"Urmel aus dem Eis", das ist ein Begriff, den wirklich jeder Mensch (in Deutschland) kennt, auch die Leute, die schon aus dem Kinderbuchalter heraus waren, als Max Kruse den ersten seiner zwölf "Urmel"-Bände schrieb. Den letzten Band aus dieser "Dodekalogie", "Urmel saust durch die Zeit", erschien 2013. Da war Max Kruse schon 92 Jahre alt. Zwei Jahre später ist er gestorben. Dass sein Urmel weiterlebt, hat er allerdings nicht so sehr den Büchern, sondern der Augsburger Puppenkiste zu verdanken. Denn die hat diesem seltsamen Gesellen und seinen Kompagnons zu außerordentlicher Popularität verholfen.

Das war, wenn man es recht bedenkt, allerdings auch nötig. Denn wenn man das Buch aufschlägt, glaubt man feststellen zu können, dass Max Kruse erst in die Fantasiewelten der Kinder hineinwachsen musste Er hat das Buch - für Kinder ab fünf Jahren - vollgepackt mit Handlungssträngen und Personen, dass man auch als einigermaßen geübter Leser sogar in der Zusammenfassung bei Wikipedia schnell die Übersicht verliert.

Warum muss zum Beispiel der Seelefant mit seinem ö-Sprachfehler und einem verballhornenden Text Richard Wagners "Gralserzählung" aus dem "Lohengrin" parodieren: "An förnöm Ort, onnahbar eurön Flossön"? Man sieht Max Kruse geradezu, wie er sich grinsend die Hände reibt. Manche Witze schreibt man halt vor allem für sich selbst.

Gnadenlos gekürzt

Aber wie dem auch sei, das kann uns vollkommen ungerührt lassen, denn Stella Seefried hat für das Kindertheater auf der Freilichtbühne eine Fassung erarbeitet, die geradezu mitreißend ist - nicht nur für Kinder, sondern auch für deren Eltern und Großeltern.

Da ist gnadenlos alles gestrichen oder gekürzt, was für die Handlung nicht zwingend notwendig ist, seien es Figuren oder Handlungsnebenstränge. Dadurch ist beispielsweise das Vorspiel entfallen, die Aufklärung darüber, was es mit dem Urmel überhaupt auf sich hat, wie es entstanden ist.

Aber das interessiert die Kinder auch nicht, die halten sich mit solchen Fragen nicht auf, die jubeln, wenn das Urmel erst als Ei aus der Eisscholle und dann aus der Eierschale als lebendes Wesen auftaucht und ganz einfach da ist.

Und sie müssen auch nicht wissen, warum der Urmelforscher Professor Habakuk Tibatong den Tieren, die um ihn auf der Insel versammelt sind - als das Hausschwein Wutz, Ping Pinguin, Wawa der Waran und der Seelefant - das Sprechen beibringen will. Es genügt zu wissen, dass sie es können, wenn auch jedes mit einem typischen Sprachfehler.

Beim Zuschauen außer Atem

Stella Seefried setzt auf eine gnaden- und pausenlose Situationskomik. Sie weiß, dass Kinder viel ertragen, nur keinen Stillstand auf der Bühne. Und da zieht sie wirklich alle Register, um ihr Publikum beim Zuschauen ein bisschen außer Atem zu bringen. Da ist nicht nur eine fantastische, witzige ständige Geräuschkulisse (Timo Kampenga), da sind nicht nur die stimmigen Tier- und Menschenkostüme (Daniela Zepper und Daniela Schüller) und die märchenhafte, ein bisschen verrumpelte Bühne von Jörn Hagen und Christian Lingg.

Sondern da ist halt auch eine Truppe, die sich aus Überzeugung und Spiellaune ins Zeug schmeißt. Und die bis zum Schluss hochkonzentriert bei der Sache ist, nicht nur wegen es enormen Tempos, sondern auch wegen der tückischen Sprachfehler.

Da ist Susanne Pfeiffer als Professor Habakuk Tibatong, ein bisschen chaotisch und unordentlich aber immer lösungsorientiert bei den ganzen überfallartig auftauchenden Problemen. Da ist Benjamin Jorns als Hausschwein und Haushälterin Wutz, eine Ordnungsfanatikerin, die sich erst entsetzt, dann aber mit Herzblut der Betreuung des Urmels annimmt. Da ist Anna Schindlbeck, die mit großen Augen und ebensolcher Naivität durch die Welt tapst, weil sie das Böse noch nicht kennt.

Das sind Silvia Steger als Ping Pinguin und Katharina Försch als Wawa, der Waran, deren Hauptaufgabe es zu sein scheint, sich um Wawas Schlafgelegenheit, eine "Matratzenauster" zu streiten. Und da ist Marc Marchand zum einen als Seelefant, der nur im äußersten Notfall seinen Felsen verlässt und der alles kann außer schnell.

Und zum anderen als abgesetzter König Pumponell der Fünfundfünfzigste, der auf die Insel gekommen ist, um im Auftrag des Museums Urmel zu jagen, der sich aber, weil er nicht anders kann, von seinem Vorhaben absieht, und, selbst erleichtert, wieder verschwindet. So kann die sechsköpfige lustige Schar ausgelassen den Sieg der Freundschaft über den Hass und die Gewalt feiern. Klar, dass da das Publikum begeistert einstimmt.

Kindertheater ist halt immer eine tolle und ungetrübt begeisternde Sache, wenn man sie ernst nimmt. Bleibt nur eine Frage: Warum hat Wutz eigentlich keinen Ringelschwanz?

Das Programm und Tickets gibt es online unter www.theater-massbach.de