Das idyllische Bild dürfte vom Anfang des letzten Jahrhunderts stammen. Es zeigt einen kleinen Teil des Deutschordensschlosses und das frühere Gesindehaus. Und überall Wasser auf dem Enten schwimmen. Die älteren Münnerstädter kennen noch den Wasserarm der am Jörgentor in die Stadt floss, zwischen Schloss und Gesindehaus, unter dem Juliusspital hindurch, zum Kloster und schließlich nahe der früheren Molkerei vorbeifloss, um sich dann mit der Lauer zu vereinen.

So Idyllisch das auch war, der Lauerarm sorgte auch regelmäßig dafür, dass die untere Stadt ihrem Namen alle Ehre machte und buchstäblich unter Wasser stand. Nach einem verheerenden Hochwasser Im Jahr 1969 begannen die Pläne für die Hochwasserfreilegung. 1972 wurde der Zufluss gekappt und das restliche Quellwasser verrohrt.

Viele Geschichten kursieren über dem Wasserarm, die Stadtlauer, wie sie auch genannt wurde. Hans Petsch kennt sie alle. Er war zwei Jahre alt, als sein Vater Alois den Hof samt Mühle kaufte. Hans Petsch zeigt seinen Garten. Da gibt es den Wasserarm noch, je die Hälfte gehört ihm und seinem Nachbarn. Die Verbindung zu den Bächen vor der Stadtmauer ist zwar gekappt, trotzdem führt der Arm Wasser. "Es ist Quellwasser", weiß der frühere Landwirt. Das Wasser führt über einen Einlass unter das Haus "Das war die Mühle, die wir bis 1962 betrieben haben."

Erinnerungen

Im Haus holt Hans Petsch ein altes Fotoalbum hervor. Es birgt Erinnerungen an Menschen, an alte Zeiten und an ganz viel Wasser. Da, wo sich heute die Deutschherrnstraße befindet, gab es früher reichlich davon. Es reichte vom Eingang zum Schloss bis fast zum Parkplatz des Deutschherrnkellers und floss in Richtung Hauptstraße ab, um dann unter dem Juliusspital zu verschwinden. Hans Petsch zeigt ein Foto, das ihn zusammen mit seinem Bruder Hellmut und Großmutter Marie zeigt. Das Bild entstand auf dem heimischen Grundstück mit dem Deutschordensschloss und dem Wasserlauf im Hintergrund.

Natürlich war für einen Buben so ein Wasserlauf vor der Haustür etwas ganz Tolles. Aus den verschiedensten Dingen wurden Floße oder Bote gebaut. Sieben, acht Kinder wohnten in der Nachbarschaft, dann kamen noch die Vertriebenen dazu, die im Schloss untergebracht wurden. "Wir waren 20 Kinder, das war ein Hallo" , erinnert sich Hans Petsch. Als Boot dienten beispielsweise von Flugzeugen abgeworfene Tanks. "Die waren wie ein Faltboot."

Nicht ungefährlich

Königsdisziplin und Mutprobe zugleich war die Fahrt auf dem Wasserarm unter dem Juliusspital hindurch. Mehrmals hat das Hans Petsch getan. Bernd Wohlfromm, dessen Vater auf dem Areal neben dem Schloss einen Malerbetrieb aufbaute, ist zwar etwas jünger als Hans Petsch, aber auch er kennt den Lauerarm und die Durchfahrt unter dem Spital noch bestens. "Das war nicht ungefährlich", sagte er. Die Gefahren lauerten allerdings nicht im Wasser, sondern oben. Damals sei das Abwasser noch direkt in die Lauer geflossen, erinnert er sich. Wenn die Kinder bei der Durchfahrt einen ungünstigen Moment erwischten, gab es eine böse Überraschung von oben.

Die Stadtlauer diente aber nicht nur den Kindern zum Spielen. Nahe dem Schloss war der Wasserlauf gepflastert. So konnte er einerseits, außerdem gab es sie Möglichkeit. Fuhrwerke direkt ins Wasser zu fahren. Die wurden sie von Dreck befreit, im Sommer war das Wässern nötig, damit die hölzernen Räder aufquellen und damit stabil bleiben.

Die Jahre gingen ins Land, Hans Petsch übernahm die elterliche Landwirtschaft. Immer wieder einmal gab es Überschwemmungen, aber man hatte mehr oder weniger gelernt, damit zu leben. "Deswegen gibt es in der unteren Stadt auch keine Keller", sagt Hans Petsch. Die würden ständig unter Wasser stehen.

Das Rekordhochwasser im Jahr 1969 änderte alles. "Das war das erste Mal, dass ich Wasser die Lauer hinauffließen sah", erinnert er sich. An der Brücke in der Meiningerstraße war durch Treibholz ein regelrechter Damm entstanden, das Wasser staute sich zurück. Von außen drückte es an die Stadtmauer, ein Einsturz war nicht ausgeschlossen. "Deshalb hat der Bundesgrenzschutz unser Jungvieh evakuiert", erinnert sich der Landwirt. "Und die Kühe standen beim Melken im Wasser."

Unmittelbar nach diesem Rekordhochwasser begannen die Planungen für eine Hochwasserfreilegung. Und die sah unter anderem vor, dass der Einlass an der Stadtmauer verschlossen wird und das restliche Quellwasser über Rohre abgeleitet wird. Aber das wollte Hans Petsch nicht so einfach hinnehmen. Er weiß noch, wie er bei einer Informationsveranstaltung im Rathaus einen Rechtsanwalt als "Rechtsverdreher" bezeichnet hat. Man hatte ihm schon prophezeit, dass er wegen der Hochwasserfreilegung noch im Gefängnis landen wird.

Schließlich wurden die Pläne umgesetzt, die Verrohrung begann im Februar 1972. Als allerdings ein Bautrupp anrückte, um auch den Bach in seinem Garten zuzuschütten, ging er auf die Barrikaden. Den konnte er schließlich retten. "Man hätte vieles erhalten können", ist Hans Petsch überzeugt. Und trotzdem wäre ein Hochwasserschutz möglich gewesen. Aber das war der Trend der Zeit. Eine Wiederherstellung des Mühlbaches scheint nicht umsetzbar. Für den Fall, das dies jemals passiert, hat Bernd Wohlfromm schon einen Plan: "Dann mache ich sofort einen Gondelverleih auf."