Die Reichenbacherin Birgit Döhler ist von Kindesbeinen an der Musik eng verbunden. Ihre Musikalität wurde schon im Elternhaus früh gefördert. Ihre Begeisterung für die Musik möchte sie an die junge Generation weitergeben.

Sie stammen aus einem musikalischen Elternhaus. Wie alt waren Sie, als Sie mit der Musik begannen?
Birgit Döhler: Ich denke, ich war fünf Jahre. Es war im Kindergarten, da wurde für alle Blockflöte angeboten. Danach habe ich an der Musikschule Münnerstadt weitergemacht. Mit acht Jahren habe ich mit der Klarinette angefangen. Viel später kamen dann noch Saxophon und Klavier dazu.

Gab es bei Ihnen einmal die so gefürchtete Flaute?
Eine Flaute hat es nie gegeben. Das lag aber auch am Elternhaus, weil die Musik schon sehr früh einfach zum Alltag gehörte. Immer nach den Hausaufgaben ist geübt worden. Als Alternative gab es noch das Spülen. Da war klar, welche Alternative gewählt wurde. Das war auch gut. Eine Flaute gab es allerhöchstens nach dem Studium. Die war aber nicht absichtlich. Da habe ich nur gemerkt, dass ich vor lauter Unterrichten gar nicht mehr selbst zum Üben kam.

Wann war Ihnen klar, dass Sie die Musik zum Beruf machen möchten?
Es war mit 16 Jahren nach der Realschule. Es gab noch eine Alternative. Das war eine Schreinerlehre gewesen. Diese hätte ich auch sehr gerne gemacht. Aber ich habe die Aufnahmeprüfung an der Berufsfachschule für Musik in Bad Königshofen bestanden. Dann wurde es die Musik. Die Entscheidung habe ich bis heute nicht bereut.


Die Nachfrage ist groß

Ist es heute schwieriger, ein Kind für ein Musikinstrument zu begeistern als früher?
Nein, das glaube ich nicht. Die Nachfrage ist ganz, ganz groß. Es liegt ein bissle daran, dass Musik hier in der Gegend ganz stark verankert ist. Ich bin zum Beispiel auch im Kindergarten mit der Früherziehung. Es ist alles vor Ort, da ist es kein großer Act für die Eltern. Das Angebot ist einfach da und ist entsprechend günstig. Es muss aber nahe an den Kindern sein. Dann machen sie es gerne; sie haben wahnsinnig Spaß daran.

Ist das Kindergartenalter der richtige Zeitpunkt für den Musikunterricht?
Ja, aber es kommt darauf an, was man macht. Für die musikalische Früherziehung ist es genau richtig. Wenn manche Kinder schon Blockflöte spielen möchten, kann man das machen. Wenn jemand aber schon mit drei Jahren Klavierspielen oder ein Blasinstrument erlernen will, versuchen wir das umzumodeln auf später, weil einfach die Finger noch zu klein sind oder die Lunge noch nicht da ist. Bei der Klarinette zum Beispiel braucht man die zweiten Zähne. Dann gucken wir, ob etwas anderes auch Spaß macht.


Singen ist wichtig

Wie wichtig ist der Musikunterricht in der Schule?
Das fängt eigentlich schon im Kindergarten an. Wir sagen immer: "Singt ganz viel mit den Kindern, je mehr desto besser." Das gilt dann auch für die Grundschule. Man hat gemerkt, dass die Kinder teilweise die Kinderlieder nicht mehr kennen, weil auch daheim nicht mehr gesungen wird. Es ist ganz wichtig, dass die Freude an der Musik, am Selbst-Tun angeregt wird. Wir unterstützen die Schulen mit dem WiM-Projekt, Die Grundschullehrer sind dankbar, dass ein Profi von der Musikschule kommt. Da wird ganz viel mit den Kindern gemacht. Es werden dann wieder die Instrumente wie Trommel, oder Xylophon genutzt, die manchmal jahrelang im Schrank gestanden haben. Die Kooperation mit den Lehrkräften erlebe ich als super.

Warum sollten Kinder auf jeden Fall ein Musikinstrument lernen?
Es klingt vielleicht abgedroschen, aber es ist einfach so: Sie lernen ganz viel Disziplin, sie lernen, sich zu konzentrieren, und sie lernen die Freude am Tun. Am Anfang kommen nur Töne heraus, dann wird es leichter und dann der Knackpunkt, wenn ich mit einem Instrument viel mehr ausdrücken kann - und das auch gemeinsam. Das ist eine tolle Erfahrung .

Was können die Musikvereine tun, um junge Musiker zu halten?
Eine ganz fundierte, gute Musikausbildung ist wichtig. Viele Vereine arbeiten mit Musikschulen zusammen - wir haben ja das Glück, dass wir drei Musikschulen im Landkreis haben. Einige machen es auch mit privaten Ausbildern. Da kenne ich auch einige, und die machen es auch sehr gut. Die Vereine müssen auf Qualität achten und auf die Art der Musik, die sie anbieten. Beim Repertoire müssen sie an den Jugendlichen dranbleiben, also nicht nur Marsch, Polka, Walzer.


Gemeinsame Aktivitäten

Gibt es noch andere Faktoren, die einen Musikverein für den Nachwuchs attraktiv machen?
Gerade für Kinder und Jugendliche ist es wichtig, dass sie auch noch etwas außermusikalisch gemeinsam machen, dass man zusammen mit dem Musikverein auf ein Fest geht oder gemeinsam ein Konzert besucht oder auch nur zusammen feiert. Man muss versuchen, die Gemeinschaft der Jugendlichen zusammenzuschweißen. Wichtig ist aber auch, dass man als älterer Musiker auf die Jugendlichen zugeht und sie wirklich aktiv in Gespräche mit einbindet. Das fehlt vielleicht manchmal. Und man sollte den Nachwuchs möglichst schnell spielen lassen, auch wenn es nur in einer kleinen Gruppe ist. Das geht schon mit vier Leuten.

Ist Blasmusik für junge Menschen heute überhaupt noch interessant?
Wir erleben gerade den Trend, dass viele Jugendliche total begeistert sind von der Blasmusik. Jugendliche von hier gehen auf das Woodstock der Blasmusik. Es ist wie ein Rockfestival, halt nur, dass da Blasmusik-Bands spielen. Nach den Konzerten geht es auf den Zeltplatz, wo selbst gespielt wird. Es herrscht eine Wahnsinns-Stimmung. Diese Begeisterung bringen die jungen Leute dann mit heim und tragen sie in ihre Vereine. Es ist jetzt wieder ganz oft so, dass alte Stücke wie "Auf der Vogelwiese ging der Franz" von den jungen Leuten verlangt werden. Es ist ja auch so, dass die jungen Leute wieder Dirndl und Tracht tragen und aufs Oktoberfest gehen. Es ist einfach in.


Sorgen in den Vereinen

Sehen Sie da auch eine positive Entwicklung für die Musikvereine?
Wenn ich mir die Begeisterung von den Jugendlichen anschaue, da sage ich sofort Ja. Wenn ich sehe, wie es in den Vereinen momentan aussieht, kommt ein Achtung mit fünf Ausrufezeichen, weil viele Vereine sagen, der Nachwuchs wird immer weniger. Es bleiben halt auch immer weniger Kinder da. Sie gehen zum Studieren fort und sind weg. Eigentlich betrachtet man die Entwicklung mit Sorge. Viele Vereine sagen, sie können nicht mehr alleine spielen und bilden bereits Spielgemeinschaften wie beim Fußball.

Ist Projektmusik eine Lösung?
Für die Vereine ist das eigentlich keine Lösung, aber es kommt immer mehr. Ein Projekt, das wir vom Musikbund selbst anbieten, ist das Kreisorchester, wo man einmal auf sehr hohem Niveau spielt. Ziel ist es, dass das wieder in die Vereine hineingetragen wird. Ich glaube, wenn man Musik gut macht - egal welche Musik - ist es die Chance für die Vereine, dass die Leute dableiben und man das weitertragen kann.


Besetzung für den Alltag

Was ist, wenn Vereine trotz aller Bemühungen nur noch wenige Musiker haben?
Vielleicht kann es eine Möglichkeit sein, dass man eine kleine Besetzung für den Musikalltag im Ort hat, also für Ständchen oder kirchliche Anlässe, und dass zwei oder drei Vereine zusammen ein gemeinsames Konzert gestalten, damit man einmal eine komplette Orchesterbesetzung hat. Die gibt es nämlich kaum mehr. Das läuft auch schon ganz oft.
Das Gespräch führte
Heike Beudert.