Es werden gar nicht erst heitere Erwartungen geweckt. Wer den Zuschauerraum des Intimen Theaters betritt, schaut im Halbdunkel auf ein Bühnenbild, das das Gemüt herunterzieht: ein schmuckloses, in jeder Hinsicht lustfeindliches Zimmer in einem heruntergekommenen amerikanischen Motel. Daneben, abgetrennt durch eine verschiebbare Wand mit einer Tür und einem Fenster mit einer Privatheit heuchelnden Phantasie, eine verhauene Rezeption. Davor, sinnentleert wirkend, ein Laufstall mit einem Gunmmitier, das vergeblich auf ein Kind wartet. Das ist eine Umgebung, in der ein Happy End nicht möglich ist.
Das glückliche Ende bleibt ja auch aus. Kein Wunder, wenn man die Leute sieht, die diese Szenerie bevölkern. Das ist Denise, eine, wie sie sich selbst einredet, ehemalige drogenabhängige Prostituierte, die meint, dass sie schon ein geordnetes Leben führt, wenn sie sich ein paar Mal um eine Arbeitsstelle bewirbt. Und da ist ihr Freund R. J., der bis vor kurzem noch im Knast saß und jetzt immerhin ein paar Gelegenheitsarbeiten gefunden hat. Er verliert sich völlig in der abgefuckten, abgewrackten Welt der TV-Reality-Shows. Und obwohl aus dem Fernseher nur ein permanentes "Blablabla" in allen Tonlagen kommt, ist R. J. gefesselt, weil er sich auskennt, weil da Menschen vorgeführt werden, denen es genauso geht wie ihm. Und er glaubt, sein Leben habe schon deshalb einen Sinn, weil er ständig erfolglos versucht, bei den Sendern anzurufen und zu erklären, dass das Leben doch ganz anders als das Fernsehen ist.

Enttäuschte Erwartungen

Denise und R. J. sitzen fest in dieser Trostlosigkeit des Motels. Denn sie warten auf Helen, eine Sozialarbeiterin, die ihnen ihr Kind weggenommen und in eine Pflegefamilie gegeben hat. Die beiden halten sich an dem Gedanken fest, dass Helen ihr Kind mitbringt, wenn sie kommt, weil doch bei ihnen mittlerweile wieder alles in Ordnung ist. Um so desaströser ist die Enttäuschung, als sie ohne Kind kommt. Sie kann ihre Verachtung für die Eltern kaum verbergen, verschanzt sich aber auch hinter den gesetzlichen Regelungen, obwohl sie immer wieder den Eindruck erweckt, als liege die Zukunft des Kindes in ihrer Entscheidung. Und dazu ein junger, halbdebiler, drogenzerstörter Portier, der sich schon aus persönlicher Überforderung aus allem raushalten will, sich aber schließlich mit den jungen Leuten solidarisiert - immerhin.

Ein großartiges Stück Theater

Das klingt nicht sonderlich verlockend, was der Kanadier George F. Walker in sein Stück "Problemkind" gepackt hat, das jetzt im Intimen Theater Premiere hatte. Aber dem Autor aus Toronto ist ein außerordentlich fesselndes, spannendes Stück Theater gelungen, dem man sich nicht entziehen kann. Das ist ein Blick in eine soziale Welt am untersten Rand der Gesellschaft, der, ganz undeutsch, ohne jeden moralischen Zeigefinger auskommt, der diese Menschen in ihrer psychischen und gesellschaftlichen Verwirrtheit ernst nimmt, der sich nie über sie lustig macht - auch wenn man durchaus manchmal lachen kann - , der sie nicht beschädigt. Das ist bestens gebautes, intensives Theater, das seine Spannung nicht nur aus den Beziehungen, sondern auch aus der überraschenden Handlung bezieht. Und das zeigt, wie schnell aus geistiger Unbedarftheit Anarchie werden kann.
Sandra Lava hat diese Intensität in ihrer Regie bis in die letzte Nuance auf die Bühne gebrac ht, hat mit einem perfekten Timing dieses Taumeln zwischen Glückserwartung und Enttäuschung, dieses Aufrappeln und Abstürzen absolut stimmig gestaltet, hat in einer minutiösen Personenregie jede Nuance herausgearbeitet und zugelassen, ohne je auch nur in Richtung Karikatur zu geraten.

Konzentrierte Umsetzung

Und sie hat ein höchst konzentriertes Quartett,, das ihre Konzeption umsetzt: allen voran Silvia Steger, die die Angst der Denise als Mutter , die um alles in der Welt ihr Kind wieder haben will, und die Vereinsamung neben dem TV-fixierten R. J. bestürzend realistisch spielt. Den zeigt Nilz Bessel als ihren nervösen Partner, der vor der Last der Realität in sein Fernsehreich flüchtet, wo er zumindest am Telefon so gerne pseudovernünftig den dicken Max machen würde, wenn ihm nur jemand zuhören würde. Iris Faber als Sozialarbeiterin Helen und Benjamin Jorns als Portier Phillie beginnen von ihren Rollen her verhalten, aber sie laufen zu großer Form auf, als etwa Phillie eine kurze Vernunftattacke erleidet...
Aber es soll nicht zuviel verraten sein vom Ausgang dieser großartigen Produktion, dieses bestürzend mitreißeen Ausflugs ins Prekariat.