Erstmals in diesem Jahr konnte ein Abend aus der Veranstaltungsserie "Lesen und lesen lassen" im Deutschherrnkeller stattfinden. Die meisten der vorgetragenen Texte hatten in irgendeiner Form mit Münnerstadt zu tun. Dazu kam eine Autorin aus Augsburg, die aus ihrer Fantasy-Romanreihe vorlas. Kurz gesagt: Es zeigte sich wieder einmal, dass "Lesen und lesen lassen" eine wirkliche Bereicherung des Kulturlebens in der Stadt darstellt. Gleich zweimal bekamen die Besucher Texte von Heini Hochrein (1925 bis 2005) zu hören, die zum Teil dem Bändchen "Mürschter Viecherei" entnommen sind.

Den Anfang machte Elisabeth Betzer mit Hochreins Gedanken über das Heimatspiel, wie es früher war. Da kam es schon mal vor, dass die Kanonen zu früh abgefeuert wurden, obwohl die Schweden noch gar nicht vor der Stadt standen. Im Alter von fünf Jahren war Heini schon mit bei den Bildhäusern und später als Mönch und Schnitter dabei. Im Heimatspiel-Text heißt es: "Un wenn's der Pater Prior nicht verwehrt, sei jedem heut' ein Krüglein Bier beschert." Deshalb zogen drei Dutzend Schnitter an die Klosterpforte und bekamen tatsächlich ihr Bier, da der "richtige" Abt gerade in Würzburg war.

Mia Hochrein hatte "Gedanken über das Alter" mitgebracht, die ihr Vater im Jahr 1992, mit 67 Jahren also, niedergeschrieben hatte. Der wusste: "Das Alter fängt nicht mit dem 60. Geburtstag an, sondern mit der Geburt." Es sei angenehm, wenn jemand feststellt: "Du bist zwar älter, aber immer noch der Alte." Er hatte Wörter von altmodisch über altklug und altbacken bis altehrwürdig gesammelt, aber auch Altmännergeschwätz. Und er wusste: "Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens."

Fantasy war die Ausnahme

Geplant waren eigentlich, wie schon erwähnt, Texte im Zusammenhang mit Münnerstadt und dem Stadtjubiläum. Eine Ausnahme machte da die 36-jährige Lehrerin Lilith Lamprecht aus Augsburg. Sie las aus ihrem Fantasy-Roman "Daijin" vor, dem zweiten einer auf fünf Bände angelegten Reihe. Der dritte Band erscheint in wenigen Tagen. Es ist die Geschichte einer fremden Welt, in der Unsterbliche leben und über Sterbliche herrschen, in der es auch Auseinandersetzungen und Kriege gibt. In einer namenlosen Welt waren die Daijin die unsterblichen Hüter, bis sie verschwanden. Nun regieren die unsterblichen Askaris seit Jahrhunderten und bestimmen die Schicksale der Sterblichen....

Allein die ersten drei Bände haben um die 2000 Seiten. "Wenn man eine eigene Welt erschafft, kann man sich nicht kleinhalten auf wenigen Seiten", erklärt die Autorin dazu. Sie sagt sich "selbst ist die Frau" und verzichtet darauf, für die Herausgabe ihrer Bücher einen Verlag zu suchen. Sie nutzt stattdessen die Möglichkeit des "Books on demand" (d. h., die Exemplare werden bei Bestellung einzeln gedruckt) beim Versandhändler Amazon. Einen Lektor hat sie natürlich nicht, aber zwei Freunde lesen ihre Manuskripte gegen, bevor sie veröffentlicht werden. Die beiden Bände (Daijin mit 615 und Thi'kanor mit 758 Seiten) gibt es auch als E-Books.

Der Auftritt von Lilith Lamprecht in Münnerstadt war übrigens ihre erste öffentliche Lesung. Wie kommt sie hierher? Vanessa Geiling aus Großwenkheim hat sie im Internet entdeckt und spontan hergeholt. Und es hat sich gelohnt, wie der Applaus deutlich machte. Zusammen mit Hartmut Hessel, dessen Buch-Antiquariat sie in Kürze übernehmen wird, las sie aus dem Buch von Karl Dinklage (1907-1987) über die Geschichte von Münnerstadt.

Ein Buch, zwei Versionen

Das gibt es in zwei ziemlich unterschiedlichen, 50 Jahre auseinanderliegenden Versionen. Die erste erschien 1935 als Doktorarbeit. Dinklage, dessen Mutter aus Münnerstadt stammte und der hier auch sein Abitur machte, hatte "wenig Chancen, sich dem System zu entziehen", stellte Hessel fest. Stellenweise geht es in dem Buch um alte bekannte Probleme wie Bausubstanz oder schlechte Haushaltslage, aber auch um die NSDAP, die verherrlicht wird.

Nach dem Krieg wurde Dinklage Archivar im Landesarchiv von Kärnten und Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Wien. Im Auftrag der Stadt Münnerstadt aktualisierte er zum Stadtjubiläum von 1985 sein altes Buch. Vanessa Geiling hatte allerdings daraus nicht viel vorzulesen, denn das Kapitel über die Nazi-Zeit wurde auf einen Absatz mit acht Zeilen über das Lager des Reichsarbeitsdienstes auf dem Schindberg und die Verlegung der Kreisleitung der NSDAP nach Bad Kissingen reduziert. Hessel lobte, dass Dinklage die Vor- und Frühgeschichte der Stadt gut aufgearbeitet hat, "aber es hätte nicht wieder Karl Dinklage sein müssen, der 1985 die Geschichte aufgreift". Er wünscht sich, dass in den nächsten Jahren jemand die Stadtgeschichte von Münnerstadt neu schreibt.

Aus dem Bändchen "Es war einmal in Münnerstadt" las Marga Behrschmidt den kurzen Text "Der Lateinschüler" vor.

Der nächste Termin

Für den nächsten Lesen-und-lesen-lassen-Abend steht schon ein Termin fest: Freitag, der 20. November.