar um einen Jungen ging, der nicht alt werden wollte, habe ich nicht begriffen. Und deshalb hat mich das als Zehnjährigen nicht so brennend interessiert. Ich hatte andere Probleme, und ich war alt genug. Als ich später das Buch selbst in die Finger bekam und darin las, war es allerdings nicht viel anders. Ich verstand nicht viel mehr, und ich begriff, dass es meinem damaligen Informanten auch nicht anders gegangen war: eine wilde Folge von kleinen Episoden, die sich Kinder zusammenreimen können, die dem Augenblick geschuldet sind und die keinen roten Faden haben. Müssen sie auch nicht, denn sie zielen am Ende nicht auf eine Moral, sondern auf die Erkenntnis: Es gibt Kinder - eines davon ist Peter Pan - die es möglichst vermeiden wollen, erwachsen zu werden. Und das ist kein moralisches Fehlverhalten.

Deshalb war ich erleichtert, als die Nachricht kam: Christian Schidlowsky inszeniert eine eigene Bühnenfassung als Kinderstück der Maßbacher in der Weichtunger Dorfhalle (das Schweinfurter Theater ist ja bekanntlich zurzeit geschlossen). Der ist ein Fachmann für schwierige Bücher - man denke nur an seine fabelhafte Inszenierung von "Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone" über einen jungen Autisten.

Meine Hoffnung, dass ich dieses Mal in der Begegnung mit Peter Pan ein bisschen schlauer werde, hat sich reichlich erfüllt. Ich habe verstanden, dass ich nicht immer alles verstehen muss, dass ich auch mal die Fantasie von der Leine lassen sollte ohne zu kontrollieren, wohin sie eilt, dass ich einfach auch mal Konstellationen und Situationen genießen kann, ohne das Weltgefüge im Blick zu haben (es gibt schon genügend kluge und unsinnige Deutungsversuche).

Ich gehöre ja nun schon einige Jahre nicht mehr zur Zielgruppe des Kindertheaters, aber ich habe mich köstlich amüsiert. Und ich war dankbar für die Bühnenadaption, die den Genuss in einer Stunde konzentrierte. Das Lesen hätte - mit mehrfachem Beiseitelegen - mehrere Tage gedauert.

Sparen wir uns an dieser Stelle den Einstieg in den Inhalt. Dazu passiert einfach zu viel, dazu gibt es einfach zu viele Rollen, die rasch wechseln. Und man muss es auch nicht, da es keine wirklich zielgerichtete Handlung gibt, an die man sich anhängen könnte. Und ein bisschen kann man sich an den Hauptfiguren orientieren. Denn in dem Haus auf Nimmerland treffen wir auf Wendy und John, auf George und den Jungen, der kein Wort redet, auf Captain Hook und seine Piraten, auf die bösen Jungs und die Fee Tinkerbell, die man, zumindest als Erwachsener, aber nie zu sehen bekommt. Und das Toben der Fantasie kann beginnen.

Christian Schidlowsky hat dankenswerterweise den Text mit kräftigen Strichen und Anpassung in die Gegenwart der Kinder geholt, hat eine Umgebung geschaffen, mit der sie etwas anfangen können. Denn das Stück spielt in einem eingemotteten Krankenhauszimmer, in dem vier Menschen, alle zeitgemäß mit Atemschutzmasken, zusammenkommen, in dem sie sich vor vielen Jahren als Kinder und junge Patienten kennengelernt hatten. Und plötzlich beginnen sie zu spielen, erinnern sich an die wilden Fantasiegeschichten, die sie damals über die Betten getrieben hat. Aber ganz dürfen sie sich nicht darin verlieren, wenn Wendy - man kennt das, wenn Eltern ins Kinderzimmer kommen - plötzlich ein harsches "Aufräumen!" brüllt. Lange hält das aber nicht vor.

Es ist erstaunlich, wie gut es Alexander Baab, Tonja Fechter, Yannick Rey und Georg Schmiechen gelingt, sich in Kinder zurückzuverwandeln, ohne ihre Identität als Erwachsene aufzugeben. Sie toben mit größter Konzentration und zum Teil erstaunlicher Akrobatik in Höchstgeschwindigkeit über die Betten und durch den Text und lassen ihr Vergnügen an ihrem Spiel und an den ganzen Ideen deutlich spüren. Sie scheinen die blitzschnellen Verwandlungen wirklich zu genießen und das mitunter comichafte Spiel, bei dem man plötzlich jede Menge Seufz-, Stöhn- und Sprechblasen vom Bühnenhimmel herabhängen zu sehen glaubt. Da kann man sich als Zuschauer keinerlei Abschweifungen erlauben - und man will es auch gar nicht. Natürlich haben die Kinder schnell ihre Lieblinge entdeckt.

Man muss aber auch sagen, dass ein solches Spiel ohne die "Zutaten" so nicht möglich wäre. Peter Picciani hat ein eigentlich einfaches, aber höchst raffiniertes Bühnenbild entworfen, das ganz schnell zwischen realer und Traumwelt changieren kann, ohne sich groß zu verändern: drei eiserne Betten mit Rollen, die immer neue Räume und Podien schaffen - oder Inseln oder, mit schnell verknoteten Laken, ein Piratenschiff - oder ganz einfach Rückzugräume in einem unordentlichen Kinderzimmer. Und im Hintergrund zwei große Fenstertüren, die einen Kontakt zur vernebelten, fernen Realität schaffen.

Jutta Reinhards Kostüme sind nicht nur fantasievoll auf die einzelnen Typen zugeschnitten, sondern sie erleichtern auch das schnelle Erkennen der wechselnden Rollen, in die ihre Träger schlüpfen. Und Kathrin Hartmann hat die Herausforderungen an die Requisite glänzend gelöst: aus dem HNO-Spiegel des Doktors wird mit einem einzigen Handgriff die schwarze Augenklappe des Oberpiraten Captain Hook. Und wenn dann auch noch aus seinem rechten Ärmel anstelle der abgehackten Hand der gefürchtete eiserne Haken herausschaut, dann wird's gruselig - auch wenn der Haken nur ein abgeschraubter Schirmgriff ist. Die Phantasie ist ein fleißiger Helfer.

Als die drei Geschwister das wieder hergestellte Krankenzimmer verlassen, bleibt George - er ist Peter Pan - zurück. Und ich bleibe zurück mit einem Problem. Jetzt weiß ich, wie das mit Peter Pan ist. Doch ich weiß nicht mehr, wie weit ich erwachsen geworden oder Kind geblieben bin, wann ich vielleicht erwachsen geworden bin. Aber ich habe mich auf einen Kompromiss mit mir verständigt: Solange ich so herzhaft über eine solche Inszenierung für Kinder lachen kann, bin ich vielleicht erwachsen, aber immer noch Kinds genug.

Übrigens: Theaterpädagogisches Material lässt sich problemlos von der Homepage des Maßbacher Theaters herunterladen.